Konflikt zwischen Speyer und Dudenhofen
Der „Speyerer Bauernkrieg“ und die Eroberung der Stadt durch Dudenhofen im Jahr 1716

Collage zum "Speyerer Bauernkrieg" von 1716 und die Eroberung der Stadt durch Dudenhofen. 
Darstellungen aus: Flurplan Wilhelm Besserer (vermutlich 1572) und Gemarkungssteine ("Maulbronnstein" und Zeichnung Klotz "Fußäcker"), sowie Deckblatt Publikation J.M. König "Fehde der Stadt Speyer" aus 1830 | Foto: Repro: Clemens Keller (cke.)
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  • Collage zum "Speyerer Bauernkrieg" von 1716 und die Eroberung der Stadt durch Dudenhofen.
    Darstellungen aus: Flurplan Wilhelm Besserer (vermutlich 1572) und Gemarkungssteine ("Maulbronnstein" und Zeichnung Klotz "Fußäcker"), sowie Deckblatt Publikation J.M. König "Fehde der Stadt Speyer" aus 1830
  • Foto: Repro: Clemens Keller (cke.)
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Im Frühjahr 1716 eskaliert ein seit Jahrhunderten schwelender Konflikt zwischen der Reichsstadt Speyer und dem Dorf Dudenhofen zu einem offenen bewaffneten Zusammenstoß. Was als Streit um Wald , Weide und Grenzrechte begonnen hatte, mündet in der Besetzung der Stadt Speyer durch bewaffnete Bauernverbünde. Dieses Ereignis bleibt in Speyer als demütigender „Bauernkrieg“ in Erinnerung, während es für Dudenhofen einen Höhepunkt dörflicher Selbstbehauptung darstellt.
   
Historische Wurzeln des Konflikts

Die Auseinandersetzung zwischen Speyer und Dudenhofen reicht lange, genau gesagt seit 1294, zurück. Kern des Streits sind konkurrierende Ansprüche auf Waldnutzung, Weiderechte und den genauen Verlauf der Grenze zwischen städtischem Territorium und hochstiftischem Dorf. Dudenhofen beruft sich dabei auf alte Weistümer und Nachbarschaftsvereinbarungen, nach denen sein Gebiet bis dicht vor die Stadtmauern Speyers reiche. Die Stadt hingegen versucht über Jahrhunderte hinweg, ihre Hoheitsrechte bis gar westlich von Dudenhofen auszudehnen.
  
Nach der Zerstörung Speyers im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1689 verschärft sich die Lage. Da große Teile des städtischen Landes ungenutzt brachliegen, nutzen Bauern aus Dudenhofen diese Flächen, markieren sie mit eigenen Grenzsteinen mit „krummem Kreuz“, dem Wahrzeichen ihres Dorfes, und machen so ihren Anspruch symbolisch wie praktisch geltend.
    
Auch die Konfession trug zur wachsenden Spannung bei: Speyer war eine freie Reichsstadt mit protestantischer Bürgerschaft, während die umliegenden Dörfer zum bischöflichen Hochstift gehörten und katholisch waren. Der betagte und gesundheitlich angeschlagene Bischof Heinrich Hartard von Rollingen (1633–1719) lebte zu dieser Zeit in einem Bürgerhaus innerhalb der Stadt. Der Unmut, der sich auf dem Land regte, richtete sich dabei nicht gegen ihn als Grund- und Territorialherrn, sondern gegen die städtische Obrigkeit, die als fremde, feindliche und einflussnehmende, politische Macht empfunden wurde.
    
Vom Rechtsstreit zur bewaffneten Fehde
Besonders umstritten ist seinerzeit ein Waldgebiet am Lorenzenberg, in dem Dudenhofener Bauern Holz schlagen, während Speyer dieses schließlich als städtisches Eigentum einzieht. Als Speyer das geschlagene Holz beschlagnahmt, ruft Dudenhofen den bischöflichen Amtsverweser Dieter Friedrich Dinker zu Hilfe. Dieser lässt am 23. Februar und 4. März 1716 demonstrativ erneut Holz schlagen und stellt sich damit offen gegen die Stadt. Für Speyer ist dies eine Provokation, für Dudenhofen die Verteidigung überlieferter Rechte. Als Speyer erfährt, Dinker habe Pulver und Blei gekauft, bewaffnet der Rat seine Bürger; die ohnehin belasteten Spannungen zwischen der protestantischen Stadt und dem katholischen Bischof verbinden sich so mit dem lokalen Waldstreit.
    
Ende Februar und Anfang März 1716 überschreitet der Konflikt die Schwelle vom Rechtsstreit zur offenen Fehde. Mehrere hundert bewaffnete Dudenhofener und andere bischöfliche Untertanen ziehen in den strittigen Wald, holen nachts das von Speyer gefällte Holz zurück und verweisen auf frühere ähnliche Aktionen der Stadt. Trotz eines kaiserlichen Ruhegebots handelt es sich nun um bewaffnete Selbsthilfe. Dudenhofen tritt geschlossen auf und zeigt sich als handlungsfähige Dorfgemeinde, die bereit ist, ihre Ansprüche mit Gewalt durchzusetzen.
   
Zuspitzung im März 1716
In der Nacht vor Freitag, dem 20. März 1716, also just vor 310 Jahren, versammeln sich Bauern der Ämter Marientraut, Kirrweiler und Deidesheim - an vorderster Spitze die Dudenhofener. Mit Flinten, Prügeln, Heugabeln und etlichen hundert Wagen besetzen sie den Speyerer Wald und die Landwehr der Stadt. Am nächsten Morgen berichten Marktbesucher von „über tausend“ bischöflichen Untertanen, die den Wald niedergehauen hätten. Der Speyerer Rat ruft die Bürger zu den Waffen, schließt die Stadttore und lässt die Wälle besetzen, ordnet jedoch an, nicht zuerst zu schießen.
    
Gleichzeitig versucht die Stadt, die Haltung des zank- und streitsüchtigen Speyerer Fürstbischofs Heinrich Hartard von Rollingen zu klären. Dieser beteuert jedoch – offenbar auch im Widerspruch zu seinem tatsächlichen Einfluss auf die Ereignisse -, er wisse nichts von einem Bauernaufstand; wenn die Dudenhofener ihre Waldrechte verteidigten, gehe ihn das wenig an. Ein bischöflicher Gesandter verhandelt mit den Bauern, die offen erklären, sie seien zur Unterstützung Dudenhofens versammelt und hätten wenig Interesse an einem langwierigen Gerichtsverfahren. Für Speyer wird deutlich, dass es sich um eine koordinierte Aktion zugunsten des Dorfes handelt.
     
Eskalation in der Stadt und Angriffssignal
In Speyer selbst steigt die Spannung. Bewaffnete Bürger patrouillieren, die Stimmung ist aufgeheizt. Als es in der Nähe des Bischofs- und Fürstenhauses zu einer gewalttätigen Konfrontation zwischen Bürgern und bischöflichem Gesinde kommt, eskaliert die Lage weiter. Teile der Bevölkerung fordern offen den Angriff auf den Bischof und die Geistlichkeit. Für den Fürstbischof stellt dies eine schwere Ehrverletzung dar. Er erklärt, unter diesen Umständen könne er den Bauern vor der Stadt keinen Rückzugsbefehl mehr erteilen, und stellt Bedingungen, die der Rat ablehnt.
    
Am Morgen des 21. März melden Späher, der Wald sei voller Bauern „zu Roß und zu Fuß“, mit Trommeln, Pfeifen und „klingendem Spiel“; aus dem Bruhrain, der Gegend von Philippsburg und Bruchsal, seien weitere Bewaffnete mit vier Pulverwagen, Kugeln, Granaten und Mauerbrechern herangerückt. Erneut lässt der Rat den Bischof fragen, ob er „Krieg oder Frieden“ wolle. Die Antwort aus der bischöflichen Kanzlei fällt scharf aus: Man verweist auf angebliche Misshandlungen eines Domherrn und schmäht die Speyerer, die glaubten, einen Reichsfürsten mit Trommeln und Belagerung „zu ehren“. Eine friedliche Lösung ist damit praktisch ausgeschlossen. Letzte Vermittlungsversuche scheitern an scharfen gegenseitigen Vorwürfen. Gegen drei Uhr nachmittags geben drei kräftige, durch den ganzen Speyergau hallende Lärmschüsse von der Kuppel des Domes sowie das Hissen einer roten Fahne den rings um Speyer gelagerten Bauern das unmissverständliche Signal zum Angriff.
   
Sturm und Besetzung Speyers
In drei großen Haufen rücken die bäuerlichen Untertanen des Bischofs gegen die Stadt vor. Am Fischer und Markustor erzwingen sie mit Äxten und Gewalt den Durchbruch, entwaffnen die Wachen und verletzen mehrere Verteidiger schwer. Ein städtischer Gegenangriff scheitert, nachdem Schüsse aus den Häusern bischöflicher Bediensteter einen Reiter treffen und dieser tot zu Boden stürzt. Auch ein Bischöflicher fand den Tod und einem anderen schlug die zersprungene Flinte bei einem Freudenschuss den linken Arm ab.
Die Bauern dringen durch einen unbewachten Turm beim Fischerthor in die Stadt ein, besetzen die Hauptwache, erlangen die Schlüssel aller Tore und öffnen sie für weitere Verbände. Rathaus und zentrale Gebäude fallen in ihre Hände, die führenden städtischen Amtsträger werden entmachtet, ihre Häuser mit bäuerlichen Trupps belegt. Der ganze Kampf, der als „Speyerer Bauernkrieg“ in die lokale Geschichtsschreibung eingeht, dauert kaum zwei Stunden. Eine Reichsstadt, die früher militärischem Druck und wohlgerüsteter Heere widerstanden hat, unterliegt nun einem Bauernheer von 3000 Mann. Dudenhofen gilt seitdem als Kopf und Namensgeber dieser Streitmacht, das als kleines Dorf erfolgreich eine große und mächtige Reichsstadt zu Fall bringt.
  
Wochen der „Bauernherrschaft“
Es folgt eine fünfzehn Wochen dauernde Besatzung Speyers. Die Stadt ist entwaffnet, die Tore werden von Bauernwachen kontrolliert. Viele Bauern holen ihre Familien in die Stadt und richten sich in den Amtsstuben, Wohnhäusern der Bürger, sowie den Zunft- und Wirtshäusern wie eine Besatzungsmacht ein. Speyerer Quellen schildern ihr Auftreten als grob und äußerst demütigend. Trotz einer bereits am 28. März erfolgten Aufforderung des Reichskammergerichts zum Abzug ignoriert der Fürstbischof dies weitgehend und ersetzt die Besatzung lediglich durch andere bewaffnete Bauernhaufen, die selbst in der Karwoche „allerlei Muthwillen und Unfug“ verübten. In einer gedruckten Erklärung, die er am 16. April sowohl an der Kathedrale, am Ratshof und an den Stadttoren anschlagen ließ, stellt er sich als Verteidiger alter Frei und Schutzbriefe von Bischof und Geistlichkeit dar, versichert, er wolle Reichsunmittelbarkeit und Glaubensfreiheit Speyers nicht antasten, bezeichnet die Speyerer Bürger aber abwertend als „Handwerksleute, Krämer und gemeines Volk“. Die Stadt fühlt sich doppelt gedemütigt und klagt erneut beim Kaiser.
    
Dudenhofen als Reserve und Hauptquartier
Am Vorabend von Christi Himmelfahrt, am 20. Mai 1716, kam in Speyer erneut Unruhe auf. In der Stadt machte das Gerücht die Runde, ein heranrückendes Heer wolle Speyer von den bischöflichen Truppen befreien. Als der Bürgermeister den bischöflichen Geheimschreiber nach der Sache fragte, konnte dieser nichts Sicheres dazu sagen. In der Nacht fielen dann um Mitternacht mehrere Schüsse in der Stadt, wodurch die Angst der Bewohner noch größer wurde. Daraufhin eilten fürstbischöfliche Boten nach Dudenhofen und Heiligenstein, ließen die Sturmglocken läuten und riefen dort die Bauern zu Hilfe. Über tausend Männer zogen abermals in Richtung Speyer, doch bei Tagesanbruch zeigte sich, dass nirgends eine tatsächliche Gefahr drohte. Die erschrockenen Speyerer behaupteten daraufhin, die Bischöflichen hätten den Lärm absichtlich verursacht, um ihren Lageraufenthalt in der Stadt zu verlängern. Dudenhofen beweist durch diese Aktion jedoch erneut die schnelle Mobilisierbarkeit „seiner“ Bauern zum Schutz des Fürstbischofs.
   
Schließlich schickt Kaiser Karl VI Kommissare nach Speyer. Sie verhandeln am Freitag, 3. Juli im Karmeliterkloster, lassen die bischöflichen Anschläge entfernen und hängen stattdessen kaiserliche Gebote auf, die die Rückgabe der Tore an bürgerliche Wachen verlangen.
   
Am Sonntag, 5. Juli 1716 ziehen die Bauern schließlich abends gegen sechs Uhr - „mit Trommeln und Pfeifen, mit fliegenden Fahnen“, wie es heißt - aus Speyer ab, „ungern und mit vielen Scheltworten“. Nicht ohne neckende Anspielungen auf baldige Wiederkehr marschieren sie „wohlgenährt und mit befriedigenden Gefühlen“ nach Dudenhofen und richten dort ihr Hauptquartier ein. Hundert der stärksten Männer, die der Bischof als Leibgarde zurückhalten will, müssen kurz darauf ebenfalls abziehen. Dudenhofen wird damit offiziell zum Standort der Bauerntruppe nach der Besatzung – ein weiterer Baustein der dörflichen Erinnerung an diese „ruhmreiche“ Episode.
     
Nachwirkungen - Langfristige Bedeutung
Der Konflikt endet jedoch nicht mit diesem Abzug. In den folgenden Jahren führt man an der Grenze einen zähen Kleinkrieg: Dudenhofener Bauern treiben Speyerer Herden von umstrittenen Flächen, pfänden Vieh, schneiden Korn auf strittigem Boden, versetzen Grenzsteine, graben Lehm, wo Speyer Anspruch erhebt, und setzen städtische Waldschützen fest. Speyer antwortet mit Verhaftungen, Pfändungen, Verbot des Kirchweihbesuchs in bischöflichen Orten und anderen Maßnahmen, die aus bischöflicher Sicht kirchliche Rechte verletzen. Erst mit der Waldteilung von 1758 und der später, unter französischer und bayerischer Verwaltung, endgültig festgelegten Gemarkungsgrenze wird der Konflikt formell entschärft – und zwar im Wesentlichen entlang der Linie, für die Dudenhofen seit Jahrhunderten gestritten und gekämpft hatte.
         
      
Quellen:
Der vorliegende Bericht fasst die Inhalte mehrerer historischer Einzelquellen zusammen. Er soll einen kurzen, kompakten Überblick bieten, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Wer sich eingehender mit der dargestellten Thematik befassen möchte, findet in den genannten Originalquellen, die auch online als Digitalisate verfügbar sind, weiterführende Informationen und die Möglichkeit zur vertieften Recherche.
                  

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Autor:

Clemens Keller aus Römerberg-Dudenhofen

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