Am Sonntag Konzert in der Abteikirche
„Wandermusikanten“

Giora Feidman.  Foto: ps

Offenbach. Wie kein anderer ist Giora Feidman einer der letzten Zeugen der Wandermusikantentradition des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Sein Vater und Großvater zogen als Klesmorim durch die jüdischen Gemeinden in Bessarabien - dem heutigen Gebiet der Republik Moldau und Teile der südlichen Ukraine.
Die Wandermusikanten aus dem Nordpfälzer Bergland hingegen hatten auf ihren Reisen viele Begegnungen mit ihren jüdischen Kollegen – insbesondere auf ihren Touren durch den osteuropäischen Raum. Widergespiegelt hat sich dies in einem speziellen Sprachkodex, der viele jüdische Elemente enthielt. So wurden die Wandermusikanten gerne mal als „Leebscher“ (abgeleitet von Levi) oder „Kleebscher“ (eine Synthese der Worte Levi und Klezmer) bezeichnet.
Anders als die Westpfälzer Wandermusikanten, die aus wirtschaftlicher Not ihre Heimat verließen und Übersee in Amerika, Australien und Asien ihren Lebensunterhalt bestritten, war es bei Giora Feidmans Familie der wachsende Antisemitismus im Osten, der die Familie 1905 zum Auswandern nach Argentinien zwang. In Buenos Aires wurde Giora Feidman am 25. März 1936 geboren. Sein Vater unterrichtete ihn als Kind und nahm ihn in seiner Kapelle als Klarinettist mit. Auch hier zeigt sich eine Parallele zu den jungen Wandermusikanten – den sogenannten „Osterbuben“ aus den Dörfern des Nordpfälzer Berglands. In den Wintermonaten wurden erhielten sie eine notdürftige musikalische Ausbildung in einem Instrument. Um die Osterzeit im Jahr ihrer Konfirmation zogen sie dann mit ihren Vätern. Das musikalische Können entwickelte sich dann erst auf Reisen.
Am Sonntag, 25. August, 18 Uhr, führt Roland Lißmann, Kantor des Kirchenkreises Obere Nahe, diese beiden Wandermusikanten-Traditionen in einzigartiger Weise zusammen, in einem Konzert um 18 Uhr in der Abteikirche in Offenbach-Hundheim. Die „Wandermusikanten“-Konzerte sind eingebunden in das Programm des Kultursommers Rheinland-Pfalz, das 2019 das Motto „Heimat/en“ trägt.
Eine der ersten und auch umfangreichsten Schilderungen von Flucht, Verfolgung und der Sehnsucht nach einer Heimat finden sich in der Bibel. Psalm 114 „In Exitu Israel“ beschreibt die Flucht des Volkes Israel aus Ägypten und die 40 Jahre dauernde Wanderschaft ins Gelobte Land. Diese Basis des jüdischen und auch des christlichen Glaubens kommt musikalisch zur Geltung in den Vertonungen barocker Komponisten – Jan Dismas Zelenka, Antonio Vivaldi und J.J. Cassanea de Mondonville. Ausgeführt wird diese lebendige Vokal- und Instrumentalmusik vom Kammerchor Obere Nahe. Begleitet werden die Kammermusiker hierbei einmal mehr vom Münchner Barockorchester L“Arpa Festante, das bereits im vergangen Jahr bei der Vorgänger-Reihe „Klang der Industrialisierung“ für eine opulente Klangkulisse gesorgt hat.
Psalm 114 schlägt aber auch die Brücke zur jüdischen Wandermusikantentradition und damit zu Giora Feidman. Dessen Musik ist tief verwurzelt im jüdischen Glauben und der Sehnsucht, eine Heimat zu finden. Mit 22 Jahren wanderte er in den neu gegründeten Staat Israel aus - die Anstellung als Bassklarinettist beim Israel Philharmonic Orchestra hatte er bei seiner Einreise bereits in der Tasche. Nach seiner Einbürgerung werden Feidmans Konzerte zum Medium eines neuen Dialogs. 2001 wird er in Berlin aufgrund seiner besonderen Verdienste um die Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden mit dem Großen Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt.
Doch auch die Wandermusikanten aus der Westpfalz kommen im Konzert nicht zu kurz: Der Pianist Thomas Layes gibt an der Orgel zwei Werke von Georg Drumm und Michael Gilcher zum Besten, die von Erdesbach und Eßweiler im Kreis Kusel die Neue Welt mit ihrer Musik eroberten. Die vielen Episoden und Erlebnisse dieser Wandermusikanten werden von der Leipziger Figurentheatermeisterin Franziska Merkel in Form eines Schattentheaters in Szene gesetzt.
Zum Ende des Konzerts gibt es dann noch eine Zusammenführung von Vergangenheit und Gegenwart. Musiklehrer Alfons Ludes hat ein Bläserensemble zusammengestellt, das Werke von Rudolph Mersy - in der Region bekannt als der „Aschbacher Mozart“ – präsentiert. ps
Infos und Karten:

Mehr Infos online auf der Seite www.obere-nahe.de.
Karten zu 22 Euro, ermäßigt 13 Euro: unter www.ticket-regional.de oder Telefon-Hotline: 0651 / 97 90 777 und an den örtlichen Vorverkaufsstellen

Autor:

Jürgen Link aus Lauterecken-Wolfstein

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