KI-Frühstück Vereinbarkeit von Beruf und Familie
Wie Künstliche Intelligenz Vereinbarkeit stärken kann
- Foto: IHK Karlsruhe
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Allen Unkenrufen zum Trotz könnte Künstliche Intelligenz, wenn man den Studien des IAB Glauben schenkt, den Arbeitsmarkt nicht nur unter Druck setzen, sondern letztlich auch positiv verändern. Mehr Produktivität führt idealerweise zu höheren Löhnen und damit letztlich sogar zu kürzeren Arbeitszeiten. Diese optimistische, aber keineswegs naive Perspektive prägte das KI-Frühstück des Unternehmensforums Vereinbarkeit von Beruf und Familie in der Bildungsakademie der Handwerkskammer Karlsruhe. Eingeladen hatten die IHK Karlsruhe, die Handwerkskammer und die Agentur für Arbeit Karlsruhe-Rastatt gemeinsam mit dem Unternehmensnetzwerk „Erfolgsfaktor Familie“ der DIHK, unterstützt von der KI-Allianz Baden-Württemberg.
Im Mittelpunkt des Frühstücks stand eine Frage, die viele Betriebe derzeit beschäftigt: Macht KI Arbeit nur schneller, oder auch besser vereinbar mit Familie, Pflege, Ehrenamt und Privatleben? Den Auftakt machte Dr. Rüdiger Wapler vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), der die Auswirkungen von KI auf den Arbeitsmarkt einordnete. Seine Botschaft: Es gibt kaum einen Beruf, der durch KI nicht beeinflusst wird. Das bedeute aber nicht automatisch ein Horrorszenario massenhaft wegfallender Arbeitsplätze. Zwar werde sich die Zahl und Struktur der Arbeitsplätze bis 2040 deutlich verändern. Doch durch KI könnten speziell auch in der Informationstechnologie sogar neue Jobs entstehen.
Schon heute steige das sogenannte Substituierbarkeitspotenzial vieler Tätigkeiten. Gemeint sind Tätigkeiten, die potenziell durch KI, bzw. Technologie ersetzbar sind. Besonders stark betroffen sind Tätigkeiten in IT- und naturwissenschaftlichen Dienstleistungsberufen, aber auch Verwaltung, Beratung, Logistik, Finanzdienstleistungen oder Teile des verarbeitenden Gewerbes. Gleichzeitig entstehen neue Aufgaben: Problemlösen, Teamarbeit, Kommunikation, Einordnung und der souveräne Umgang mit KI werden wichtiger.
KI, so Wapler, sei deshalb nicht nur als Ersatztechnologie zu verstehen. Sie automatisiert, assistiert, ermöglicht neue Arbeitsweisen und schafft neue Tätigkeitsfelder. Gerade generative KI könne Unternehmen produktiver machen. Noch stehe die betriebliche Nutzung aber am Anfang: Viele Unternehmen verwenden KI bislang noch vorrangig zur Textgenerierung. Schulungen und klare Regelungen fehlen in vielen Betrieben noch.
An diese arbeitsmarktpolitische Perspektive knüpften Marvin Köhlert und Sophia Kassim vom Netzwerk „Erfolgsfaktor Familie“ der DIHK Service GmbH an. Vereinbarkeit, so ihre zentrale These, werde in Zeiten von Fachkräftemangel und Transformation noch stärker zum Wettbewerbsfaktor. Sie entscheidet darüber, wer kommt, wer bleibt und wie produktiv Menschen arbeiten können.
Eine Blitzumfrage im Unternehmensnetzwerk zeigte: Zwei Drittel der Unternehmen haben bereits erste Berührungspunkte mit KI, doch der Umgang ist sehr unterschiedlich. Die einen sehen vor allem neue Freiräume, andere spüren zunächst zusätzlichen Aufwand oder Unsicherheit. Entscheidend sei deshalb, wofür freiwerdende Kapazitäten genutzt werden. Werden sie einfach mit noch mehr Aufgaben gefüllt? Oder entstehen daraus tatsächlich bessere Arbeitsbedingungen?
Hier liege der zentrale Hebel für Vereinbarkeit. Wenn KI eine Aufgabe, die früher eine Stunde dauerte, in deutlich kürzerer Zeit erledigen hilft, kann diese Zeit bewusst reinvestiert werden: in flexiblere Arbeitszeitmodelle, bessere Dienstplanung, Weiterbildung, Pflegelotsen, Väternetzwerke, Entlastung bei Dokumentation oder neue Angebote für Mitarbeitende. KI wird damit nicht automatisch zum Vereinbarkeitsbooster – sie kann es aber werden, wenn Führung und Unternehmenskultur mitziehen.
Besonders deutlich wurde: Die technische Transformation ist immer auch eine menschliche Transformation. Arbeit verändert sich, Routinen werden automatisiert, neue Tätigkeitsprofile entstehen. Führung kann sich künftig weniger auf Wissensvorsprung stützen. Gefragt sind Orientierung, Vertrauen, Befähigung und die Bereitschaft, Arbeit neu zu gestalten. Dazu gehört auch, Vereinbarkeit nicht nur für Bürobeschäftigte zu denken. Während Homeoffice für viele Büroarbeitsplätze ein naheliegendes Modell ist, brauchen Handwerk, Produktion, Pflege oder Dienstleistung andere Lösungen, Köhlert nannte als Beispiel Vier-Tage-Woche-Modelle für diejenigen, die Homeoffice nicht nutzen können.
Diana Friedl, Beraterin für Innovation und Technologie bei der Handwerkskammer Karlsruhe, brachte die Perspektive aus der betrieblichen Praxis ein. Im Handwerk sei die Dynamik beim Thema KI deutlich gestiegen. Viele Betriebe bewegten sich zwischen Skepsis, ersten Experimenten und pragmatischer Anwendung. Besonders groß sei das Potenzial dort, wo KI nicht den Kern der handwerklichen Leistung ersetzt, sondern entlastet: bei Dokumentation, Bürokratie, Terminabstimmung, Kundenkommunikation oder Angebotsvorbereitung.
In den anschließenden Themeninseln sammelten die Teilnehmenden Chancen, Herausforderungen und konkrete Ansätze. Auf der Chancen-Seite standen Chatbots, digitale Dienst- und Schichtplanung, flexiblere Arbeitszeiten, Entlastung bei Dokumentation, digitales Onboarding, Anti-Bias-Unterstützung und bessere Zugänglichkeit interner Informationen. Gleichzeitig wurden Herausforderungen klar benannt: Datenschutz, Cybersecurity, gute Prompts, Akzeptanz im Unternehmen, Schulungsbedarf, Kosten-Nutzen-Fragen, rechtliche Rahmenbedingungen, Vertrauen, Transparenz und die Gefahr, dass KI zusätzliche Arbeitsverdichtung statt echter Entlastung erzeugt.
Eines stand für alle Teilnehmenden fest: Menschlichkeit bleibt im Mittelpunkt. Ängste vor KI können reduziert werden, wenn sie verständlich eingeführt wird. Sie kann Planungssicherheit erhöhen, wenn Dienstpläne fairer und verlässlicher werden. Sie kann Vereinbarkeit verbessern, wenn Produktivitätsgewinne nicht vollständig in Mehrarbeit übersetzt werden. Und sie kann Fachkräfte binden, wenn Beschäftigte spüren, dass Technik ihnen hilft.
Das KI-Frühstück machte außerdem deutlich, dass Unternehmen nicht auf den perfekten großen KI-Wurf warten müssen. Oft reicht ein erstes Pilotprojekt. Ein interner Vereinbarkeits-Chatbot. Eine KI-gestützte Dienstplanung. Ein Tool für Protokolle, E-Mails oder Dokumentation. Entscheidend ist, ins Tun zu kommen.
Autor:Franziska Ludwig aus Karlsruhe |
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