Ludwigshafen profitiert vom Pharma-Boom im Westen: AbbVie baut Forschungszentrum
- Der Rohbau des Forschungsgebäudes Luna, für das Ende April 2024 der Spatenstich war, ist längst abgeschlossen.
- Foto: AbbVie
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Ludwigshafen. Der zügige Baufortschritt ist dem neuen Forschungsgebäude von AbbVie anzusehen. Der Pharmariese wird es wie eine Raumstation taufen – Luna soll es heißen. Denn der Forschungsstandort Ludwigshafen ist der zweigrößte AbbVies weltweit. Fertigstellung und Eröffnung sind 2027 geplant.
Von Julia Glöckner
„Für die Forscher, die in Ludwigshafen an der Entwicklung von Medikamenten arbeiten, bietet Luna tolle neue Möglichkeiten“, erklärt Pressesprecherin Anke Kugelstadt. 1.000 bis 1.200 Forscher arbeiten hier, darunter Top-Wissenschaftler, die aus Freiburg und Frankfurt anreisen.
150 Millionen Euro kostet Luna. Die Investition steht für eine wirtschaftsstrukturelle Trendwende in ganz Deutschland. Der Wirtschaftszweig Pharma ist seit Jahren eine Boombranche – ganz besonders im Westen der Republik, in Hessen und Rheinland-Pfalz. Manche Industrien erleben Abbauprogramme und Abwanderung. Nicht so die Biotech- und Pharmabranche: Internationale Biotechkonzerne und Pharmariesen investieren kräftig in westdeutsche Regionen. Zudem gibt es viele Start-ups, die schnell zu Scale-ups heranwachsen.
Anhaltender Biotech-Boom
Und die Aufbruchsstimmung hält an. So setzt der BioNTech-Inhaber und Gründer Uğur Şahin nach der Erfolgsgeschichte mit dem Corona-Impfstoff auf die Erforschung neueR Krebsmedikamente. Der Rohbau des 2,3 Milliarden Euro teuren Werks vom US-Hersteller Eli Lilly, der sich auf Abnehmspritzen spezialisiert hat, steht bereits in Alzey. Der Pharmariese Sanofi wartet auf das Okay der EU-Kommission für den Bau eines 36.000 Quadratmeter großen Werks für Insulin in Frankfurt. Auch Boehringer in Ingelheim wächst dank seiner neuen Diabetesmedikamente stark und hat 2025 neue Medikamente gegen Krebs- und Lungenkrankheiten auf den Markt gebracht. Auch der weltweit führende Insulinhersteller Novo Nordisk ist in der Rhein-Main-Region vertreten.
Die gute Stimmung hält auch bei AbbVie in Ludwigshafen an. Luna soll Top-Forscher von den Universitäten an den Standort locken, mit modernster Labortechnik, Exzellenz und guten Gehältern.
Es gibt viele Gründe für die anhaltende Investitionsfreude. „Weil es in der Biotech- und Pharmabranche vor allem um den Austausch von Wissen geht, profitiert sie ganz besonders vom KI-Einsatz, der diesen beschleunigt. KI wird auch bei der Molekülfindung eingesetzt“, sagt Marco Fröhlich, Geschäftsführer für Arzneimittelherstellung, Distribution und Export. "Außerdem macht die Erforschung biologischer Zusammenhänge enorme Fortschritte. Und Deutschland gilt als Top-Standort für Maschinenbau und Automatisierung.“
Luna wird Teil des Regionalclusters Rhein-Neckar für Biotechnologie (BioRN), das 50 Hauptpartner sowie 90 weitere Partner aus 9 EU-Staaten umfasst. Darunter AbbVie, Roche, BASF und die Universität Heidelberg. Cambridge, die renommierteste Universität der Welt, ist BioRN-Partnerregion, genauso wie die Biopharma-Spitzenregionen Köln, Aachen, Erlangen und München.
Biotech-Cluster funktionieren wie Ökosysteme
Biotech-Cluster bauen auf der Idee auf, dass Universitäten und forschende Pharmariesen Treiber der Innovation sind. Um diese Orte der Wissensproduktion siedeln sich Konzerne, Mittelständler und Start-ups an. So wuchsen überall in Deutschland Biotech-Cluster heran, mit BioRN auch in der Rhein-Neckar-Region. Dabei entwickelt die angewandte Forschung der Pharmakonzerne in Forschungseinrichtungen wie Luna vielversprechende Ideen für Arzneimittel weiter, die in der Grundlagenforschung an den Universitäten entstehen. Durch das enge Netzwerk – Biotech-Cluster funktionieren wie Ökosysteme, in denen jeder einzelne vom anderen profitiert und der Geschäftspartner wichtiger ist als Aufkauf oder Abwanderung – wird der Weg von der groben Idee zum ladentischfertigen Medikament stark verkürzt. Vor einigen Jahren brauchte es noch 15 bis 20 Jahre, bis aus einem ersten Bild eines Arzneimittels aus der Grundlagenforschung ein Medikament wurde, das Mediziner verschreiben dürfen.
So brachten AbbVie und andere Biotech-Unternehmen in den vergangenen Jahren Medikamente gegen Autoimmunerkrankungen wie Rheuma oder CED auf den Markt – und verbesserten das Leben vieler Menschen deutlich. Bahnbrechend war auch ein von Abbvie entwickeltes Medikament gegen Hepatitis C, mit Heilungsraten von 100 Prozent. Früher schlugen die harten Medikamente nur bei 40 Prozent der Betroffenen nachhaltig an.
In enger Kooperation mit dem Krebsforschungszentrum Heidelberg wird derzeit an Arzneimitteln gegen Blutkrebs, Multiple Sklerose und Alzheimer geforscht. Viele Wissenschaftler und Mediziner glauben, dass die Biotechnologie die Gesundheitsversorgung schon bald revolutionieren könnte. jg
Autor:Julia Glöckner aus Ludwigshafen |
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