Premiere: Nachtwächter von Wiesental wie zu alten Zeiten
Mit Hellebarde, Horn und Hut

Waghäusel.Wiesental habe „nach Jahren der Entbehrung“ wieder einen echten Nachtwächter. Wie zu alten Zeiten. Wie Jahrzehnte und wohl Jahrhunderte lang.

Mit dieser freudigen Überraschung wartete der Neuling auf: mit Hellebarde, Horn und Hut ausgerüstet, in der Hand eine Laterne. Mehr als 30 „Bürgersleut“ nahm er mit auf seinen Nachtwächterrundgang, vor dessen Beginn er das Nachtwächterlied anstimmte - „Hört ihr Leut„ und lasst euch sagen“.
Bei seiner zweistündigen Patrouille suchte der schwarzgekleidete Ordnungshüter gut 30 historische Stätten auf und wusste so manches „Schmankerl“ zu berichten.

Im Kostüm und mit allerlei Geschichten

Der Nachtwächter sorgte nachts für Sicherheit und Schutz, sagte den Schlafenden auch die Zeit an. Bevor der reaktivierte Wiesentaler Wachmann 2018 seine Runden drehte, beschrieb er seine schwierigen Aufgaben, seine Müdigkeit tagsüber (deshalb das Schimpfwort „Nachtwächter“), jammerte über die schlechte Bezahlung gegenüber Feldhüter und Waldhüter. Mit der Einführung des elektrischen Lichts, Ersatz für Talglichter und Petroleumlampen, sei sein Posten entbehrlich geworden.
„90 Prozent von alledem wusste ich nicht“, bekannte ein Teilnehmer. Zustimmend nickte der Trupp um ihn herum. Auf besonderes Interesse stießen die ältesten Überbleibsel nach der Totalzerstörung Wiesentals 1689, so die Ölbergfiguren von 1472 und das Hagkapellchen (1638). Vor allem Überlieferungen, Sagen, Legenden und Anekdoten fanden allergrößte Aufmerksamkeit, etwa die Marienerscheinung in der alten Pfarrkirche, die Hexenattacke auf den Bürgermeister (im „Hexenhammer“ festgehalten), die Erzählung der Vorfahren vom foppenden Knochenmännchen und vom bestatteten römischen Heerführer im Silbersarg.

So wie früher

Wer schon wusste, dass auf dem Kirchenplatz ein Gefängnis stand, dass es 1848/49 eine „Umsturzpartei“ gab mit einer Frau als Anführerin, 1666 eine Bretterwand gegen die Pest zwischen Oberdorf und Unterdorf? Oder dass sich der spätere Reichskanzler Otto von Bismarck 1851 in Wiesental aufhielt? Vorbei ging es auch an der Stelle des ehemaligen, in den 60er Jahren abgerissenen Schulhauses, wo drei Lehrer in drei Klassenräumen knapp 400 Kinder unterrichteten. Vor Ort berichtete der Nachtwächter von der hohen Schutzhecke, die bis etwa 1840 den Ort umgab. Der Hag sollte nicht nur Diebesvolk abhalten, er schützte vor allem vor wilden Tieren wie Wölfen und Bären.

Ganz wie früher, wähnte sich ein Begleiter: Der Nachtwächter zieht mit leuchtender Laterne und mit lautem Signalhorn ausstaffiert durch die damals vorhandenen zwei Straßen, um nach dem Rechten zu schauen. Rund zwei Stunden dauert der Rundgang vom Ölberg übers Kapellchen am Ortseingang, wo die „Weiße Madonna“ von 1715 steht, bis zu den beiden Grabsteinen des umstrittenen „Baupfarrers“ Karl Biecheler und des angeblich hübschesten Seelsorgers im ganzen Erzbistum, Anton Eberhard. In die Rolle des Nachtwächters im historischen Outfit schlüpfte Werner Schmidhuber, der die Ortsgeschichte aus dem Effeff kennt und diese auch weitervermitteln will. Witzig und pointenreich, mitunter schaurig gab er „Geschichte und Geschichten“ zum Besten. Autofahrer und Radfahrer bremsten ab, fuhren langsam, guckten erstaunt, wunderten sich über die Gegenwart der Vergangenheit. An eine Wiederholung sei gedacht, hieß es aufgrund zahlreicher Nachfragen. hhs/ps

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