Kann der Film die hohen Erwartungen erfüllen?
The History of Sound
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In der Welt des Kinos gibt es Projekte, die bereits lange vor ihrer Premiere einen fast mythischen Status genießen. Oliver Hermanus’ Verfilmung von „The History of Sound“ ist ein solches Vorhaben. Mit zwei der gefragtesten Jungschauspieler unserer Zeit – Paul Mescal und Josh O’Connor – verspricht der Film ein sinnliches Epos über Liebe, Krieg und die konservierte Vergänglichkeit. Doch hinter den glanzvollen Namen verbirgt sich ein mutiges Wagnis.
Die Prämisse: Eine akustische Reise ins Ungewisse
Basierend auf der preisgekrönten Kurzgeschichte von Ben Shattuck, führt uns der Film in die Ära des Ersten Weltkriegs. Zwei junge Männer, Lionel (Mescal) und David (O’Connor), reisen durch Amerika, um die aussterbenden Volkslieder und Stimmen ihrer Landsleute aufzuzeichnen. Was als ethnologische Mission beginnt, entwickelt sich zu einer tiefgreifenden Romanze, während im Hintergrund der Schatten des Krieges immer länger wird.
Positiver Ausblick: Ein „Dream-Team“ der Emotionen
Kritisch betrachtet ist die Besetzung der größte Pluspunkt. Paul Mescal (Aftersun, Gladiator II) und Josh O’Connor (The Crown, Challengers) gelten als Meister des nuancierten, subtilen Spiels. Beide haben bewiesen, dass sie Melancholie und Sehnsucht ohne große Worte transportieren können – eine Fähigkeit, die für eine Geschichte, die sich um den „Klang“ von Emotionen dreht, essenziell ist.
Regisseur Oliver Hermanus (Moffie, Living) ist zudem bekannt für seine visuelle Präzision und seine Fähigkeit, historische Stoffe ohne kitschige Nostalgie zu inszenieren. Die Kameraarbeit wird voraussichtlich die karge Schönheit des frühen 20. Jahrhunderts einfangen und so einen starken Kontrast zur emotionalen Hitze der Protagonisten bilden.
Die Hinterfragung: Die Last der Erwartungen
Wo viel Licht ist, ist auch Schatten. Die erste kritische Frage lautet: Kann eine Kurzgeschichte einen abendfüllenden Spielfilm tragen? Shattucks Vorlage ist atmosphärisch dicht, aber handlungsarm. Es besteht die Gefahr, dass der Film in eine rein ästhetisierte „Slow-Cinema“-Falle tappt, in der die visuelle Pracht die narrative Substanz überdeckt.
Ein weiterer Punkt ist das Genre. Gay-Period-Dramas haben seit Brokeback Mountain und Call Me by Your Name Hochkonjunktur. „The History of Sound“ muss sich die Frage gefallen lassen, ob er dem Genre neue Facetten abgewinnen kann oder lediglich bekannte Tropen (verbotene Liebe vor historischer Kulisse) reproduziert. Die akustische Komponente – das Aufzeichnen von Tönen als Metapher für das Festhalten flüchtiger Momente – muss hier als Alleinstellungsmerkmal fungieren, um nicht im Meer ähnlicher Produktionen unterzugehen.
Das Produktions-Vakuum
Interessant ist auch die lange Entwicklungszeit. Ursprünglich bereits vor Jahren angekündigt, verzögerte sich der Dreh mehrfach durch die vollen Terminkalender der Stars. Solche Verzögerungen können den Hype entweder befeuern oder zu einer „Überreife“ führen, bei der das Publikum am Ende enttäuscht ist, weil das Ergebnis den jahrelangen Erwartungen nicht standhalten kann.
Professionelles Fazit
„The History of Sound“ besitzt alle Zutaten für ein cineastisches Meisterwerk: ein hochkarätiges Ensemble, einen visionären Regisseur und eine originelle thematische Klammer durch die Geschichte der Tonaufzeichnung.
Das Urteil: Wenn es Hermanus gelingt, die intime Stille der Vorlage beizubehalten, ohne das Tempo zu verlieren, könnte dies der Film sein, der Paul Mescal und Josh O’Connor endgültig in den Olymp der Charakterdarsteller hebt. Kritisch bleibt abzuwarten, ob der Film mehr ist als eine wunderschön gefilmte Melancholie. Er muss beweisen, dass er eine eigenständige, kraftvolle Stimme im aktuellen Kino hat – und nicht nur ein Echo bereits erzählter Geschichten ist.
Für das Feuilleton und Kinoliebhaber bleibt er jedoch das Pflichtprogramm der kommenden Saison. Man darf gespannt sein, wie diese „Geschichte des Klangs“ am Ende tatsächlich klingen wird.
Autor:Uwe Marcus Rykov aus Wochenblatt Rhein-Neckar |
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