Französischer „Erzfeind“ machte rammdösig und käfferich
Im Hof des „Schwanen“ gibt es noch die einst wegen „nichtarischen Ursprungs“ verbotenen „kleinen Blauen“

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Waghäusel-Wiesental (ber). Wiesental als Weinanbaugebiet? In den 20er Jahren gab es in den „Weinbergen“ entlang des Rosenhags und in den Höfen und Gärten - vor allem an den Häuserfronten - fast ausschließlich den „Franzosenwein“, dessen Anbau dann im Dritten Reich untersagt wurde. Was letztendlich zu diesem Verbot geführt hat, ist heute noch ungeklärt und umstritten: eine aufkommende nicht bekämpfbare Pilzkrankheit, die Wirkung dieses speziellen Weins auf die Gemüter der Genießer oder die nichtarische Herkunft aus dem Land des erklärten Erzfeindes?
Im knapp 50 Quadratmeter kleinen Hof des Gasthauses „Schwanen“, immerhin 1627 erstmals erwähnt, kommt – nach über 80 Jahren - derzeit ein wahrer Traubenschatz zum Vorschein. Dort wächst und wächst ein einziger Rebstock mit den „kleinen Blauen“, der inzwischen den ganzen Innenhof mitsamt den Außenwänden erobert und zugewuchert hat - und so 30 Liter Traubensaft oder – je nach Bedarf - Wein liefert.
Von Bäckermeister Fritz Gund stammt das „Wiesentaler Lied“, 1928 verfasst. Dort heißt es: „Dä Scharf, dä hott ä Schdraußwätschaft mit Wissädaler Woi, unn die Wissädaler Sunn mecht wäzich unn mecht frei.“ Weiterhin ist aus dem Liedtext zu erfahren: „Äm Wissädaler Rewästock wechst ä großi Traub, innädrin än großä Känn, drumrum ä diggi Haut. Draus do kummt än Edelsaft, koner nah unn fän, un wonn dävo drei Väddel trinksch, wäsch käfferich äm Hänn.“ Die erwähnte Scharf-Straußenwirtschaft lag an der Mannheimer Straße 49.
Angeblich stammen die umstrittenen Weinstöcke direkt aus Frankreich. Soldaten hätten die „Franzosentrauben“ aus dem Ersten Weltkrieg mitgebracht, weiß Ekkehard Zimmermann, Heimathistoriker in Philippsburg, über den Beginn. Wiesentals Heimatvereinsvorsitzender Hans-Peter Hiltwein kennt das schnelle Ende: „In unserem Ort und in der Umgebung wird von älteren Mitbürgern berichtet, dass um 1935 die Nazis veranlassten, die spezielle Weinrebe, die „Franzosen“ mit den kleinen roten Beeren, zu entfernen.“
Behauptet wird, die Reben seien aufgrund ihres „nichtarischen Ursprungs“ verboten worden. Zur Nazi-Propaganda gehörte auch die Aussage, der Verzehr schade der Gesundheit, mache krank. Die stark verbreitete Rebsorte galt als äußerst robust und pflegeleicht. Mitunter tauchte auch die weiße Weintraube auf, die analog zur „Franzosentraube“ kurzerhand „Amerikanertraube“ hieß.
Da die verordnete Vernichtung der feindlichen „Franzosen“ überprüft wurde und bei Nichteinhaltung auch Denunziationen zu befürchtet waren, mussten sich die vielen Hobbywinzer etwas einfallen lassen. So schnitten einige Schlauberger nur den Stock ab. Weil die Wurzeln erhalten blieben, wuchsen die Reben wieder nach und standen nach Kriegsende wieder zur Verfügung. So berichtet Schwanenwirtin Margit Kattner: „Opa Albin hat die Rebstöcke nur abgeschnitten, nicht, wie gefordert, ausgegraben und den in der Erde verbliebenen Rest abgedeckt.“
Zimmermann kennt noch den Philippsburger Weinanbau auf dem sogenannten Hochgestade. Wie in den Nachbargemeinden, so machten sich auch dort die „Franzosen“ in den Innenhöfen breit. Nach seiner Ansicht spielten weniger die „Rassenlehre“ und der „Erzfeind“ eine Rolle, vielmehr sollten damals die aufkommenden Pilzkrankheiten verhindert werden. Der 82jährige Hugo Mahl weiß aus Erzählungen, dass der Franzosenwein - in zu großer Menge vertilgt - aggressiv machte, laut allgemeiner Erkenntnislage schnell „rammdösig“ und „kefferich“ machte. Oft brachen nach reichlichem Weingenuss heftigste handgreifliche Nachbarstreitigkeiten aus, was nicht im Sinne der Ordnungshüter im Dritten Reich war. Laut Recherchen von Bernd Machauer führte der zu intensive Weingenuss auch zu einer pelzigen Zunge und zu Sprachbehinderungen.

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