Vergessen wird man nicht von allein
Otto Wallburg: Der Komiker, den das Kino vergaß
- Otto Wallburg
- Foto: Pressebild Filmmuseum Lausitz e.V.
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Während Josh Gad in einem Spielfilm Kurt Gerron verkörpert, erzählt das Film Lab Lausitz die Geschichte von Otto Wallburg. Am 28. Oktober 1944 saßen beide im selben Zug nach Auschwitz. Im Film spricht erstmals Wallburgs Enkel vor der Kamera.
Am 1. April 1933 muss der Regisseur Kurt Gerron ein Berliner Filmatelier verlassen, weil er Jude ist. Otto Wallburg, ebenfalls Jude, darf bleiben. Elf Jahre später sitzen beide im selben Zug nach Auschwitz. Mit dieser Szene beginnt der Dokumentarfilm „Vergessene Gesichter: Otto Wallburg“ des Film Lab Lausitz. Er hat am 4. November im Berliner Kino Babylon Premiere, zwei Wochen später wird er in Forst gezeigt.
Gerron ist derzeit wieder im Gespräch. Der britische Regisseur Simon Curtis verfilmt mit Josh Gad in der Hauptrolle das Leben des Schauspielers und Regisseurs, den die SS in Theresienstadt zwang, einen Propagandafilm zu drehen. Die Dreharbeiten zu „Gerron's Last Film“ waren für das dritte Quartal 2026 in Deutschland und Tschechien angekündigt. Wallburg, in der Weimarer Republik einer der beliebtesten Komiker, ist dagegen weitgehend vergessen.
Er wurde 1889 als Otto Maximilian Wasserzug in Berlin geboren. Im Ersten Weltkrieg wurde er verwundet und erhielt das Eiserne Kreuz erster Klasse. Danach machte er sich auf der Bühne einen Namen, 1926 debütierte er im Film „Die keusche Susanne“ an der Seite von Lilian Harvey. Seine überstürzte, verwaschene Sprechweise brachte ihm den Spitznamen „Blubberer“ ein. Nach Angaben des Filmmuseums Lausitz stand er in mehr als 80 Filmen vor der Kamera.
Eine Spur führt in die Lausitz. Im Sommer 1932 entstanden auf der Radrennbahn in Forst die Außenaufnahmen für die UFA-Sportkomödie „Strich durch die Rechnung“, in der Wallburg neben Heinz Rühmann spielte, nach „Bomben auf Monte Carlo“ (1931) ihre zweite und letzte gemeinsame Arbeit. Jahrzehntelang galt der Film als verschollen, bis eine Kopie in einem Archiv auftauchte. Im Oktober 2020 lief er in Forst erstmals wieder öffentlich. Für die Dokumentation wurde auf derselben Bahn gedreht, außerdem im Schloss Klein Loitz.
Nach 1933 verlor Wallburg Schritt für Schritt alles. Die UFA löste seinen Vertrag auf, seinen letzten deutschen Film drehte er Ende 1933. In „Konjunkturritter“ musste er einen Grundstücksspekulanten spielen, eine Negativfigur nach antisemitischen Vorgaben. Am 20. Dezember 1933 wurde seine gesamte Wohnungseinrichtung versteigert, wegen rückständiger Einkommensteuer. Das belegen Akten im Landesarchiv Berlin. 1934 ging er nach Wien, drei Jahre später entzog man ihm dort die Arbeitsbewilligung. Er zog in die Niederlande, 1938 wurde ihm die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt. Ab 1943 lebte er im Untergrund, im März 1944 wurde er denunziert. Über Westerbork und Theresienstadt kam er nach Auschwitz.
Warum er blieb, ist eine der Fragen des Films. Henry Koster, der 1936 mit ihm „Katharina die Letzte“ gedreht hatte, bot ihm an, nach Amerika nachzukommen. Wallburg blieb in Europa. Sein Sohn Reinhard schrieb Jahrzehnte später, der Vater sei überzeugt gewesen, das Eiserne Kreuz erster Klasse werde ihn schützen.
Der Film dauert 41 Minuten und gliedert sich in drei Teile: den Star der späten Weimarer Jahre, das Ende der künstlerischen Freiheit nach 1933, Untergrund und Tod. Das Drehbuch schrieb Ariane Rykov, Regie führte Uwe Marcus Rykov, Produzent ist Mert Demir (FM Studio), die Sprecherin ist Chanty Loch. Das Material stammt unter anderem aus dem Bundesarchiv, dem Landesarchiv Berlin, dem Jüdischen Museum Berlin, den Arolsen Archives, dem Niederländischen Staatsarchiv und der Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung sowie aus den Gedenkstätten Auschwitz und Theresienstadt.
Zu Wort kommt erstmals Wallburgs Enkel François Wasserzug. Er wurde 1943 in Frankreich geboren und hat seinen Großvater nie kennengelernt. Sein Vater Reinhard erfuhr erst um 1950 von dessen Tod und sprach lange nicht darüber. Wasserzug erinnert sich an ein gerahmtes Foto, das Wallburg mit Zigarre zeigt, und an eine 78er-Schallplatte, auf der dieser in schallendes Lachen ausbricht. Bisher unveröffentlichtes Material aus dem Familienarchiv fließt in den Film ein.
Wasserzug äußert sich im Film auch kritisch zu Kollegen seines Großvaters. Heinz Rühmann, der 1932 in Forst neben Wallburg spielte, habe bis 1933 öfter bei der Familie verkehrt. Als Wasserzugs Vater und dessen Bruder ihn nach dem Krieg um eine Aussage für die Wiedergutmachung baten, habe Rühmann geantwortet, er erinnere sich an nichts.
Das Film Lab Lausitz ist am Filmmuseum im Schloss Klein Loitz angesiedelt und versteht sich als Labor, in dem historisches Erbe mit zeitgemäßen Medienformaten verbunden wird. An Wallburgs Beispiel will es zeigen, wie die NS-Diktatur funktionierte. Gefördert wird das Projekt durch das Ministerium für Wissenschaft Forschung und Kultur, der Brandenburgischen Gesellschaft für Kultur und Geschichte Plattform kulturelle Bildung.
Jugendliche aus der Region Brandenburg waren an der Recherche und Produktionsbegleitung beteiligt.
Zwei Lebenswege
Kurt Gerron (geb. 11. Mai 1897 in Berlin) sang 1928 in der Uraufführung der „Dreigroschenoper“ den Mackie-Messer-Song, spielte in „Der blaue Engel“ und führte Regie. 1944 musste er in Theresienstadt einen Propagandafilm drehen. Er starb am 30. Oktober 1944 in Auschwitz.
Otto Wallburg (geb. 21. Februar 1889 in Berlin) war Bühnen- und Filmkomiker. Ab 1933 verfolgt, lebte er zuletzt im Versteck in Amsterdam. Er wurde am 28. Oktober 1944 von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und starb am 30. Oktober 1944.
Die Premieren im Überblick
Berlin: Mittwoch, 4. November, 19 Uhr, Kino Babylon, Rosa-Luxemburg-Straße 30, 10178 Berlin. Eintritt 9 Euro, Karten an der Kinokasse und unter babylonberlin.eu. Im Anschluss läuft „Strich durch die Rechnung“ (1932).
Forst: Donnerstag, 19. November, Einlass 17.30 Uhr, Beginn 18 Uhr, Forster Museum für Textil- und Industriegeschichte Lausitz. Der Eintritt ist frei, um eine Spende für den Forster Museumsverein wird gebeten. Danach Gespräch mit dem Filmteam.
Autor:Franz Eichinger aus Wochenblatt Rhein-Neckar |
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