In Wiesental sollte die 42-jährige Maria Wittmer erschossen werden:
Frau an der Spitze der „Umsturzpartei“

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Waghäusel-Wiesental. Vor rund 170 Jahren tobte die in die Geschichtsbücher eingegangene „Schlacht bei Waghäusel“: ein schicksalsschwerer Tag für die badische Revolutionsarmee. Auf dem Areal der Zuckerfabrik lagerte eine Division, die zu den Truppen gehörte, die der geflohene badische Großherzog Leopold zu Hilfe gerufen hatte. Bei ihrem vierten Angriff stürmten die badischen Freiheitskämpfer die Verteidigungsstellungen der Preußen hinter der mannshohen Mauer, mit der die Fabrikgebäude und das Schloss umgeben war. Dem anfänglichen Triumpf folgte bald darauf der Untergang.
Die „Schlacht bei Waghäusel“ 1849, dem ein Tag zuvor das Gefecht bei Wiesental vorausgegangen war, bei dem Prinz Friedrich Karl von Preußen verwundet wurde, läutete letztlich die Niederlage der Freiheitskämpfer ein. „Durch Waghäusel ist der Feldzug entschieden“: zu diesem Schluss kommt der Historiker Veit Valentin.
170 Jahre Badische Revolution und 20 Jahre Freiheitsdenkmal (das vor der Eremitage steht) - daran wird 2019 erinnert. Aber in dem Jahr, als die Frauen nach Einführung des Frauenwahlrechts erstmals wählen durften, sollte auch einer bemerkenswerten Wiesentaler Vorkämpferin gedacht werden. Denn die Inschrift auf dem Denkmal schließt auch sie mit ein: „Den Wegbereitern der Demokratie.“
Politisch engagierte Frauen sind heute eine Selbstverständlichkeit. Doch wann gab es die erste politisch aktive Frau in der Region? Vor 170 Jahren versuchte eine Hausfrau in einfachen Verhältnissen, deren Mann den Beruf des Wagners ausübte, politisch Einfluss zu nehmen: Maria Josepha Wittmer, geborene Rolli, verheiratet und Mutter von vier Söhnen, war Mitte des 19. Jahrhunderts nachweislich das Oberhaupt einer unter strenger Beobachtung stehenden „Umsturzpartei“. Bereits 70 Jahre vor dem Frauenwahlrechts führte eine 42-Jährige eine Partei, die sich die Werte Gleichheit und Freiheit, Demokratie und Menschenrechte auf die Fahne schrieb.
Schriftlich belegt wird die Funktion der Wittmerin in einem Protokoll über die Ortsbereisung des Großherzoglichen Bezirksamtmanns Wilhelm Hübsch. Darin notierte der Vertreter des zuständigen Bezirksamtes Philippsburg: „Erhebung des Leumunds in politischer Beziehung durch Abhör der geistlichen und weltlichen Ortsvorgesetzten und anderer zuverlässiger Einwohner über … teils in polizeilicher Untersuchung befindlicher Individuen: 1. Valentin Wittmer Eheleute, 2. Schneider Heinrich Weckerle und Anton Wolff.“
Weiter heißt es dort: „Haben sämtliche zu der zwar kleinen, aber der Republik huldigenden Partei in Wiesenthal gehört, und die Ehefrau des Valentin Wittmer soll das Haupt dieser Gesellschaft sein.“ Außerdem ist vermerkt: „Das Häuflein derjenigen, welche der Umsturzpartei angehören, ist bedeutend in der Minorität und wäre ohne Zweifel nicht einmal so zahlreich, wenn nicht durch verschiedene Fabrikarbeiter seit Jahren der Same gesät und gepflegt worden wäre. Diese Leute samt und sonders werden jedoch auf das Emsigste überwacht.“
Maria Wittmer, 1806 geboren, war die Tochter des ehemaligen Wiesentaler Bürgermeisters Johann Georg Rolli, der um 1800 noch die Amtsbezeichnung „Vogt“ getragen hatte. 1824 heiratete sie, das 19. Kind von insgesamt 21 Sprösslingen aus vier Ehen, als gerade 17-Jährige den 23 Jahre alten Valentin Wittmer. Recht spät kamen ihre vier Kinder zur Welt. Die Frau soll unter dem Namen „d‘Beluglern“ bekannt gewesen sein. Möglicherweise gibt es einen Zusammenhang mit dem Wort „lugen“, das auch die Bedeutung von „spähen“ hat. Handelt es sich dann um die „Bespähte“, die (von wem auch immer) „Ausspionierte“?
Die Behauptungen von Wilhelm Hübsch werden durch eine mündliche Überlieferung untermauert. Sophie Schweikert (1869 bis 1943), die älteste Tochter des Wittmer-Sohns Anton (1843 bis 1910), wusste noch von folgender Begebenheit, wie ihr Enkel Emil Erbe berichten kann:
Maria Josepha soll 1849, als Soldaten der preußischen „Befreiungsarmee“ das Dorf Wiesental besetzten, einen Freischärler auf dem Dachboden ihrer Scheune unter dem Stroh versteckt haben. Bei Hausdurchsuchungen durch Husaren hätten diese mit Heugabeln in die Strohvorräte der Wittmers gestochen, um mögliche Flüchtlinge ausfindig zu machen, und dabei den Freiheitskämpfer schwer verletzt.
Wie es weiter heißt, soll die Sympathisantin nachts die Pferde an einen Wagen gespannt haben, um den Verwundeten weg zu bringen, angeblich nach Graben. Doch das Vorhaben scheiterte. Die Wittmerin wurde festgenommen und sollte auf dem Dorfplatz kurzerhand erschossen werden. Doch habe ein preußischer Offizier quasi in letzter Minute die Liquidierung verhindert.
„170 Jahre nach der blutigen Niederschlagung der Volkserhebung und der beabsichtigten Hinrichtung der ersten politisch engagierten Frau, einer Kämpferin auch gegen staatliche Unterdrückung, erinnern uns heute an den Mut und den Idealismus derer, die insbesondere in unserer Region und in der Schlacht bei Waghäusel gekämpft, sich für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte eingesetzt und dafür mitunter ihr Leben gelassen haben“, fordern in einem Aufruf die Vorsitzende der „Unabhängigen“ Waghäusel, Kerstin Siegrist, und der Fraktionsvorsitzende Roland Liebl. „Wir erachten es als Pflicht, dabei mitzuhelfen, die Erinnerung an den weithin beschwerlichen Weg in unser modernes freiheitliches Leben wach zu halten.“
Es gilt der politische Grundsatz:
„Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.“
(Altbundespräsident Richard von Weizsäcker)

Bilder:
1. Die Schlacht bei Waghäusel auf dem Gelände der Zuckerfabrik
2. Der erste tote Zivilist: In diesem Eckhaus wurde Bäcker Joseph Stöckel von den Preußen erschossen
3. Husarendenkmal der Sieger (von 1851): Zur Erinnerung an die gefallenen Husaren
4. Gedenktafel auf dem Grab:  Hauptmann Liebermann von Sonnenberg
5. Angebliches Bild der Aufrührerin Maria Wittmer im Heimatmuseum
6. Freiheitsdenkmal von 1999 bei der Eremitage

Autor:

Werner Schmidhuber aus Waghäusel

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