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Einzelführung entlang des Tabakrundweges in Hatzenbühl

Ernst Wünstel, ein wandelndes Lexikon in Sachen Tabak
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Hatzenbühl. Für den 13. August hatte ich mich bei der Interessengemeinschaft Hatzenbühl für eine Führung angemeldet. Als Kind wuchs ich neben einem Tabakschuppen auf und heute als Seniorin wollte ich es noch einmal genau wissen, wie das damals war und heute ist. Bei prima Wetter begrüßte mich der 69-jährige Ernst Wünstel von der vor ein paar Jahren gegründeten Interessengemeinschaft, der für mich eine Einzelführung machte. Er erzählte, dass es an Frühbeeten, Schuppen und Tabak vorbeigehen sollte; der Weg sei auch ohne Führung für Interessierte jederzeit zugänglich. Neben dem Weg stünden jeweils Informationstafeln. Darüber hinaus gibt es jeden Monat eine offizielle Führung und auf Anfrage für Privatpersonen oder Gruppen. So wurden nicht nur nationale sondern auch internationale Gäste, Randwanderer und Vereine in die Welt des Tabaks eingeführt. Die Interessengemeinschaft besteht aus 16 Personen, die den Rundweg abwechselnd pflegen. Jeweils eine Familie sät Tabak aus und sobald daraus ein kleines Pflänzchen wird, können sich die Hatzenbühler Bürger welche für den Vorgarten oder in die Töpfe besorgen. Schließlich ist Hatzenbühl mit knapp über 3000 Einwohnern berühmt für seinen großen Tabakanbau und das muss sich ja auch im Dorf widerspiegeln. Vom 24. bis 26. August findet das Sommernachtsfest des Musikvereins Hatzenbühl e. V. statt und am Sonntagnachmittag der Einlesewettbewerb. Seit 2004 gibt es hier im Ort eine Tabakkönigin, die immer drei Jahre im Amt bleiben darf bis eine neue gewählt wird.

Bereits im Jahre 1573 hatte Pfarrer Anselmann zum ersten Mal in Hatzenbühl Tabak angebaut, aber nicht zum Rauchen, sondern als Arzneimittel zum Beispiel bei Kopf- und Zahnschmerzen. Zum Rauchen wurde der Tabak erst nach dem Dreißigjährigen Krieg entdeckt.

Es werden drei Sorten angebaut und jeweils von unten nach oben geerntet. Je nach Reifegrad muss man mehrfach an die Pflanze gehen, mindestens dreimal. Der Samen wird in ein feuchtes Tuch gepackt, immer warm gehalten und nach 6 bis 8 Tagen sind die Samen aufgequollen, so dass sie dann in die Frühbeete gesät werden. Zum Schutz vor Kälte und Nässe legt man einen Glasdeckel darüber, sollte dann aber täglich gießen. Nach 6 bis 7 Wochen ist der Samen zur Pflanze gereift, so dass sie wie auch bei Salatpflanzen üblich ausgesetzt werden können. An der ersten Infotafel wird die Aufzucht vom Samen zum Setzling ebenfalls beschrieben. Heute jedoch wird das anders nämlich maschinell betrieben, da kommt nicht der Samen sondern kleine Pillen in die Styroportöpfe und werden von unten mit Wasser versorgt.

Beim nächsten Stopp kommen wir in den ersten Tabaktrockenschuppen. Hier führt mir Herr Wünstel vor, wie der Tabak eingefädelt wird und erklärt, wie er dann zum Trocknen im Schuppen aufgehängt wird. Die ganzen Stapel heißen „Bandeliere“ und werden abends zum Trocknen aufgehängt, anschließend wieder herunter genommen und zu Buschen zusammengefügt und weggehängt, damit sie später verarbeitet werden konnten. Während der Ernte hatte man dafür keine Zeit. Seit ca. 1960 gibt es die automatisierte und patentierte Einlesemaschine und ein Förderband der Firma Metz aus dem Nachbarort. Mehrere hundert Samenkörner stecken in einer einzigen Samenkapsel. Zwei Esslöffel reichen, um sie in einen ganzen Garten zu säen.

Wir halten in einem automatisierten Schuppen, bei dem keine Stangen mehr drin sind. Hier gibt es die Konstruktion über Holzrahmen, die in Ketten eingehängt sind und über Ketten in einem Fördersystem stufenweise nach oben befördert werden können, so dass man nicht mehr auf den Schuppen hochsteigen muss und die Unfallgefahr gebannt war. In den ganzen Schuppen roch es nach Tabak und auch den ausgestellten Handschuhen sah man an, dass hier mit starkem Tobak gearbeitet wurde. Heute gibt es noch über 300 Tabakschuppen im Ort. Aber auch Weißkraut wird hier in Hülle und Fülle angebaut, der dann in der angesiedelten Sauerkrautfabrik verkauft wird. Tabak wird nur alle drei Jahre auf dem gleichen Feld gesetzt, dazwischen muss sich der Boden erholen und wird in der Zwischenzeit meistens mit Getreide ersetzt.

Wir kommen zum Hof der Familie Seither, einer von zwei Pflanzerlandwirten; früher hat jeder Tabak angebaut. Hier stehen gasbeheizte Trockenöfen, aber nur für die Virgin-Pflanzen. Diese werden 6 bis 7 Tage getrocknet und die Feuchtigkeit gesteuert, dann auf den Wagen geladen und feucht gehalten, damit man den Tabak gut weiterverarbeiten kann und er nicht bröselig wird. Vom Wagen kommt er Tabak in die Trommel zum Vereinzelnen der Blätter. An dem Förderband stehen Leute, die die Blätter nach Qualitätsstufen aussortieren. Das ist anstrengende Fließbandarbeit, man muss schnell arbeiten und ein geschultes Auge haben, denn braune Flecken oder Grünanteil fallen durch das Raster. Diese Klassen II und III sind minderwertige Waren und werden billiger verkauft.

Der Folienschuppen hat eine doppelte Nutzung, zum einen zur Aufzucht der Pflanzen und später zum Trocknen des Tabaks. In dem Schuppen, den wir betreten, wird jedoch momentan Stroh gelagert.
Für den Umkreis gibt es in Herxheim bei Landau eine Tabakverwiegehalle, wo der Tabak abgewogen und angenommen wird. Wie zu früheren Zeiten ist auch hier noch ein Zollbeamter wegen der Steuer vor Ort.

Es war eine sehr interessante Führung und ich habe viel gelernt dank der hervorragenden Führung durch Herrn Wünstel. (mel)

Autor:

Brigitte Melder aus Böhl-Iggelheim

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