Erfindung aus Ludwigshafen: Trinamix macht Gesichtserkennung sicherer

Ingmar Bruder mit dem Trinamix-Spektrometer   | Foto: Ines Kühn
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Ludwigshafen. Der Physiker Ingmar Bruder forschte 2009 bei BASF an Solarzellen. Per Zufall entdeckte er dabei eine völlig neue, feine Technik, um Abstände zu vermessen. Auf Grundlage dieser Messtechnik gelingt es dem 2015 gegründeten Ludwigshafener Hightech-Unternehmen Trinamix, eine Gesichtserkennung für Handy und Auto zu entwickeln. Bald wird sie in Handys verbaut.

Von Julia Glöckner

Von 100 Start-ups machen nur zehn wenigstens einen Cent Umsatz. Und von diesen zehn machen nur zwei Gewinn, Geld also, das nach Abzug aller Kosten übrig bleibt. „Die Ideen vieler Neugründungen fliegen am Markt nicht“, erklärt Ingmar Bruder. Dafür müssen sie gefragt sein: Innovationen müssen ein wirkliches Menschheitsproblem lösen, einem Trend folgen oder zumindest gern gekauft werden. Mit der Digitalisierung wird der Schutz sensibler Daten immer wichtiger. Dies macht die Gesichtserkennung von Trinamix gefragt. Bei deren Entwicklung arbeitet Trinamix bereits mit Auto- und Handykonzernen sowie Bezahldienstleistern zusammen.

Bruders wusste bereits früh, dass er etwas Neues schaffen will, auch wenn ihm das erst während seines Studiums so richtig bewusst wurde. Seit seiner Kindheit und Jugend bastelte er an Technik herum, baute etwa Modellflugzeuge – ein Hobby, das er bis heute betreibt. Im Studium wurde für ihn klar, dass er keine Produkte am Fließband optimieren will. Er entschied, in die technische Physik-Forschung zu gehen. Daher promovierte er am Max-Plack-Institut für Festkörperforschung in Stuttgart.

Erstaunliche Entdeckung

Die Geschichte von Trinamix klingt fast so spektakulär wie die Legende von Archimedes, der in der Badewanne entdeckt haben soll, dass das verdrängte Wasser dem Volumen von Körpern entspricht. Entdeckungen passieren unvorhergesehen. Wissenschaftler finden Zusammenhänge, Prinzipien und Regelmäßigkeiten per Zufall. Anders als viele andere Menschen haben sie jedoch die Gabe, sie zu erkennen.

Die Geschichte beginnt 2009, als Bruder bei der BASF an farbigen Solarzellen forschte. Diese können noch mehr Strom als herkömmliche erzeugen. Die Idee dahinter: Jede Farbe absorbiert einen Teil des Lichts. Durch das zusätzliche aufgenommene Licht arbeiten farbige Solarzellen effizienter als andere Photozellen.

Bruder baute in seinem Zimmer bei BASF Solarzellen in vielen Farben und maß den Strom, den sie produzierten. Dabei fand er heraus: Die Zellen erzeugen unterschiedlich viel Strom, je nachdem, wie weit die Lichtquelle entfernt ist. Bruder erkannte bald eine Systematik dahinter. Anhand der gemessenen Strommenge konnte man also auch umgekehrt auf den Abstand zur Lichtquelle oder zum reflektierenden Gegenstand schließen. Bruder hatte zwar keine supereffiziente Solarzelle, aber eine neue, feine Technik gefunden, um Abstände zu messen.

Er träumte davon, das neue Messverfahren in einer eigenen Firma weiterzuentwickeln. Bis zur Gründung von Trinamix sollte es jedoch noch ein jahrelanger Kampf um die Finanzierung werden. Die ersten Prototypen baute Bruder selbst und stellte sie in den BASF-Forschungsabteilungen sowie beim BASF-Vorstand vor. Zunächst erntete er viel Skepsis und musste viele Niederlagen verkraften. „Als Gründer muss man lernen zu überzeugen“, sagt Bruder heute. Aufgeben darf man nicht. Auch dann nicht, wenn man im Gespräch mit Investoren oder Kunden scheitert.“ Ein Start-up verschlingt anfangs viel Geld, bis die ersten Produkte auf dem Markt kommen und es - vielleicht - Gewinne abwirft.

Erst nachdem Bruder mit seinen Prototypen um die Welt geflogen war, um Investoren zu werben und die Erfindung nach und nach breitere Akzeptanz fand, entschied die BASF, diese in einer eigenen Firma weiterzutreiben.

BASF gründete 2015 die Tochter Trinamix. Seither ist BASF ihr Investor. In allen anderen Sachen handelt Trinamix eigenständig. Aus den 15 Mitarbeitern, die BASF für die Gründung der Hightechfirma bereitstellte, ist heute ein Team aus 220 Mitarbeitern geworden. Das Unternehmen hat weitere Standorte in USA, Südkorea, Japan und China. Inzwischen glauben die Ludwigshafener an das Unternehmen. Die Stadt hilft bei der Suche nach geeigneten Firmengebäuden. Jutta Steinruck zählt er durch regen Kontakt schon zu seinen persönlichen Bekannten, erzählt Bruder.

Heutige Geschäftsfelder

Auf Grundlage der von Bruder entdeckten Technik, Abstände zu vermessen, entwickelt Trinamix seit den Anfängen Hightech zur Authentifizierung von Gesichtern. Die Gesichtserkennung gilt als absolut sicher. Die Kombi aus Hardware und Software erkennt die biometrischen Merkmale von Gesichtern und selbst menschliche Haut. Als bislang einzige Gesichtserkennung lässt sie sich durch Fotos oder super-realistische Masken nicht täuschen. Sie soll bald zur Authentifizierung in Handys eingebaut werden. Die Nutzung in Autos und für Bezahlvorgänge steckt noch in der Entwicklungsphase.

Bis dahin macht Trinamix Umsatz mit sogenannten Spektrometern. Das sind Geräte, die erkennen, welches Plastik oder Textil man vor sich hat. Spektrometer senden Licht aus und regen so je nach Stoff typische Molekülschwingungen an, die dann vom Sensor erkannt werden.

Das Besondere an den von Trinamix entwickelten Infrarotsensoren: Man kann sie in kleinen Handgeräten verbauen und sie blenden nicht. Wertstoffhöfe rund um den Erdball kaufen sie, als „Labor aus der Hosentasche“, um Plastikstoffe, PET von PP oder PVC sauber zu trennen und so besser zu verwerten. Das Gerät erkennt über 30 Kunststoffe und 15 Textilien, auch Mischgewebe. Als Anwendung im Smartphone soll diese Messtechnik bald auch Verbrauchern Infos über die Zusammensetzung ihrer Nahrung bieten.
Jungen Pionieren rät Bruder, das Gründen zu versuchen: „Ein Privileg junger Menschen ist ihr Optimismus.“ Bruder ist 40 Jahre alt, verheiratet und Vater von vier Kindern. Sein fünftes Kind sei die Firma, sagt er. jg

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Autor:

Julia Glöckner aus Ludwigshafen

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