DER LETZTE BLICK
GERD RATTEI UND DIE LETZTE MUSE DER LAUSITZ
- Gerd Rattei und Ariane Rykov im Filmmuseum Lausitz
- Foto: Uwe Marcus Rykov
- hochgeladen von Franz Eichinger
Die Fotowelt und insbesondere die Kunstszene der Lausitz trauern um einen ihrer profiliertesten und feinsinnigsten Ästheten: Gerd Rattei, der Meister der ostdeutschen Akt-, Porträt- und Landschaftsfotografie, ist verstorben. Er hinterlässt ein monumentales Lebenswerk, das die DDR-Fotogeschichte entscheidend prägte und bis in seine letzten Lebensjahre hinein von ungebrochener kreativer Kraft zeugte. Rattei, der in Cottbus lebte, verstand es wie kaum ein anderer, den menschlichen Körper frei von Voyeurismus, sondern voller Würde, Poesie und Stolz zu inszenieren.
Eine ganz besondere Verbindung: Ariane Rykov als Muse und Bewahrerin
Ein zentrales und zutiefst berührendes Kapitel an seinem Lebensabend bildet die enge Verbindung zum Filmmuseum Lausitz in Klein Loitz und dessen Kuratorin, Ariane Rykov. Sie war nicht nur die administrative und künstlerische Kraft, die Ratteis Werk im Museum eine Bühne gab, sondern nahm in seinem Spätwerk eine exklusive Rolle ein: Ariane Rykov war das letzte Aktmodell, das Gerd Rattei vor seinem Tod fotografierte.
Diese Zusammenarbeit ging weit über ein klassisches Fotograf-Modell-Verhältnis hinaus; es war eine Symbiose aus gegenseitigem Vertrauen, künstlerischem Respekt und der gemeinsamen Philosophie, Kunst ungeschönt und echt zu belassen.
Ein besonderes Augenmerk lag dabei auch auf der dokumentarischen Begleitung dieses historischen Moments: Der Pressefotograf Uwe Marcus Rykov begleitete das finale Aktshooting hinter den Kulissen. Er hielt die intime und konzentrierte Arbeitsatmosphäre zwischen Fotograf und Muse in zahlreichen, wertvollen Making-of-Fotos fest. Diese Aufnahmen dokumentieren nicht nur Ratteis handwerkliche Präzision bis zuletzt, sondern sind nun selbst wichtige zeitgeschichtliche Zeugnisse dieses Abschiedswerks.
In einem exklusiven Statement äußert sich Ariane Rykov tief bewegt über diese gemeinsame Zeit:
„Gerd war nicht nur ein großartiger Fotograf, sondern auch ein menschlich tiefgründiger Mensch. Als er mich bas, für ihn Modell zu stehen, wusste ich: Das wird etwas Besonderes. Er hat mir gezeigt, wie man Schönheit und Selbstbewusstsein in Bildern einfängt – ohne jede Art von Oberflächlichkeit. Seine letzten Aufnahmen von mir sind Zeugnisse einer einzigartigen Kunst. Ich bin stolz, dass ich Teil seines Vermächtnisses sein darf.“
Die Zusammenarbeit hinterlässt bei der Kuratorin eine spürbare Lücke, aber auch eine Verpflichtung für die Zukunft:
„Gerd hat mir beigebracht, dass Schönheit nicht perfekt sein muss – sie muss nur echt sein. Als sein letztes Modell fühle ich mich geehrt, aber auch traurig, dass diese besondere Zeit nun vorbei ist. Im Filmmuseum werden wir sein Andenken bewahren.“
Die letzten Ausstellungen: Ein zweifaches Denkmal im Filmmuseum
Das Filmmuseum Lausitz begleitete Gerd Rattei intensiv in seinen letzten Schaffensphasen und stellte sicher, dass die Menschen der Region sein Werk hautnah erleben konnten. Das Museum etablierte sich als fester Ort seines lebendigen Gedenkens durch zwei ganz besondere Ausstellungen, die hier stattgefunden haben:
Die Retrospektive „Akt – Landschaft – Portrait“: Diese umfassende Schau präsentierte Ratteis unverwechselbaren, schwelgerischen Blick auf die Welt. Seine Porträts zeigten selbstbewusste, selbstbestimmte Frauen, denen er im Moment des Auslösens ihren vollen Freiraum ließ. Neben gänzlich neuen Arbeiten wurden dort auch historische Aufnahmen gezeigt – etwa von prominenten Persönlichkeiten wie Verona Pooth (Feldbusch), Dean Reed oder Annekathrin Bürger, die Rattei im Laufe der Jahrzehnte vor der Kamera hatte.
Die gemeinsame Kombinationsausstellung: In dieser besonderen Doppelausstellung wurden Ratteis Fotografien in einen spannenden Dialog mit anderen Kunstformen gebracht. Zeitgleich zu seinen Werken wurden Zeichnungen, Grafiken und Karikaturen von Ariane Rykov selbst ausgestellt. Diese Schau spiegelte die enge künstlerische Verflechtung und das gemeinsame Schaffen der Kuratorin und ihres Fotografen unter dem Dach des Museums eindrucksvoll wider.
Ein Leben für die Fotografie
Gerd Rattei, dessen preisgekrönte Aufnahmen bereits zu DDR-Zeiten in namhaften Magazinen wie Sibylle, Das Magazin oder Fotografie abgedruckt wurden, blieb bis ins hohe Alter aktiv. Zusammen mit Künstlern wie Klaus Ender (mit dem er bereits 1975 die legendäre und geschichtsträchtige Ausstellung „Akt & Landschaft“ auf der Potsdamer Freundschaftsinsel ins Leben rief) kämpfte er über Jahrzehnte für die Anerkennung der Aktfotografie als anspruchsvolle, eigenständige Kunstform.
Mit dem Tod von Gerd Rattei verliert die Kunstwelt einen unermüdlichen Ästheten des echten Moments. Durch die letzten, intimen Aufnahmen von Ariane Rykov, die fotografische Dokumentation von Uwe Marcus Rykov und die andauernde Präsenz im Filmmuseum Lausitz bleibt sein Blick auf die ungekünstelte Schönheit der Welt jedoch unvergänglich.
Autor:Franz Eichinger aus Wochenblatt Rhein-Neckar |
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