Der „Vater der deutschen Polarforschung“ wird 200
Georg von Neumayer aus Kirchheimbolanden legte den Grundstein für die Erforschung der Antarktis
- Gesamtansicht des Geburtshauses
- Foto: Stephanie Wasem
- hochgeladen von Stephanie Wasem
KIRCHHEIMBOLANDEN. Von der Pfalz über die Goldfelder Australiens bis nach Hamburg und an den Rand des antarktischen Packeises führte der Lebensweg Georg von Neumayers (1826–1909). Der in Kirchheimbolanden geborene Seefahrer, Wissenschaftler, Erfinder und Lehrer gründete das Flagstaff-Observatorium in Melbourne und wurde später erster Direktor der Deutschen Seewarte in Hamburg. Mit seinen Forschungen zu Wetter, Erdmagnetismus und Meeresströmungen sowie seinem jahrzehntelangen Einsatz für die Polarforschung prägte er die Wissenschaft des 19. Jahrhunderts weit über Deutschland hinaus. Am 21. Juni 2026 jährt sich sein Geburtstag zum 200. Mal.
Vom Pfälzer Jungen zum Mann der Meere
Geboren wurde Georg Balthasar Neumayer am 21. Juni 1826 in Kirchheimbolanden. Wenige Jahre später zog die Familie nach Frankenthal. Nach seinem Studium am Polytechnikum und seiner Promotion in München hätte ihm eine sichere akademische Laufbahn offen gestanden. Doch Neumayer entschied sich für einen ungewöhnlichen Weg: Er wollte die Seefahrt nicht nur theoretisch verstehen, sondern selbst erleben.
1850 musterte er auf der Hamburger Bark „Louise“ an und sammelte praktische Erfahrungen als Matrose und Steuermann. Die Reisen führten ihn über den Atlantik bis nach Brasilien und schließlich nach Australien. Damit legte er den Grundstein für jene Verbindung von Wissenschaft und praktischer Seefahrt, die sein gesamtes Leben prägen sollte.
Als die „Reiherstieg“ zum Geisterschiff wurde
1852 bestieg Neumayer die Hamburger Bark „Reiherstieg“ mit Kurs auf Australien. Die Reise wurde legendär. Als das Schiff Sydney erreichte, verließ die gesamte Besatzung, angelockt vom Goldrausch, das Schiff und zog in die Goldfelder. Nur Neumayer blieb allein auf dem Schiff zurück. Wochenlang lag die „Reiherstieg“ nahezu verlassen im Hafen von Sydney, bis eine neue Mannschaft gefunden wurde und die Reise nach Melbourne fortgesetzt werden konnte. Die Geschichte vom „Geisterschiff“ wurde später zu einer der bekanntesten Episoden seines Lebens.
Später zog es ihn selbst in die Goldfelder, nicht zum Schürfen, sondern als Lehrer. In einem Zelt mit Feuerstelle gründete er eine Abendschule, unterrichtete desertierte Seeleute in Mathematik und Navigation. Mit seiner improvisierten Abendschule versuchte er, die Männer zur Rückkehr in ihren Beruf zu bewegen, denn er war überzeugt, dass die Goldminen bald erschöpft sein würden.
Verschollen in Australiens Wildnis
Am Mount Kosciuszko, dem höchsten Berg Australiens, geriet Neumayer in einen Schneesturm und wurde von seinen Begleitern getrennt. Wochenlang galt er als verschollen und wurde bereits für tot gehalten. Nach einem gewaltigen Umweg fand er schließlich aus eigener Kraft zurück. Erschöpft, ohne Geld und ohne Lebensmittel, trug er jedoch noch immer sein schweres wissenschaftliches Barometer bei sich. Das Instrument war in der Region bekannt und diente ihm als eine Art wissenschaftlicher Ausweis. Es verschaffte ihm Vertrauen und Unterstützung, sodass er auf dem restlichen Heimweg Unterkunft und Verpflegung erhielt. Für Neumayer wurde das Barometer damit weit mehr als ein Messgerät.
Melbourne, Humboldt und königliche Förderung
Für sein großes Vorhaben, ein wissenschaftliches Observatorium in Australien, kehrte Neumayer 1854 nach Europa zurück. Er warb um Unterstützung bei den größten Gelehrten seiner Zeit: Alexander von Humboldt und Michael Faraday stärkten ihm den Rücken. Durch die Fürsprache des Chemikers Justus von Liebig bewilligte schließlich König Max II. von Bayern im Jahr 1855 die Mittel für die benötigten Instrumente.
1858 eröffnete er das Flagstaff-Observatorium in Melbourne. Dort entstanden bahnbrechende Daten zur Meteorologie und zum Erdmagnetismus: Neumayer erstellte die erste Windrose der südlichen Hemisphäre, führte rund 2.200 Meteorbeobachtungen durch und baute ein Beobachtungsnetz über ganz Victoria auf. Melbourne wurde unter seiner Ägide zum führenden wissenschaftlichen Zentrum der Südhalbkugel.
Hamburg, der Eiffelturm und die Antarktis
1875 kehrte er endgültig nach Deutschland zurück und wurde erster Direktor der Deutschen Seewarte in Hamburg. Aus bescheidenen Anfängen entwickelte er die Deutsche Seewarte zu einem international anerkannten Zentrum für maritime Meteorologie. Unter seiner Leitung wurden Wetterbeobachtungen, Sturmwarnungen und nautische Informationen systematisch ausgewertet und veröffentlicht. Gleichzeitig förderte Neumayer die Entwicklung hochpräziser Messinstrumente, darunter Tiefseethermometer sowie Schutzgehäuse für Schiffschronometer. Das Windmessgerät auf dem Eiffelturm stammte aus den Werkstätten seiner Seewarte.
Doch sein drängendstes Ziel blieb die Antarktis. Jahrzehntelang warb er bei Regierungen und Mäzenen für eine Expedition in den fernen Süden. Einmal sicherte er sogar eine Zusage über 600.000 Goldmark vom Multimillionär Henry Villard, die jedoch an eine staatliche Beteiligung geknüpft war, die Reichskanzler Bismarck verweigerte. Unbeeindruckt setzte er seine Lobbyarbeit fort. Sein Einsatz für das erste Internationale Polarjahr (1882/1883) legte den Grundstein für die globale wissenschaftliche Zusammenarbeit in der Polarforschung, ein Modell, das bis heute fortwirkt. Als Präsident der Polarkommission war er schließlich maßgeblich an der Realisierung der deutschen Gauß-Expedition (1901) unter Erich von Drygalski beteiligt, im Alter von über 70 Jahren.
Ruhe in der Pfalz und ein ewiges Erbe
Nach seiner Pensionierung kehrte Neumayer in seine pfälzische Heimat zurück. In Neustadt an der Weinstraße blieb er bis zu seinem Tod im Jahr 1909 wissenschaftlich aktiv.
Heute trägt die deutsche Forschungsstation in der Antarktis seinen Namen – die Neumayer-Station III. 200 Jahre nach seiner Geburt bleibt der in Kirchheimbolanden geborene Forscher im Eis des Südpols ebenso präsent wie in der Geschichte seiner Heimatregion.
STATIONEN SEINES LEBENS
1826 Geboren in Kirchheimbolanden
1852 Australienreise auf der Bark „Reiherstieg“
1855/1856 Erdmagnetische Vermessung der bayerischen Rheinpfalz
1858 Gründung des Flagstaff-Observatoriums in Melbourne
1875 Erster Direktor der Deutschen Seewarte in Hamburg
1882 Initiator des ersten Internationalen Polarjahres
1900 Erhebung in den persönlichen Adel; seitdem führte er den Namenszusatz „von“
1901 Wegbereiter der deutschen Antarktis-Expedition „Gauß“
1909 Gestorben in Neustadt an der Weinstraße
Georg von Neumayers technische Leistungen
• Erforschung von Meeresströmungen durch systematische Flaschenpost-Experimente
• Entwicklung von Tiefsee-Messinstrumenten
• Verbesserung von Magnetkompassen und Magnetometern
• Konstruktion hochpräziser Windmessgeräte
• Schutz empfindlicher Schiffschronometer
• Beobachtung von Polarlichtern und Meteoren
• Standardisierung wissenschaftlicher Messverfahren
„Die Antarktisforschung hatte nie einen wärmeren, edleren oder höher denkenden Verteidiger ihrer Sache als Neumayer. Sein Name wird für immer mit der Antarktis verbunden bleiben.“
Roald Amundsen, „Die Eroberung des Südpols“
Autor:Stephanie Wasem aus Dahn |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.