BriMel unterwegs
Romeo und Julia“ als „Kartoffeltheater“
- Romeo und Julia mit Schauspieler Florian Kaiser
- Foto: Johann-Peter Melder
- hochgeladen von Brigitte Melder
Böhl-Iggelheim, OT Iggelheim. Hat man das schon mal gesehen, dass ein Schauspieler mit Kartoffeln die Hauptrolle spielt? So geschehen am 21. August im Kreativhaus h6 als humorvolle Inszenierung der Heidelberger Wanderbühne Theater Carnivore mit dem herausragenden Schauspieler Florian Kaiser. Unter Verwendung von Shakespeares Texten und eigenem Teil im Stück names "On the road to Mantua" von Florian Kaiser kämpfen hier Kartoffeln als Knollen um Liebe und Schicksal.
Wegen Kälte und Regen wurde es heute anstatt Open Air in die große Galerie verlegt. Auf der extra aufgebauten Stage standen lediglich ein großer Tisch, ein Hocker und eine Schubladenschränkchen. Auf dem Tisch ein Sektkübel – oha, waren da etwa die Kartoffeln „Romeo und Julia“ drin oder sollte es noch etwas zu feiern geben? 19.58 Uhr betrat Florian Kaiser die Galerie, zu früh. Er überbrückte mit dem ersten Zeichen, einem Trommelwirbel auf einer Blechschublade. 19.59 Uhr zweites Zeichen und dann ist es 20 Uhr und die Veranstalterin Tina Krauß begrüßte die Gäste auf diesem historischen Anwesen, das einmal ein Pfarrhaus. Ja, die Historie ist spannend und 2008 hat Tina Krauß das Haus mit allem drum und dran übernommen und mit viel Mühe und Liebe zu dem gemacht, wie es heute dasteht. Vor vielen Jahren sei ihr Florian Kaiser mit seinem Ensemble ins Herz gewachsen und seitdem wird er von ihr immer wieder gerne gebucht. Mit dem dritten Zeichen wurde es dann ernst. Heute Abend ging es um Liebe, Heiraten und Balkone. Modern sei, dass es mit der Liebe nicht gut ausgeht. Während seiner mit Bravour gemeisterten schauspielerischen Leistung interagierte er immer wieder mit dem Publikum und philosophierte über die Liebe. Verlieben wir uns in die Menschen oder in die Hoffnung? Florian Kaiser hatte sich für diese Komödie unheimlich viel Text merken müssen. Er hat leidglich 5 Pfund Kartoffeln und zwei Mandarinen für sein Schauspiel mitgebracht. Die Kartoffel, die wir durch Zufall finden, soll Julian sein. „Iggelheim sucht die Superkartoffel!“ Für diese Suche verband er sich extra die Augen und man musste Angst haben, dass er nicht vom Podest fällt. Er passt genau zwischen Podest und Raumdecke. Er hat eine Kartoffel mit Brille in der Hand und diese stellt den Dramatiker Bertolt Brecht dar, der ihn über den ganzen Abend begleitet. Die Brecht-Kartoffel wird auf einen Spieß in einer Flasche als Körper verwendet. Brecht will erstmal die Basis der Zusammenarbeit klären. Erste Szene stellt eine große Prügelei dar und Florian Kaiser unterhielt sich mit Bertolt Brecht. „Wir brauchen das Brett, das die Welt bedeute, zwei Messer und zwei Handschuhe.“ Die beiden verfeindeten Familien von Romeo und Julia stehen und Montague und Capulet. Das Figurentheater konnte beginnen und Florian Kaiser griff wahllos in den Topf und erwischt seinen Romeo und seine Julia. Zwei Rosmarinzweige waren die Bürger von Verona. Und dann begann das Kartoffel-Casting mit Hilfe des Publikums, das jeweils eine Kartoffel ziehen musste und die darauf Augen erkennen sollten, die Florian mit Mascara- und Kajalstift bemalte. Außerdem bekommt die Julia jeweils ein bisschen Rouge auf die „Wangen“ zur besseren Unterscheidung. Dann schaute man sich zuerst den Romeo an, wie er sich auf das Casting vorbereitet hatte. Dieser würde gerne die Rolle von Leonardo di Capri spielen. Oh, das ist der falsche Fillm. Das Publikum hatte es jedoch in der Hand, wer weiterkommt, dazu galt es so lange wie möglich zu klatschen bis der mitgebrachte Luftballon von Florian Kaiser bis zum Platzen aufgepustet wurde. Florian Kaiser schlüpft in jede Kartoffelrolle, verstellt seine Stimme und Mimik und gibt der Kartoffel Personality. Nach jedem Cast hieß es von Bertolt Brecht „Bitte warten Sie draußen; wir melden uns!“ Jetzt bekamen die Kartoffeln ihre Kostüme – Julia ein gelbes Kartoffelnetz und Romeo ein rotes Zwiebelnetz, außerdem ist Maskenball und die beiden Kartoffeln bekamen die Mandarinenschalen über den „Kopf“ gestülpt. Julias Vetter Tybalt hat ein hitziges Temperament und tötet Romeos Freund Mercutio in der Rolle von Bertolt Brecht und wird daraufhin von Romeo im Duell getötet. Zeit für die Erstversorgung des Patienten und eine Pause.
Trommelwirbel zum zweiten Akt mit einer schauspielerischen Leistung von Florian Kaiser par excellence. Das Figurentheater ist dem Schauspiel überlegen und wurde mit dem Schlegel in der Hand eingeläutet. Es ist ein Mitmachtheater für Erwachsene, die begeistert mitmachten. Platzende Luftballons und welche, die es bis zum „Siedepunkt“ schafften, sorgten für Knalleffekte. Zum Schluss platzten alle vier. Er erzählte achronologisch und hatte jede Menge Textzeilen zu lernen, um es so frei herüberzubringen. Im weiteren Verlauf spielte Florian Kaiser den Romeo und verliebt sich in die Kartoffel Julia, die nicht als Rosmarinkartoffel enden wollte. Die folgende Szene sei eine Nacktszene mit dem Vogelzitat „Es war die Nachtigall und nicht die Lerche!“ Kaum war die Nacht vorbei begannen sie zu streiten. Florian Kaiser hat eine Szene eingeschrieben mit dem Titel "On the road to Mantua". Selbstmord! Die folgenden Szenen spielten in der Gruft von Capulet und dazu brauchte man einen Dolch und Gift. Julia lebte aber noch. Muss es immer schlecht ausgehen? Florian Kaiser hat keinen Balkon, aber Hunger, das ist sein Problem. Es war ein sehr unterhaltsamer Abend mit diesem fantastischen Schauspieler, der auch mit „Das Eselein“ und „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ auf Tour ist. Nähere Infos unter www.wanderbuehne.com/kontakt
Theater Carnivore: Ein Kartoffelspaß mit dem großen Klassiker der dramatischen Literatur über die Liebe unter Verwendung des Textes von Shakespeare in der Übersetzung von August Wilhelm von Schlegel und um fehlende Stellen ergänzt von Florian Kaiser. Wir spielen aufreibendes Theater, nicht nur für die Kartoffeln, die nun der Erde entrissen nur noch eine Bestimmung haben: die Bühne! Doch nicht alle werden die Tischplatte, die die Welt bedeutet, betreten: Zu viele teilen sich das Schicksal im Dreipfundnetz und warten auf das alles entscheidende Vorsprechen, die Audition, das Casting! Dieses werden wir vor jeder Vorstellung durchführen und den Jugendlichen Liebhaber und die Junge Naive in wechselnder Besetzung zeigen, so wie sie das jeweilige Publikum auswählt. Um uns dann zu fragen: Was ist Liebe? – Neigung? Schicksal? Ist sie nicht das, was wir im Gegenüber sehen? Wer gibt uns mehr Freifläche für Liebe als Kartoffeln? Was sollte tiefgründiger sein als die Liebe zweier Kartoffeln, wenn sie aus dem Erdreich überirdisch zutage tritt? Aber wehe, wenn die Kartoffeln zum Leben erwachen und ihren eigenen Willen entwickeln! Wird der Kartoffeldompteur sie bändigen können? Werden sie sich in sein Spiel fügen? Und was, wenn er sich verliebt? Hat so eine Liebe eine Zukunft? (mel)
Autor:Brigitte Melder aus Böhl-Iggelheim |
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