„Hier sind wir zusammen stark – und dürfen doch schwach sein“
Eine ganz besondere Gemeinschaft

Der Besuch im Kräutergarten war das erste Treffen nach dem Lockdown.  Foto: Privat
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  • Der Besuch im Kräutergarten war das erste Treffen nach dem Lockdown. Foto: Privat
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Dahn. 1990 bekam Ingrid Meigel die Diagnose Brustkrebs. Immer wieder wurde sie im Verlauf ihrer Krankheit von betroffenen Frauen kontaktiert, die Rat und Hilfe suchten. Mit fünf von ihnen, hat sie dann 1992 eine Frauenselbsthilfegruppe unter dem Dach der FSH (Frauenselbsthilfe Krebs), einem der ältesten Selbsthilfeverbände Deutschlands in Dahn gegründet. Mittlerweile gehören zu dieser sich monatlich treffenden Nachmittagsgruppe auch noch eine kleinere Frühstücksgruppe und zwei sehr aktive Sportgruppen. Die Gedanken und Gefühle spielen nach einer Krebs-Diagnose verrückt und unzählige Fragen tauchen auf. Auch Andrea Gnirß wandte sich bei ihrer Erkrankung 2009 hilfesuchend an Ingrid Meigel. 2012 hat sie dann deren Nachfolge als Gruppenleiterin angetreten.

Von Britta Bender

Enorm beeindruckt war sie vom Bundeskongress der FSH in Magdeburg. Jährlich treffen sich dort bis zu 700 Gruppenleiterinnen. „Powerfrauen mit Frauenpower“, fasst Gnirß zusammen. Dieses Event habe sie gepusht und in ihrer Entscheidung, die Gruppe zu leiten, mehr als bestätigt. „Ich habe mich dort getragen gefühlt“, so Gnirß. Dieses Gefühl ist in der Dahner Frauengruppe präsent.
Obwohl Betroffene in der Akutphase ihrer Krankheit dazu neigen, eher den Kontakt zu Gleichgesinnten zu meiden, rät Gnirß ausdrücklich, sich nicht zu isolieren. Deshalb ist sie für Betroffene (und deren Angehörige) in allen Phasen der Erkrankung erreichbar, am Telefon, per Mail oder zu einem persönlichen Gespräch.
„Wer dann zu unseren Treffen kommt sieht, dass wir nicht im Kreis sitzen und unentwegt über Krebs reden“. Das Thema ist im Raum, jedoch eher als ein gemeinsames Verstehen ohne Worte.
Die ersten Informationen über die Selbsthilfegruppe erhalten die Betroffenen meist im Krankenhaus.
Als Gruppenleiterin nimmt Andrea Gnirß regelmäßig an Schulungen und Coachings teil.
Es sei ein großer Schritt, zu sagen „ich habe Krebs“. Anfangs stehe man unter Schock, sei überfordert, fühle sich ausgeliefert, ist auch seelisch verletzt.
Bei Gnirß und auch in der Gruppe, weiß man ohne lange Erklärung, was die Diagnose für einen Ausnahmezustand verursacht. Jede ist oder war betroffen.
Diese Gemeinschaft besteht aus Frauen, die alle dieselben Erfahrungen gemacht haben. Zu Beginn der Erkrankung gibt“s oft viele Tränen, aber in der Gruppe steht hauptsächlich die Geselligkeit im Mittelpunkt. „Bei uns wird viel gelacht, denn lachen ist bekanntermaßen die beste Medizin,“ betont Gnirß. Es ginge ja darum ins Leben zurückzufinden und weiterzuleben.
Die allermeisten bekommen diese Chance, einige wenige schaffen es nicht.
Andrea Gnirß besucht die Betroffene auf Wunsch auf der Palliativstation oder im Hospiz. Im Trauerfall sind die Frauen dann nicht alleine, können sich Trost spenden. Auch der gemeinsame Gang zur Beerdigung ist Teil des Füreinander und Miteinander.
Insgesamt besteht die FSH Gruppe Dahn mit ihren verschiedenen Untergruppen aus bis zu 50 Frauen. Die jüngste ist 33 und die älteste 90 Jahre alt, viele kennen sich schon viele Jahre, die meisten hatten Brustkrebs.
Die Therapie besteht aus OP, Chemo-Behandlung, eine Bestrahlung kann anschließend noch angeordnet werden. Bis zum Abschluss der Therapie kann bis zu einem Jahr vergehen. War diese erfolgreich, wird die Frau erstmal für gesund erklärt, begibt sich jedoch von diesem Moment an in eine fünfjährige sogenannte Heilungsbewährung. Wenn diese „bestanden“ ist, gilt die Betroffene dann als geheilt.
Aber genauso schwer, wie es anfangs fällt zu sagen „ich habe Krebs“, braucht es Mut, zu sagen „ich bin gesund“. Daran zu glauben und darauf zu vertrauen, dass alles überstanden ist, ist oftmals auch ein Prozess. Denn die Furcht vor einer zweiten Diagnose bleibt allemal.
Viele Menschen glauben ja, dass jede Frau, bei der eine Brustamputation vorgenommen werden musste, sich anschließend das Gewebe operativ wieder aufbauen lässt. Das empfehlen die Ärztinnen und Ärzte den Patientinnen. Aber nicht jede Betroffene entscheidet sich für einen Aufbau der Brust. „Man kann nicht das zurück geben, was entfernt wurde,“ so die Ansicht einer Teilnehmerin.
So verschieden wie die Frauen selbst, waren auch die Wege zur Selbsthilfegruppe.
Eine Teilnehmerin wurde bei einem Vortrag über Darmkrebs im Haus des Gastes in Dahn aufmerksam. Zwei sind beste Freundinnen geworden, sie hatten sich schon vor ihrer Erkrankung gekannt, durch den Kontakt ihrer damals schulpflichtigen Kinder.
Eine berichtet, sie habe nach ihrer Diagnose beschlossen erst „alles zu erledigen“ und dann in die Gruppe zu gehen, eine weitere konnte mit ihrem Arztbericht nichts anfangen und hat sich damals an Ingrid Meigel gewandt, die ihr den Bericht verdeutscht hat. Die nächste hatte lange Zeit ihre Freundin begleitet und wurde durch ihre eigene Erkrankung dann selbst zur Teilnehmerin. Zwei Frauen sind sich bei der Selbsthilfegruppe begegnet und stellten fest, dass sie gemeinsam in der Reha waren ohne sich dort kennengelernt zu haben. Auch ist eine neue Teilnehmerin dabei. Sie ist aktuell erkrankt und war auf der Suche nach Beratung. „Ich habe ein gutes Gefühl in der Gruppe“, sagt sie. Auch alle anderen fühlen sich absolut wohl. Sie schätzen die Vertrautheit und Verbundenheit, schwärmen von ihren Weihnachtsfeiern und dem Besuch im Kräutergarten im Juni diesen Jahres. Gemeinsam etwas leckeres essen und trinken, vorher eine kleine Wanderung zu unternehme wie an diesem Donnerstagstreff im August, das gehört bei dieser fröhlichen Truppe dazu.
„Hier sind wir zusammen stark und dürfen doch schwach sein“ waren einst die Worte einer Gruppenteilnehmerin.
Diese Aussage ist der Kernsatz der Selbsthilfegruppe in Dahn.
Jedes Jahr erarbeitet Andrea Gnirß ein abwechslungsreiches Programm. 2020 war ein kleiner Trommelworkshop, eine Impulswanderung zum Entschleunigen und Auftanken mit Übernachtung/Frühstück im ehemaligen Kloster Liebfrauenberg im Elsass geplant sowie eine Tagesfahrt ins romantische und historische Weinstädtchen Saarburg. Leider konnten diese Unternehmungen coronabedingt nicht stattfinden.
Für die Frauen der FSH Gruppe Dahn war die Zeit der Isolation und des Stillstandes während des Lockdowns schwer, denn die so hilfreichen Treffen fanden nicht statt.
Die Kunstvereinigung Dahn hatte während dieser Zeit ihre Mitglieder zu einem Kreativprojekt „Visionen in Zeiten der Krise“ aufgerufen. Ingrid Wolff – eine Dahner Künstlerin und seit Jahren als selbst Betroffene in der Gruppe, war auf Andrea Gnirß zugekommen und fragte sie, ob Interesse bestünde, ein eigenes FSH-Projekt beizutragen. So entstand die Idee zum Kunstprojekt „trotzalledem“.
Jede der Frauen bekam eine einfache Holzunterlage, 30 mal 30 Zentimeter, und eine Anleitung, in der beschrieben wurde, wie das Ganze umgesetzt werden sollte.
Jedem Holzbrett wurde außerdem ein grüner Faden beigelegt. Dazu wurde ein grüner Seidenschal – das Erkennungszeichen der FSH Frauen auf ihren Tagungen und Kongressen - aufgedröselt. So sollte es in jedem Bild einen „grünen Faden“ geben, sozusagen als Verbindung untereinander.
Als Materialien wurden Naturmaterialien, ganz persönliche Gegenstände, selbstgemalte Bilder, kleine Handarbeiten, selbstverfasste handgeschriebene Gedichte oder Geschichten vorgeschlagen.
Die Resonanz war sehr gut. Nach und nach gestalteten die Frauen ihre Collagen und brachten ihre Gefühle damit zum Ausdruck. Im Juli traf man sich dann zum ersten Mal in einem kleinen Kreis, im Freien in einem Garten in Fischbach, wieder.
Dort wurden die Collagen zusammengetragen und einzeln fotografiert.
Die Kunstwerke warten nun auf ihren großen Auftritt: Mitte September wird die Kunstvereinigung in einer großen Ausstellung all diese sehr persönlichen und ganz unterschiedlichen Collagen zeigen.
Alle sind froh, dass die Treffen wieder erlaubt sind. Unter den bekannten Hygienemaßnahmen versteht sich. Vor allem zählen diese Damen allesamt zur Risikogruppe.
Derzeit plant Andrea Gnirß von Monat zu Monat. Am Donnerstag, 3. September, ist Eis essen auf der Terrasse am Haus des Gastes angesagt. Und die für diesen Tag geplante Besichtigung der neuen Praxis für Strahlentherapie in Pirmasens mit aktuellsten Informationen über neue Bestrahlungsmethoden von Dr. Adrian Staab, wurde auf Donnerstag, 8. Oktober, verschoben. Treffpunkt ist um 14.45 Uhr, Pettenkoferstraße, Pirmasens.
Jeden Montag, um 10 Uhr, und mittwochs um 9 Uhr findet am Haus des Gastes ein Outdoortraining statt.
Wer an einem dieser Treffen teilnehmen möchte, muss sich momentan telefonisch oder per Mail anmelden.
Andrea Gnirß hat es keine Sekunde bereut, dieses Ehrenamt übernommen zu haben. Gemeinsam mit Stellvertreterin Marianne Hauser und Kassiererin Renate Wucher, besteht ihrer Ansicht nach die Leitung als Dreier-Team.
„Das Leben ist ein Garten und wir sind die Gärtnerinnen, entscheidend ist, was wir draus machen“ - so das Motto der FSH-Gruppe aus Dahn.

Kontaktdaten und Infos:
Andrea Gnirß
06391 2661
fsh.andreagnirss@t-online.de
https://www.frauenselbsthilfe.de/gruppen/dahn.html
https://www.frauenselbsthilfe.de/kontakt/gruppen-vor-ort/alphabetisch.html

Autor:

Britta Bender aus Bad Bergzabern

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