Grusselgeschichte aus Deutschland
Das Dorf – Chronik des Schweigens

Foto: Das Titelbild wurde mit einer KI (Microsoft Copilot) erstellt und ist nicht aus einem urheberrechtlich geschützten Werk abgeleitet. Es zeigt ein frei nutzbares Bild passend zu meiner Geschichte.
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Klappentext:
Walddorf – ein abgelegenes Dorf, umgeben von einem endlosen, dunklen Wald. Seit Jahrhunderten flüstern die Bewohner von einer unheilvollen Legende: dem „Zeichen des Hungers“ und einem Wesen, das im Schatten der Bäume lebt.

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Lesedauer zirka 35 Minuten

Das Dorf – Chronik des Schweigens

Vorgeschichte – Kapitel 1
Walddorf, Herzogtum Bayern, Anno 1452

Der Nebel hing schwer zwischen den knorrigen Ästen der uralten Eichen, als hätte er beschlossen, das Dorf zu verschlingen. Walddorf war klein, kaum mehr als ein Dutzend Häuser, deren Dächer unter dem Gewicht von Moos und jahrzehntelangem Regen ächzten. Die Menschen hier lebten zurückgezogen, und wenn sie sprachen, dann leise – als fürchteten sie, dass jedes zu laute Wort etwas im Wald wecken könnte.
Am Rande des Dorfes, auf einer leichten Anhöhe, thronte das Anwesen der Familie von Walhoffer. Ein massiver Bau aus grauem Stein, mit schmalen Fenstern wie Augen, die jeden Schritt im Tal beobachteten. Julius von Walhoffer, ein Mann mit scharf geschnittenem Gesicht und kalten Augen, herrschte nicht nur über seine Ländereien, sondern auch über die Menschen. Seine Frau Gerlinde, bleich und von einer unheimlichen Ruhe, war selten in der Öffentlichkeit zu sehen.
Doch es waren nicht die Eltern, die den Dorfbewohnern den Schlaf raubten. Es waren ihre Kinder.
Heinrich, fünfzehn Jahre alt, groß für sein Alter, mit einem Blick, der zu lange an einem haften blieb. Waltraud, sechzehn, mit einem Gesicht, das von ferne schön wirkte, doch aus der Nähe etwas Unstimmiges offenbarte – ein Lächeln, das nie die Augen erreichte. Beide waren anders. Zu still. Zu aufmerksam.
Die ersten Gerüchte begannen mit Tieren. Ziegen, die man am Waldrand fand, aufgeschlitzt, das Fell blutverklebt. Hühner, deren Körper leer waren, als hätte jemand sie von innen heraus ausgehöhlt. Niemand sprach offen darüber, doch die Blicke, die man sich auf dem Dorfplatz zuwarf, sagten alles.
Eines Abends, als der Mond wie ein fahles Auge über den Baumwipfeln hing, hörte der alte Holzfäller Matthias Schreiner Schreie aus dem Wald. Er folgte ihnen, vorsichtig, das Beil in der Hand. Zwischen den Bäumen, im schwachen Licht, sah er zwei Gestalten knien. Heinrich und Waltraud. Vor ihnen lag ein Reh, der Bauch aufgerissen, dampfend in der kalten Nacht. Die Kinder griffen mit bloßen Händen hinein, ihre Finger glänzten rot.
„Bei allen Heiligen…“, murmelte Matthias, trat einen Schritt zurück – und trat auf einen Ast. Das Knacken hallte wie ein Schuss.
Waltraud hob den Kopf. Ihre Augen waren schwarz im Mondlicht. „Du hast uns gesehen“, sagte sie leise, fast freundlich.
Matthias rannte. Er sprach nie darüber.
Doch es blieb nicht bei Tieren.
Im Herbst desselben Jahres verschwand die Müllerstochter Anna. Man fand sie drei Tage später, tief im Wald, unter einer Schicht aus Laub. Ihr Körper war verstümmelt, Herz und Leber fehlten. Die Dorfbewohner wussten, wer es gewesen war – aber niemand wagte, Julius oder Gerlinde zu beschuldigen. Die Walhoffers waren mächtig, und ihre Wut wäre schlimmer als jedes Unheil.
In den Nächten hörte man manchmal Schritte vor den Häusern. Langsam, bedächtig. Manchmal ein leises Klopfen an der Tür, das verstummte, sobald man sich näherte.
Die Angst wurde ein ständiger Begleiter.
Eines Abends saßen Julius und Gerlinde im großen Saal des Anwesens. Das Feuer im Kamin warf lange Schatten an die Wände. „Sie werden reden“, sagte Gerlinde, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch. „Sie werden schweigen“, entgegnete Julius. „Sie wissen, was geschieht, wenn sie es nicht tun.“
Von draußen drang ein leises Lachen herein. Kinderlachen. Doch es war kein fröhlicher Klang – es war das Lachen von jemandem, der wusste, dass er keine Grenzen fürchten musste.
Und tief im Wald, zwischen den uralten Bäumen, begann etwas zu wachsen. Etwas, das nicht sterben würde.

Kapitel 2
Walddorf, Anno 1461

Der Winter hatte das Land fest im Griff. Schnee lag wie ein Leichentuch über den Feldern, und der Wald stand schwarz und still, als hielte er den Atem an. Seit Wochen hatte niemand Heinrich oder Waltraud gesehen. Kein leises Lachen mehr in der Nacht, keine Schritte vor den Türen. Nur Stille – und eine seltsame, lauernde Erwartung, die in den Gassen hing.
Im Dorf flüsterten die Leute, sie seien fort. Manche sagten, sie hätten sich in die Tiefen des Waldes zurückgezogen, dorthin, wo kein Mensch je freiwillig ging. Andere behaupteten, sie seien tot – doch niemand konnte es beweisen.
Julius von Walhoffer stand am Fenster seines Anwesens, den Blick auf den verschneiten Hang gerichtet. „Sie kommen zurück“, sagte er, ohne sich umzudrehen. Gerlinde, in einen schweren Pelz gehüllt, saß am Kamin. „Vielleicht ist es besser, wenn nicht.“ „Sie sind unsere Kinder.“ „Sie sind… etwas anderes.“
In dieser Nacht begann es.
Eine Gruppe von Männern, angeführt vom Schmied Lorenz und dem Holzfäller Matthias Schreiner, schlich sich den Hang hinauf. Ihre Gesichter waren hart, ihre Augen entschlossen. Sie trugen Fackeln und Äxte, und keiner sprach ein Wort. Der Schnee knirschte unter ihren Stiefeln wie das Brechen von Knochen.
Matthias blieb kurz stehen, lauschte. „Hört ihr das?“ Ein fernes Knacken, tief aus dem Wald. Dann wieder Stille.
Sie erreichten das Anwesen. Das Tor war unverschlossen. Drinnen roch es nach kalter Asche und Eisen. Julius trat aus dem Schatten der Halle, das Schwert in der Hand. „Was wollt ihr hier?“ Lorenz trat vor. „Gerechtigkeit.“
Es ging schnell. Julius kämpfte wie ein Mann, der wusste, dass er keine Gnade erwarten konnte. Gerlinde schrie nicht, als man sie packte – sie sah nur jeden ihrer Angreifer an, als wollte sie ihre Gesichter für immer einprägen.
Das Feuer fraß sich durch die alten Balken, während draußen der Schnee rot wurde. Die Flammen warfen zuckende Schatten in den Wald, und für einen Moment schwor Matthias, zwei Gestalten zwischen den Bäumen zu sehen – groß, reglos, beobachtend.
Als das Anwesen in sich zusammenbrach, begannen die Männer, junge Bäume auf dem verkohlten Boden zu pflanzen. „Damit niemand mehr weiß, was hier stand“, murmelte Lorenz.
Doch in den folgenden Nächten hörte man wieder Schritte im Wald. Langsam, bedächtig. Und manchmal, wenn der Wind aus der Tiefe der Bäume kam, trug er ein leises Lachen mit sich.
Etwas war nicht beendet. Es hatte sich nur zurückgezogen.

Hauptgeschichte – Kapitel 1
Reutau, Frühjahr 1959

Der Regen hatte die Straßen von Reutau in spiegelnde Bänder verwandelt. Das Kopfsteinpflaster glänzte im Licht der wenigen Laternen, und der Wind trug den Geruch von nassem Holz und Rauch durch die Gassen. In der kleinen Polizeidienststelle am Marktplatz brannte noch Licht.
Kommissar Gerald Stachner stand am Fenster seines Büros, eine Zigarette zwischen den Fingern, und starrte hinaus in die Nacht. Er war ein Mann Mitte vierzig, breitschultrig, mit einem Gesicht, das von zu vielen langen Nächten und zu wenig Schlaf gezeichnet war. Hinter ihm blätterte Petra Baumann, seine Kollegin, in einem Stapel Akten. Sie war zehn Jahre jünger, scharfzüngig, mit einem Blick, der selten etwas übersah.
„Das ist jetzt die vierte Leiche in drei Monaten“, sagte sie, ohne aufzusehen. „Immer dasselbe Muster. Herz, Leber, Nieren entfernt. Und immer im Wald bei Walddorf.“ Stachner zog an seiner Zigarette. „Und immer jemand aus Reutau.“
Er drehte sich um, nahm die oberste Akte vom Stapel. Schwarz-weiße Tatortfotos. Ein Körper, halb unter Laub begraben, die Haut fahl, die Augen leer. Der Wald im Hintergrund wirkte wie eine Mauer aus Schatten.
„Die Walddorfer sagen nichts“, fuhr Petra fort. „Ich war gestern dort. Die Leute sehen dich an, als wüssten sie etwas – aber keiner spricht. Es ist, als hätten sie Angst, dass der Wald zuhört.“
In diesem Moment klopfte es an der Tür. Julia Bachmaier trat ein, eine junge Frau mit kurzem, dunklem Haar und einem Notizbuch unter dem Arm. Sie arbeitete für die Reutauer Presse, eine kleine Lokalzeitung, und hatte den Ruf, sich in Dinge zu verbeißen, die andere lieber ruhen ließen.
„Ich habe gehört, Sie fahren morgen nach Walddorf“, begann sie ohne Umschweife. „Ich möchte mitkommen.“ Stachner musterte sie. „Das ist kein Ausflug, Fräulein Bachmaier. Da draußen verschwinden Menschen.“ „Genau deshalb will ich dabei sein. Die Leute reden vielleicht nicht mit der Polizei – aber vielleicht mit mir.“
Petra lehnte sich zurück, verschränkte die Arme. „Und was glauben Sie, werden die Ihnen erzählen?“ Julia lächelte dünn. „Vielleicht nichts. Vielleicht aber auch etwas, das Sie nicht hören sollen.“
Draußen peitschte der Regen gegen die Scheiben. Irgendwo in der Ferne grollte Donner.

Am nächsten Morgen
Die Straße nach Walddorf schlängelte sich durch ein endloses Meer aus Bäumen. Der Wald war dicht, fast undurchdringlich, und die wenigen Pfade, die ins Unterholz führten, wirkten wie dunkle Schlünde. Nebel hing zwischen den Stämmen, und manchmal glaubte Julia, im Augenwinkel eine Bewegung zu sehen – doch wenn sie den Kopf drehte, war da nur Stille.
„Es gibt nur diese eine Straße ins Dorf“, erklärte Stachner, der am Steuer saß. „Alles andere sind alte Holzfällerpfade. Manche führen ins Nichts.“ „Oder zu etwas, das man nicht finden soll“, murmelte Julia und schrieb in ihr Notizbuch.
Walddorf selbst wirkte wie aus einer anderen Zeit. Schmale Gassen, Häuser mit schiefen Dächern, und Gesichter, die sich sofort abwandten, wenn man sie ansah. Auf dem kleinen Platz stand ein steinerner Brunnen, das Wasser darin schwarz wie Tinte.
„Wir quartieren uns in der Pension ein“, sagte Petra. „Emma Geiger. Lebt etwas außerhalb, mitten im Wald.“ Julia hob eine Augenbraue. „Klingt… einladend.“
Als sie das Haus erreichten, stand Emma bereits in der Tür. Eine hagere Frau mit tiefen Falten und Augen, die zu viel gesehen hatten. „Ihr seid spät“, sagte sie nur und trat beiseite.
Drinnen roch es nach altem Holz und Kräutern. Überall hingen getrocknete Bündel von Pflanzen, und in der Ecke knisterte ein kleines Feuer.
„Ihr werdet den Wald hören, wenn ihr schlaft“, sagte Emma, während sie Julia den Schlüssel zu ihrem Zimmer gab. „Er spricht manchmal. Aber nicht jeder versteht ihn.“
Julia fröstelte.

Kapitel 2
Walddorf, später Nachmittag

Der Himmel über Walddorf war bleigrau, und der Wind trug den Geruch von feuchtem Laub und Moder durch die engen Gassen. Julia hatte sich nach dem Mittagessen in der Pension aufgemacht, um allein durchs Dorf zu gehen. Emma Geiger hatte sie dabei mit einem Blick bedacht, der irgendwo zwischen Warnung und Mitleid lag.
Die Straßen waren fast leer. Nur ein alter Mann saß auf einer Bank vor dem Brunnen, den Kragen seines Mantels hochgeschlagen. Als Julia sich näherte, musterte er sie mit wässrigen Augen. „Sie sind nicht von hier“, stellte er fest. „Nein. Ich recherchiere für die Zeitung in Reutau.“ Er nickte langsam, als hätte er das schon geahnt. „Dann passen Sie auf, Fräulein. Der Wald… nimmt sich, was er will.“
Bevor Julia nachfragen konnte, stand er auf und ging, den Blick starr auf den Boden gerichtet.

Am Waldrand
Julia folgte einem schmalen Pfad, der zwischen zwei Häusern begann und direkt in den Wald führte. Die Bäume standen dicht beieinander, ihre Äste wie knochige Finger ineinander verschränkt. Der Boden war weich, bedeckt von einer dicken Schicht aus nassem Laub.
Nach wenigen Minuten hörte sie Schritte hinter sich. Sie drehte sich um – und sah einen jungen Mann, vielleicht Mitte zwanzig, mit wirrem Haar und einem abgetragenen Mantel. „Sie sollten nicht hier sein“, sagte er. „Warum nicht?“ „Weil das Waldwesen Sie schon bemerkt hat.“
Julia zog die Augenbrauen hoch. „Das… Waldwesen?“ Er trat näher, seine Stimme wurde leiser. „Es lebt hier. Niemand hat es je gesehen, aber jeder weiß, dass es da ist. Wenn etwas Schlimmes passiert, sagen die Leute: Das hat das Waldwesen so gewollt. Kinder werden still, wenn man ihnen sagt, es holt sie. Und manchmal…“ – er sah sich um – „…manchmal hört man es atmen.“
Ein kalter Schauer lief Julia den Rücken hinab. „Und Sie glauben daran?“ „Ich weiß nur, dass Menschen verschwinden. Und dass der Wald sie nicht wieder hergibt.“
Er stellte sich als Lutz Heimer vor, ein Holzarbeiter, der am Rand des Dorfes lebte. „Wenn Sie wirklich wissen wollen, was hier los ist, dann kommen Sie morgen früh zum alten Forstpfad. Aber allein.“
Bevor Julia antworten konnte, war er schon zwischen den Bäumen verschwunden.

Abend in der Pension
Das Feuer im Kamin knisterte, während draußen der Wind durch die Äste fuhr. Emma Geiger stellte Julia eine Tasse dampfenden Kräutertee hin. „Sie waren im Wald“, stellte sie fest. „Ja.“ „Dann werden Sie heute Nacht nicht gut schlafen.“
Julia wollte etwas erwidern, doch in diesem Moment glaubte sie, draußen im Dunkeln ein leises, langgezogenes Atmen zu hören.

Kapitel 3
Walddorf, tiefe Nacht

Der Regen hatte aufgehört, doch der Wind war geblieben. Er strich durch die Äste wie ein unsichtbarer Atem, ließ die alten Holzbalken der Pension knarren und das Feuer im Kamin flackern. Julia lag wach in dem schmalen Bett, die Decke bis zum Kinn gezogen.
Zuerst war es nur das leise Rauschen des Waldes, das durch das gekippte Fenster drang. Dann kam ein anderes Geräusch hinzu – ein langsames, rhythmisches Knacken, als würde jemand vorsichtig über den feuchten Waldboden treten.
Sie setzte sich auf, lauschte. Knack… Pause… Knack. Es kam näher.
Julia stand auf, schlich zum Fenster und schob den Vorhang beiseite. Zwischen den Stämmen der Bäume war nur Dunkelheit. Doch dann – ein Schatten, groß, massig, reglos. Für einen Herzschlag lang hatte sie das Gefühl, dass er sie ansah.
Ein leises, langgezogenes Atmen drang zu ihr herüber. Nicht das Rascheln des Windes – sondern etwas Tieferes, Schweres.
„Sie sollten nicht hinsehen.“ Julia fuhr herum. Emma Geiger stand in der Tür, barfuß, ein Kerzenhalter in der Hand. Ihr Gesicht lag halb im Schatten. „Haben Sie das gehört?“ Emma nickte langsam. „Der Wald spricht heute Nacht. Manche Stimmen sollte man nicht beantworten.“

Der Zwischenfall
Gegen drei Uhr riss ein dumpfer Schlag Julia aus einem unruhigen Schlaf. Schritte im Flur, hastig, schwer. Sie öffnete die Tür – und sah Emma, die mit einer Laterne in der Hand zur Haustür eilte.
„Was ist passiert?“ „Jemand klopft. Aber nicht wie ein Mensch.“
Draußen, vor der Tür, lag ein totes Reh. Der Bauch war aufgerissen, die Eingeweide fehlten. Frisches Blut sickerte in den Waldboden. Keine Spuren im Schnee – als hätte es der Wald selbst dort hingelegt.
Emma machte das Kreuzzeichen. „Das ist eine Warnung.“

Am nächsten Morgen
Stachner und Petra standen vor dem Haus, die Hände tief in den Manteltaschen vergraben. „Kein Abdruck, keine Schleifspur“, murmelte Petra, während sie den Boden absuchte. „Das Tier ist einfach… hier.“ Stachner sah zu Julia. „Sie haben gesagt, Sie hätten in der Nacht etwas gesehen?“ Julia nickte. „Einen Schatten. Groß. Und… es hat geatmet.“
Stachner warf einen Blick in den Wald. Die Bäume standen still, doch zwischen ihnen lag eine Dunkelheit, die nicht nur vom fehlenden Licht kam.
„Wir fahren gleich ins Dorf“, sagte er. „Jemand weiß mehr, als er zugibt.“

Kapitel 4
Walddorf, später Vormittag

Der Nebel hatte sich noch nicht ganz gelichtet, als Stachner, Petra und Julia den Dorfplatz betraten. Das Pflaster war uneben, zwischen den Steinen wuchs Moos, und das Wasser im Brunnen schimmerte dunkel. Die wenigen Menschen, die unterwegs waren, hielten den Blick gesenkt, manche wechselten sogar die Straßenseite.
„Freundlich ist anders“, murmelte Petra. „Das ist keine Feindseligkeit“, entgegnete Julia leise. „Das ist Angst.“
Sie gingen von Haus zu Haus, klopften, stellten Fragen. Die Antworten waren knapp, ausweichend. „Ich weiß nichts.“ „Ich habe nichts gehört.“ „Fragen Sie jemand anderen.“
Einmal öffnete eine Frau nur einen Spalt, gerade so weit, dass ein Auge sichtbar wurde. „Gehen Sie wieder“, flüsterte sie. „Der Wald mag keine Fremden.“ Dann fiel die Tür ins Schloss.

Die Begegnung
Am Rand des Platzes, auf einer Bank unter einer knorrigen Linde, saß ein alter Mann. Sein Gesicht war wettergegerbt, die Hände knotig wie Wurzeln. Er rauchte aus einer Pfeife, der Rauch kringelte sich träge in der kalten Luft.
„Sie suchen nach den Toten“, sagte er, noch bevor jemand ein Wort gesagt hatte. Stachner blieb stehen. „Kennen Sie sie?“ Der Alte schüttelte den Kopf. „Ich kenne nur den Wald. Und seine Geschichten.“
Julia setzte sich neben ihn. „Welche Geschichten?“ Er sah sie lange an, als wolle er prüfen, ob sie bereit war, zu hören, was er sagen würde. „Vor vielen hundert Jahren gab es hier ein Haus. Groß, aus Stein. Die, die darin lebten, waren nicht wie andere Menschen. Sie hatten Kinder… Kinder, die Hunger hatten. Einen Hunger, den kein Brot stillen konnte.“
Petra runzelte die Stirn. „Sie reden von einer Legende.“ „Legenden sterben nicht, wenn der Wald sie bewahrt.“ Der Alte beugte sich vor. „Man sagt, die Wurzeln der Bäume dort draußen wachsen durch die Mauern, die unter der Erde noch stehen. Und manchmal… manchmal kommt etwas zurück.“
Julia spürte, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten. „Was kommt zurück?“ Der Alte lächelte ohne Freude. „Fragen Sie lieber nicht. Manche Antworten folgen einem bis in den Schlaf.“

Zurück in der Pension
Auf dem Rückweg durch die engen Gassen bemerkte Julia, dass hinter Gardinen Augenpaare auftauchten und wieder verschwanden. Es war, als würde das ganze Dorf sie beobachten – und gleichzeitig hoffen, dass sie bald verschwanden.
Emma Geiger wartete bereits an der Tür. „Ihr habt mit Jakob geredet“, stellte sie fest. „Der alte Mann auf der Bank?“ „Er redet zu viel. Aber er lügt nicht.“
Draußen begann der Wind wieder zu wehen, und aus der Ferne drang das dumpfe Knacken eines Astes. Es klang, als sei es nicht vom Sturm verursacht worden.

Kapitel 5
Am alten Forstpfad, früher Morgen

Der Nebel hing schwer zwischen den Stämmen, als Julia den schmalen Pfad entlangging. Stachner und Petra folgten dicht hinter ihr, die Hände in den Manteltaschen, die Augen wachsam. Der Wald war still – zu still. Kein Vogelruf, kein Rascheln im Unterholz. Nur das leise Knirschen von feuchtem Laub unter ihren Schritten.
Lutz Heimer wartete an einer Weggabelung, die von zwei moosbewachsenen Steinsäulen flankiert wurde. Er wirkte nervös, sein Blick huschte immer wieder in die Schatten zwischen den Bäumen. „Ihr seid gekommen“, sagte er knapp. „Gut. Aber wir müssen leise sein.“
Er führte sie tiefer in den Wald, den alten Forstpfad entlang. Die Bäume standen hier so dicht, dass kaum Licht den Boden erreichte. Der Geruch von feuchter Erde und Moder lag schwer in der Luft.
„Hier“, flüsterte Lutz schließlich und blieb stehen.

Die Entdeckung
Vor ihnen lag eine kleine Lichtung. In der Mitte: ein umgestürzter Baum, dessen Wurzeln wie ein aufgerissenes Maul in den Himmel ragten. Davor – ein dunkler Fleck im Laub.
Petra kniete sich hin. „Blut. Frisch.“ Stachner zog die Stirn kraus. „Und das hier…“ Er hob ein Stück Stoff auf, zerrissen, blutgetränkt. „Frauenmantel. Hochwertiger Stoff. Das ist kein Dorfbewohner.“
Julia trat näher, ihr Blick glitt über den Boden – und blieb an etwas hängen. Zwischen den Wurzeln des umgestürzten Baumes lag ein kleiner, in Leder gebundener Beutel. Sie hob ihn vorsichtig auf und öffnete ihn. Darin: drei kleine, sorgfältig in Tuch gewickelte Gegenstände.
Petra nahm eines der Tücher und entrollte es. Darin lag – ein menschliches Herz.
Julia wich zurück, der Atem stockte. „Das ist nicht einfach ein Mord“, sagte Stachner leise. „Das ist… Ritual.“

Lutz’ Warnung
„Ich hab’s euch gesagt“, flüsterte Lutz, die Augen weit. „Das Waldwesen nimmt, was es will. Und manchmal… legt es Dinge zurück. Damit wir wissen, dass es noch da ist.“
„Oder jemand will, dass ihr das glaubt“, entgegnete Petra. Lutz schüttelte den Kopf. „Ihr versteht nicht. Wer hier im Wald lebt, kennt jeden Laut, jeden Geruch. Aber das… das ist anders. Es bewegt sich, ohne dass man es hört. Und wenn man es doch hört, ist es schon zu spät.“
Ein Ast knackte in der Ferne. Alle Köpfe fuhren herum. Zwischen den Stämmen war für den Bruchteil einer Sekunde eine Bewegung zu sehen – groß, massig, zu schnell, um ein Mensch zu sein.
„Zurück ins Dorf“, befahl Stachner. „Sofort.“

Auf dem Rückweg
Der Nebel schien dichter zu werden, je weiter sie gingen. Julia hatte das Gefühl, beobachtet zu werden – ein Blick, der schwer auf ihrem Rücken lag. Als sie sich einmal umdrehte, war da nur Wald. Doch tief in den Schatten meinte sie, zwei helle Punkte zu sehen. Augen.

Kapitel 6
Walddorf, später Vormittag

Der Rückweg vom Forstpfad war schweigend verlaufen. Jeder Schritt knirschte dumpf im feuchten Laub, und niemand wollte aussprechen, was sie alle dachten: Dass das, was sie gefunden hatten, nicht nur ein Mord war – sondern ein Echo aus einer anderen Zeit.
Im Dorf angekommen, zog Stachner Julia und Petra in eine schmale Seitengasse, fernab neugieriger Blicke.
„Kein Wort zu den Dorfbewohnern“, sagte er scharf. „Wenn das hier die Runde macht, kriegen wir gar nichts mehr aus ihnen heraus.“
Petra nickte. „Und wir wissen nicht, ob der Täter unter ihnen ist.“
Julia presste ihr Notizbuch an sich. „Ich werde nichts sagen. Aber ich will verstehen, was hier passiert.“

Die Spurensuche
Am Nachmittag zog sich Julia in ein kleines, staubiges Zimmer im hinteren Teil der Pension zurück. Emma hatte ihr den Schlüssel gegeben – „Das Archiv meines Vaters“, hatte sie gesagt, „er war Lehrer hier, bevor…“ – und den Satz nicht beendet.
Die Regale bogen sich unter dem Gewicht alter Bücher, vergilbter Zeitungen und handgeschriebener Chroniken. Julia zog einen schweren Band hervor: Walddorf – Geschichte eines vergessenen Ortes.
Zwischen den brüchigen Seiten fand sie einen Abschnitt, der ihr den Atem stocken ließ:
Anno 1452 – Die Familie von Walhoffer, Herrscher über Land und Wald, lebte in einem steinernen Anwesen am Rande des Dorfes. Ihre Kinder, Heinrich und Waltraud, waren von einer seltenen Krankheit befallen, die sie zu grausamen Taten trieb…
Julia las weiter, die Finger zitterten. Die Beschreibung der Verstümmelungen, der Entnahme von Organen – es war identisch mit den heutigen Morden.

Unterbrechung
Ein leises Klopfen riss sie aus der Lektüre. Emma stand in der Tür, den Blick ernst.
„Sie lesen von den Walhoffers.“
„Sie kannten die Geschichte?“
„Jeder hier kennt sie. Aber wir sprechen nicht darüber. Manche Dinge… bleiben besser unter der Erde.“
Julia schloss das Buch nicht. „Und wenn sie nicht unter der Erde geblieben sind?“
Emma schwieg einen Moment, dann trat sie näher. „Man sagt, der Wald vergisst nicht. Und er gibt zurück, was ihm genommen wurde.“

Abendstimmung

Als die Sonne hinter den Baumwipfeln versank, legte sich ein unruhiges Schweigen über das Dorf. Julia stand am Fenster ihres Zimmers und blickte in den Wald. Die Schatten zwischen den Stämmen wirkten tiefer als sonst, fast flüssig.
Und dann – für einen Augenblick – glaubte sie, eine Gestalt zu sehen. Breit, unbeweglich, halb verborgen hinter einem Stamm.
Als sie blinzelte, war sie verschwunden.

Kapitel 7
Tiefer Wald, nahe Walddorf

Der Himmel war von bleigrauen Wolken verhangen, als sie den schmalen Pfad verließen und tiefer ins Unterholz traten. Der Boden war weich vom Regen der letzten Tage, und jeder Schritt sog sich in den Matsch. Der Wald wirkte hier älter, dichter – als hätte er seit Jahrhunderten keinen Menschen mehr willkommen geheißen.
„Die Hütte liegt noch eine halbe Stunde von hier“, sagte Lutz Heimer, der wieder als Führer diente. „Sie wurde früher von Jägern genutzt, aber seit Jahren geht niemand mehr hin. Manche sagen, das Waldwesen hätte sie für sich beansprucht.“
Julia spürte, wie sich die Kälte durch ihren Mantel fraß. Die Stille war bedrückend, nur ab und zu knackte ein Ast in der Ferne.

Die Jagdhütte
Schließlich tauchte sie vor ihnen auf: ein schiefes, verwittertes Gebäude, halb von Moos überwuchert. Die Fenster waren blind vor Schmutz, die Tür hing schief in den Angeln.
Stachner trat zuerst ein, die Hand an der Waffe. Drinnen roch es nach feuchtem Holz und etwas Metallischem – Blut.
Petra leuchtete mit einer Taschenlampe in die Ecken. „Frisch“, murmelte sie. „Jemand war erst vor kurzem hier.“
Auf einem groben Holztisch lag ein Bündel aus grobem Leinen. Stachner öffnete es vorsichtig – darin befand sich ein Messer, die Klinge noch feucht, und ein Stück Stoff, das Julia sofort wiedererkannte: derselbe hochwertige Mantelstoff wie am Forstpfad.

Das Zeichen
An der hinteren Wand, knapp über dem Boden, war mit roter Farbe – oder Blut – ein Symbol aufgemalt: zwei ineinander verschlungene Kreise, durchzogen von einer senkrechten Linie. Julia fröstelte.
„Das ist kein Jagdzeichen“, sagte Lutz leise. „Das ist alt. Sehr alt.“ „Wie alt?“ fragte Petra. „Man sagt, es stammt aus der Zeit der Walhoffers. Manche nennen es das Zeichen des Hungers.“
Julia machte hastig eine Skizze in ihr Notizbuch. „Wenn das stimmt, dann will uns jemand genau auf diese Geschichte stoßen.“

Ein Geräusch
Plötzlich knackte es draußen. Schwer, langsam, wie ein Schritt. Dann noch einer. Stachner hob die Hand zum Schweigen, zog die Waffe und trat zur Tür.
Zwischen den Bäumen war nichts zu sehen – nur Nebel, der sich wie lebendig bewegte. Doch Julia hatte das Gefühl, dass etwas knapp außerhalb ihres Blickfeldes stand. Beobachtete. Wartete.
„Wir gehen“, sagte Stachner knapp. „Jetzt.“

Auf dem Rückweg
Der Wald schien enger zu werden, die Stämme rückten dichter zusammen. Julia war sicher, dass sie hinter sich ein leises, tiefes Atmen hörte – und dass es nicht von einem der anderen kam.

Kapitel 8
Walddorf, später Nachmittag

Der Regen hatte wieder eingesetzt, als sie das Dorf erreichten. Die Straßen waren leer, nur das Tropfen von Wasser auf die Dachziegel war zu hören. Stachner trug den Fund aus der Jagdhütte in einer verschlossenen Beweismitteltasche, während Petra immer wieder prüfend über die Schulter blickte.
„Wir sagen niemandem, was wir gefunden haben“, wiederholte Stachner. „Nicht, bevor wir wissen, was dieses Zeichen bedeutet.“ Julia nickte, doch in ihrem Kopf arbeitete es fieberhaft. Das Symbol – zwei Kreise, durchzogen von einer Linie – hatte sich in ihr eingebrannt.

Die Spur zur Kirche
Emma Geiger, die sie an der Tür erwartete, musterte das Zeichen auf Julias Skizze nur kurz – und wurde blass. „Das habe ich seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen.“ „Woher kennen Sie es?“ „Aus der alten Kirchenchronik. Sie liegt in der Sakristei, seit Jahrzehnten verschlossen. Der Pfarrer bewahrt sie wie einen Schatz – oder wie etwas, das nicht ans Licht soll.“
Wenig später standen sie vor der kleinen Dorfkirche. Das Gebäude war aus dunklem Bruchstein errichtet, das Dach von Moos überzogen. Drinnen roch es nach kaltem Weihrauch und feuchtem Holz.
Pfarrer Albrecht, ein hagerer Mann mit tiefen Falten, sah sie misstrauisch an. „Warum interessiert Sie die Chronik?“ Stachner antwortete knapp: „Weil Menschen sterben. Und wir glauben, dass die Antwort hier drin steht.“

Die Chronik
Der Pfarrer zögerte, dann holte er einen schweren, in Leder gebundenen Band aus einem Schrank. Die Seiten waren brüchig, die Schrift in verblassender Tinte.
Petra blätterte vorsichtig, bis sie auf eine Zeichnung stieß: das Symbol, exakt wie in der Jagdhütte. Darunter eine Notiz in alter Schrift:
Zeichen des Hungers – getragen von jenen, die dem Blut der Walhoffers entstammen. Es kündet von der Rückkehr des unstillbaren Verlangens.
Julia las weiter: Berichte von verschwundenen Dorfbewohnern im 15. Jahrhundert, von verstümmelten Leichen, von einer „Frau mit der Kraft eines Mannes“, die im Wald lebte und das Zeichen an ihrer Tür trug.
„Das ist kein Zufall“, flüsterte Julia. „Jemand kennt diese Geschichte – oder…“ „…ist Teil davon“, beendete Stachner den Satz.

Ein Schatten in der Kirche
Ein dumpfes Geräusch ließ sie alle herumfahren. Am Ende des Kirchenschiffs bewegte sich etwas – ein Schatten, der sich zwischen den Bänken zurückzog, bevor sie ihn klar erkennen konnten.
„War die Tür nicht verschlossen?“ fragte Petra scharf. Der Pfarrer nickte, sichtlich erschüttert. „Ja. Sie war verschlossen.“

Kapitel 9
Waldrand, Mitternacht

Der Mond stand wie ein fahles Auge über den Baumwipfeln, sein Licht drang nur bruchstückhaft durch den Nebel. Die Luft war kalt und roch nach feuchtem Moos. Stachner, Petra und Julia lagen in geduckter Haltung hinter einer niedrigen Steinmauer, die den letzten Rand des Dorfes vom Wald trennte.
„Wenn er wieder zuschlägt, dann hier“, flüsterte Stachner. „Die letzten beiden Opfer wurden keine hundert Meter von diesem Punkt gefunden.“
Julia zog den Mantel enger um sich. Jeder Laut schien in der Stille doppelt so laut – das ferne Knacken eines Astes, das Rascheln von Laub, das leise Tropfen von Wasser von den Ästen.

Die Bewegung
Kurz nach Mitternacht geschah es. Ein Schatten löste sich aus der Dunkelheit zwischen den Stämmen. Groß. Breit. Die Bewegungen langsam, aber zielgerichtet.
Julia hielt den Atem an. Die Gestalt trat ins fahle Mondlicht – und für einen Moment war das Gesicht zu sehen. Eine Frau. Massig gebaut, die Schultern wie die eines Holzfällers, das Haar wirr und verfilzt. Die Augen glänzten unnatürlich hell, als würden sie das Licht nicht nur reflektieren, sondern in sich tragen.
In der rechten Hand hielt sie etwas – ein langes, schimmerndes Messer. In der linken… ein Bündel, das in grobes Tuch gewickelt war.
„Das ist sie“, hauchte Petra. „Das muss sie sein.“

Der Blick
Plötzlich blieb die Frau stehen. Ihr Kopf drehte sich langsam in ihre Richtung. Julia spürte, wie ihr Herz raste. Es war, als würde die Fremde sie direkt sehen – trotz der Dunkelheit, trotz der Deckung.
Dann lächelte sie. Ein kurzes, schiefes Lächeln, das keine Wärme kannte. Ohne Eile wandte sie sich ab und verschwand wieder zwischen den Bäumen, lautlos, als hätte der Wald sie verschluckt.

Nachklang
„Wir hätten sie stellen müssen“, zischte Petra. „Nicht ohne Verstärkung“, entgegnete Stachner. „Hier draußen, bei Nacht – das wäre Selbstmord gewesen.“
Julia konnte den Blick der Frau nicht vergessen. Es war kein Blick wie der eines Menschen, der flieht. Es war der Blick von jemandem, der weiß, dass er jederzeit zurückkehren kann.

Kapitel 10
Walddorf, früher Morgen

Der Nebel hing noch tief, als sich eine kleine Gruppe von Polizisten, angeführt von Stachner und Petra, am Waldrand versammelte. Julia war ebenfalls dabei, ihre Kamera um den Hals, das Notizbuch griffbereit. Die Luft war feucht und roch nach Harz und Moder.
„Wir teilen uns auf“, erklärte Stachner. „Zwei Trupps, einer Richtung Forstpfad, der andere Richtung Jagdhütte. Wir suchen nach Spuren – und wir bleiben in Sichtweite.“
Die Männer nickten, und bald verschluckte der Wald die Gruppe.

Die Spur
Julia ging mit Petra und zwei Beamten den Forstpfad entlang. Nach einer halben Stunde entdeckte einer der Polizisten frische Fußabdrücke im weichen Boden – groß, tief, eindeutig von einer schweren Person.
„Die sind höchstens ein paar Stunden alt“, murmelte Petra. „Und sie führen… dort hin.“
Der Pfad endete an einer Senke, in deren Mitte ein großer, umgestürzter Baum lag. Dahinter, halb verborgen von Farn und Gestrüpp, war ein schmaler Eingang in den Hang gegraben – kaum mehr als ein Loch, aber groß genug, dass ein Mensch hineinkriechen konnte.

Das Versteck
Mit gezückter Waffe kroch Stachner als Erster hinein. Der niedrige Gang führte in eine kleine, feuchte Kammer unter der Erde. Der Geruch war beißend – eine Mischung aus Blut, altem Holz und etwas Süßlichem.
An den Wänden hingen getrocknete Kräuterbündel, daneben Tierknochen, sorgfältig aufgereiht. In einer Ecke stand eine grobe Holztruhe. Petra öffnete sie – darin lagen mehrere in Tuch gewickelte Päckchen.
Julia wich zurück, als Petra eines öffnete: ein menschliches Organ, sorgfältig in Salz konserviert.

Der Hinweis
Zwischen den Päckchen lag ein altes Medaillon, angelaufen, aber noch erkennbar: auf der Vorderseite das Symbol der verschlungenen Kreise, auf der Rückseite eine Gravur: E. S.
„Das ist kein Zufall“, sagte Julia leise. „Das ist ein Erbstück. Und wenn ich raten müsste… stammt es aus der Zeit der Walhoffers.“
Stachner schloss die Truhe. „Wir nehmen alles mit. Und wir finden heraus, wem diese Initialen gehören.“

Ein letztes Zeichen
Als sie das Versteck verließen, bemerkte Julia etwas am Eingang: in den feuchten Boden war mit einem Stock ein Wort gekritzelt – Hunger.
Der Wind fuhr durch die Bäume, und für einen Moment war es, als würde der Wald selbst leise lachen.

Kapitel 11
Walddorf, später Vormittag

Der Regen hatte sich in feinen Niesel verwandelt, der wie ein grauer Schleier über den Dächern hing. Stachner und Petra gingen von Haus zu Haus, Julia folgte ihnen mit ihrem Notizbuch. Die Frage war immer dieselbe: „Kennen Sie jemanden mit den Initialen E. S.?“
Die Reaktionen waren auffällig. Manche schüttelten sofort den Kopf, andere zögerten, als müssten sie überlegen, ob sie überhaupt antworten sollten. Ein alter Bauer, der gerade Holz vor seinem Schuppen stapelte, ließ den Arm mit dem Scheit in der Hand sinken, als er die Frage hörte.
„Sagen Sie diesen Namen nicht laut“, murmelte er. „Welchen Namen?“ fragte Julia. Er sah sich um, als fürchte er, jemand könnte zuhören. „Edeltraud Seebacher.“

Der Name, der nicht fällt
In der kleinen Dorfkneipe, wo sie später einkehrten, bestätigte ein weiterer Bewohner den Namen – aber nur flüsternd. „Sie lebt nicht im Dorf. Nie getan. Immer im Wald, seit ich denken kann. Manche sagen, sie sei schon als Kind… anders gewesen.“ „Anders wie?“ fragte Petra. Der Mann wich ihrem Blick aus. „Sie hat diesen Blick. Als würde sie dich nicht sehen – sondern das, was unter deiner Haut ist.“
Julia schrieb jedes Wort mit. „Hat jemand sie in letzter Zeit gesehen?“ „Nicht direkt. Aber manchmal hört man sie. Schritte, wenn keiner da ist. Und…“ – er senkte die Stimme noch mehr – „…manchmal findet man Dinge. Tote Tiere. Manchmal mehr als das.“

Ein Muster
Zurück in der Pension legten sie alle bisherigen Funde auf den Tisch: das Medaillon mit den Initialen, die Chronik mit dem Zeichen des Hungers, die Berichte der Dorfbewohner. „Wenn sie wirklich eine Seebacher ist“, sagte Julia, „dann könnte sie mit den Walhoffers verwandt sein. Vielleicht über Generationen hinweg. Das würde erklären, warum sie dieses Zeichen benutzt.“
Stachner nickte langsam. „Und warum sie dieselbe… Krankheit hat.“

Ein Blick aus dem Wald
Als sie später am Fenster standen, um den Regen zu beobachten, bemerkte Julia etwas am Waldrand. Eine Gestalt, reglos, halb im Nebel verborgen. Breit, unbeweglich. „Da“, flüsterte sie. Doch als Petra hinsah, war die Gestalt verschwunden – als hätte der Wald sie verschluckt.

Kapitel 12
Walddorf, Abenddämmerung

Der Regen hatte aufgehört, doch der Himmel blieb schwer und dunkel. In der Stube der Pension saßen Stachner, Petra und Julia dicht um den kleinen Holztisch, auf dem eine Karte des Waldes ausgebreitet lag.
„Sie kommt nur raus, wenn sie glaubt, dass sie allein ist“, sagte Petra. „Wir müssen ihr einen Grund geben, sich zu zeigen.“ „Lockvogel?“ fragte Julia. Stachner nickte. „Genau. Aber nicht ungeschützt. Wir platzieren uns so, dass wir sie einkreisen können, sobald sie auftaucht.“
Julia spürte, wie sich ein Knoten in ihrem Magen bildete. „Und wenn sie schneller ist als wir?“ „Dann“, sagte Stachner knapp, „müssen wir schneller sein.“

Der Plan
Sie entschieden, Julia würde am Waldrand scheinbar allein unterwegs sein, mit einer Laterne in der Hand – als würde sie etwas suchen. Stachner und Petra würden sich im Schatten der Bäume verstecken, bewaffnet und bereit.
„Sie wird dich beobachten, bevor sie sich nähert“, erklärte Petra. „Das ist unsere Chance.“

Die Nacht
Der Wald lag still, nur das ferne Rufen einer Eule war zu hören. Julia ging langsam den Pfad entlang, die Laterne in der Hand, das Licht warf zitternde Kreise auf den Boden. Jeder Schritt hallte in der Stille nach.
Plötzlich – ein Rascheln. Leise, aber nah. Julia blieb stehen, drehte sich langsam um. Zwischen den Stämmen zeichnete sich eine Gestalt ab. Breit, massig, unbeweglich.
„Edeltraud…?“ flüsterte Julia, mehr zu sich selbst als zu jemand anderem.
Die Gestalt trat einen Schritt vor. Das Gesicht war im Schatten, doch die Augen glommen schwach. In der Hand blitzte Metall auf.

Der Angriff
Ein plötzlicher Ruck – und die Frau stürmte vor. Julia wich zurück, stolperte fast, als Stachner aus dem Unterholz sprang, die Waffe erhoben. Petra kam von der anderen Seite, doch Edeltraud war schnell, schneller als erwartet.
Mit einer Bewegung, die mehr an ein Tier als an einen Menschen erinnerte, wich sie aus, verschwand zwischen den Bäumen. Nur das Knacken von Ästen und ein fernes, kehliges Lachen blieben zurück.

Nachklang
„Verdammt“, fluchte Petra. „Wir hatten sie.“ „Nein“, sagte Stachner, den Blick in die Dunkelheit gerichtet. „Sie hatte uns. Sie wollte, dass wir wissen, dass sie da ist.“
Julia hielt die Laterne fester. Das Lachen hallte noch in ihren Ohren – und sie wusste, dass es nicht das letzte Mal gewesen war, dass sie es hörte.

Kapitel 13
Walddorf, früher Morgen

Der Himmel war bleigrau, als Stachner, Petra und Julia erneut den Wald betraten. Die Luft war feucht und schwer, und der Boden sog sich bei jedem Schritt unter ihren Stiefeln fest. Die Nacht hing ihnen noch in den Knochen – das Bild von Edeltrauds Augen, dieses unnatürliche Glimmen, war allen präsent.
„Wir sichern den Bereich, in dem sie gestern aufgetaucht ist“, sagte Stachner knapp. „Vielleicht hat sie Spuren hinterlassen.“
Petra kniete sich an einer Stelle nieder, wo das Laub aufgewühlt war. „Hier. Frische Abdrücke. Schwer, tiefer Absatz. Sie ist in diese Richtung gegangen.“

Die Spur in den Wald
Der Pfad führte tiefer hinein, vorbei an uralten Eichen, deren Stämme wie verdrehte Säulen wirkten. Der Nebel hing zwischen den Ästen, und das Licht war so schwach, dass es wie früher Abend wirkte.
Nach einer halben Stunde tauchte es vor ihnen auf: ein Haus, halb verborgen hinter dichtem Gestrüpp. Das Dach war eingefallen, die Fenster blind vor Schmutz. Moos kroch über die Mauern, und ein Teil der Fassade war von Ranken überwuchert.
„Das muss es sein“, murmelte Julia. „Ihr Unterschlupf.“

Im Inneren
Die Tür war nur angelehnt. Drinnen roch es nach feuchtem Holz, altem Rauch – und Blut. Über dem Kamin hing ein altes, angelaufenes Medaillon, identisch mit dem, das sie im Versteck gefunden hatten. Daneben: ein eingeritztes Symbol der verschlungenen Kreise.
Auf einem groben Holztisch lagen Messer in verschiedenen Größen, sorgfältig geschärft. Daneben ein Stapel alter Zeitungsartikel – alle über die aktuellen Morde.
Petra hob ein vergilbtes Foto auf. Darauf eine junge Frau, kräftig gebaut, mit strengem Blick. Auf der Rückseite stand in verblasster Tinte: Edeltraud, 1934.

Ein unheimliches Zeichen
Plötzlich knackte es draußen. Schritte, langsam, schwer. Stachner hob die Hand zum Schweigen, deutete auf die Tür.
Die Schritte verstummten. Dann – ein leises, kehliges Lachen, das sich zwischen den Bäumen verlor.
„Sie weiß, dass wir hier sind“, flüsterte Julia.

Entschluss
„Wir gehen“, sagte Stachner. „Aber wir kommen wieder – mit Verstärkung. Das hier ist der Schlüssel.“
Als sie den Wald verließen, hatte Julia das Gefühl, dass die Bäume ihnen nachsahen. Und irgendwo da draußen, im Nebel, wartete Edeltraud.

Kapitel 14
Walddorf, Morgengrauen

Der Nebel lag wie ein schwerer Schleier über dem Dorf, als sich die Einsatzgruppe am Waldrand sammelte. Sechs Beamte aus Reutau, dazu Stachner, Petra und Julia. Die Gesichter ernst, die Waffen bereit.
„Wir gehen direkt zum Haus“, sagte Stachner. „Kein Umweg, keine Pausen. Wenn sie da ist, nehmen wir sie fest. Wenn nicht – durchsuchen wir den Wald.“
Julia spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Der Gedanke, Edeltraud in diesem Labyrinth aus Bäumen zu begegnen, ließ ihr Blut gefrieren.

Das verlassene Haus
Als sie das halb verfallene Gebäude erreichten, war es still. Zu still. Die Tür stand offen, als hätte jemand sie erwartet. Drinnen war es leer – bis auf den Geruch. Schwer, metallisch, süßlich.
„Sie war hier“, murmelte Petra. „Vor nicht allzu langer Zeit.“
Ein leises Knacken ließ alle Köpfe herumfahren. Draußen, am Rand der Lichtung, bewegte sich etwas. Eine breite Gestalt, die sich langsam in den Wald zurückzog.
„Da!“ rief einer der Beamten – und die Jagd begann.

Die Verfolgung
Sie rannten zwischen den Stämmen hindurch, das Unterholz peitschte gegen ihre Beine. Edeltraud bewegte sich erstaunlich schnell, trotz ihrer massigen Statur. Immer wieder verschwand sie zwischen den Bäumen, nur um ein Stück weiter wieder aufzutauchen.
Julia stolperte fast, als sie über eine Wurzel sprang. Das Atmen der Gruppe mischte sich mit dem dumpfen Donnern von Schritten – und irgendwo dazwischen war ein Lachen. Tief, kehlig, nah.

Der Eingang
Plötzlich verschwand Edeltraud aus dem Blickfeld. Als sie die Stelle erreichten, sahen sie, wohin: ein schmaler Spalt im Boden, halb verdeckt von Wurzeln und Laub. Eine alte Steintreppe führte hinab in die Dunkelheit.
„Unterirdisch“, sagte Stachner knapp. „Das erklärt, wie sie sich so unbemerkt bewegt.“
Sie folgten vorsichtig, die Lampen warfen zuckende Lichtkegel an die feuchten Wände. Der Geruch wurde stärker.

Die Kammer
Unten öffnete sich ein niedriger Raum, dessen Wände aus grob behauenen Steinen bestanden. In der Mitte stand ein Holztisch, darauf Messer, Schalen, und… Organe, sorgfältig aufgereiht. An der hinteren Wand prangte das Zeichen der verschlungenen Kreise, frisch mit Blut gemalt.
„Das ist ihr Nest“, flüsterte Petra.
Ein Geräusch ließ sie herumfahren – Schritte, hinter ihnen. Doch der Eingang war leer. Nur das Echo des Lachens blieb, das sich in den feuchten Wänden brach.

Kapitel 15
Unterirdische Kammer, tief im Wald

Die Luft war stickig und roch nach Blut und feuchtem Stein. Die Taschenlampen warfen zuckende Lichtkegel über die Wände, auf denen das Zeichen der verschlungenen Kreise in frischem Rot prangte.
Ein Geräusch aus der Dunkelheit – ein leises, schleifendes Atmen. Dann trat sie hervor. Edeltraud Seebacher. Breit, massig, das Gesicht von Schmutz und Schweiß gezeichnet, die Augen glimmend wie glühende Kohlen. In der Hand ein langes Messer, dessen Klinge im Licht aufblitzte.
„Ihr hättet nicht kommen sollen“, sagte sie mit einer Stimme, die tief und rau war. „Der Hunger… er hört nie auf.“

Die Konfrontation
„Edeltraud Seebacher – legen Sie die Waffe nieder!“, rief Stachner, die Pistole im Anschlag. Sie lachte. Ein Laut, der mehr an ein Knurren erinnerte. „Ihr versteht nicht. Ich bin nicht krank. Ich bin… wie sie.“ „Wie wer?“ fragte Julia, obwohl sie die Antwort ahnte. „Wie Heinrich und Waltraud. Ihr Blut ist mein Blut.“
Mit einer plötzlichen Bewegung stürmte sie vor. Petra riss Julia zur Seite, während Stachner einen Warnschuss abgab. Das Echo hallte durch die Kammer, Staub rieselte von der Decke.

Der Kampf
Edeltraud war stark – stärker, als es ihre Statur vermuten ließ. Sie stieß einen der Beamten gegen die Wand, dass er keuchend zu Boden ging. Petra gelang es, ihr den Arm zu packen, doch Edeltraud riss sich los, das Messer blitzte gefährlich nah an Petras Gesicht vorbei.
Stachner nutzte den Moment, warf sich gegen sie und drückte sie zu Boden. Zwei weitere Beamte sprangen hinzu, rangen ihr die Waffe aus der Hand. Sie wehrte sich wie ein Tier, trat, biss, spuckte – doch schließlich klickten die Handschellen.

Die Auflösung
„Sie werden nie verstehen“, keuchte sie, während man sie abführte. „Der Hunger ist älter als ihr alle. Er wird nicht mit mir sterben.“
In der Kammer fanden sie Beweise für alle Morde: persönliche Gegenstände der Opfer, konservierte Organe, und alte Aufzeichnungen, in denen Edeltraud ihre „Familiengeschichte“ niedergeschrieben hatte – eine direkte Linie zurück zu den Walhoffers.

Epilog
Einige Tage später verließ Julia Walddorf. Der Wald lag still, als sie die einzige Straße hinausfuhr. Doch kurz bevor die Bäume den Blick auf das Dorf freigaben, meinte sie, tief zwischen den Stämmen eine Bewegung zu sehen.
Zwei helle Punkte, unbeweglich, auf sie gerichtet. Dann waren sie verschwunden.
Julia wusste, dass sie diesen Blick nie vergessen würde. Und dass Edeltraud vielleicht recht gehabt hatte – der Hunger war noch nicht gestillt.

Ende

Diese Geschichte ist das Ergebnis meiner eigenen kreativen Schöpfung. Die inhaltliche Idee, Handlung und Ausgestaltung stammen vollständig aus meiner persönlichen Vorstellungskraft. Für die sprachliche Formulierung habe ich unterstützende Technologien künstlicher Intelligenz eingesetzt.
© Michael (Gecko) Mahler – Alle Rechte vorbehalten.

Hinweis: Das Titelbild wurde mit einer KI (Microsoft Copilot) erstellt und ist nicht aus einem urheberrechtlich geschützten Werk abgeleitet. Es zeigt ein frei nutzbares Bild passend zu meiner Geschichte.

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Autor:

Michael (Gecko) Mahler aus Wörth am Rhein

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