Mehr als eine Visitation:
Warum besuchte der Kölner Weihbischof vor 150 Jahren Dudenhofen?
- Bildcollage: Bericht Pfälzer Zeitung vom 18.09.1876 - Briefkuvert Dr. Baudri an Pfarrer Becker in Dudenhofen nebst bestätigter Ankunft am 02.04.1879 - Portrait Weihbischof Dr. Baudri
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Als der Kölner Weihbischof Johann Anton Friedrich Baudri am Sonntag, dem 17. September 1876 Dudenhofen besuchte, dürfte dies weit mehr gewesen sein als ein gewöhnlicher Höflichkeitsbesuch. Zwar lassen sich die genauen Hintergründe bislang (noch) nicht eindeutig rekonstruieren, doch zahlreiche Indizien sprechen dafür, dass der Aufenthalt mitunter auch Ausdruck eines überregionalen katholischen Netzwerkes war, das sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für die Erneuerung von Kirche und insbesondere der Kirchenmusik einsetzte.
Dass ein hoher Würdenträger aus Köln den Weg in eine pfälzische Landgemeinde fand, war jedenfalls alles andere als selbstverständlich. Umso bemerkenswerter erscheint, was ihm dort präsentiert wurde: eine feierliche Messe von Eduard Rottmanner.
Die Botschaft hinter der Musik
Die Aufführung der D-Dur-Messe des ehemaligen Speyerer Domkapellmeisters Eduard Rottmanner (1809-1843) war insoweit sicherlich kein Zufall. Mehr als drei Jahrzehnte nach dessen Tod galt Rottmanner - der u.a. neben seinen kirchlichen Verpflichtungen auch als Direktor des Cäcilienvereins am Musikleben in Speyer beteiligt war - noch immer als eine Schlüsselfigur jener kirchenmusikalischen Erneuerung, aus der später die Cäcilienbewegung hervorging.
Der Dudenhofener Gesangsvereins-/Chor präsentierte ihrem Gast damit nicht einfach ein festliches Musikstück, sondern ein Werk mit programmatischer Aussage. Die Wahl der Messe konnte zugleich als posthume Würdigung des Speyerer Kirchenmusikers und als sichtbarer Beleg dafür verstanden werden, dass die Ideen der kirchenmusikalischen Reformen auch in einer Pfarrgemeinde wie Dudenhofen angekommen waren. Im Beisein Baudris erhielt die Aufführung damit beinahe symbolischen Charakter: Sie verband kirchliche Reform, liturgische Erneuerung und praktisches Gemeindeleben zu einem eindrucksvollen Gesamtbild.
Dudenhofen als Teil einer großen Bewegung
Die Voraussetzungen dafür waren in Dudenhofen bereits seit Jahren gegeben. Schon 1853 war hier ein Cäcilienverein gegründet worden, der sich der Pflege und Förderung der Kirchenmusik widmete. Pfarrer Joseph Becker, der seit 1869 in Dudenhofen wirkte, dürfte damit zu jener Generation von Seelsorgern gehört haben, die die Ziele der cäcilianischen Erneuerung nicht nur unterstützten, sondern dauerhaft im kirchlichen Alltag verankerten.
Vor diesem Hintergrund erscheint Dudenhofen rückblickend keineswegs als bloßer Randort dieser Entwicklungen. Vielmehr wird deutlich, dass die großen kirchlichen und kirchenmusikalischen Reformideen des 19. Jahrhunderts längst auch in den Pfarrgemeinden angekommen waren und dort aktiv gelebt wurden.
Ein letzter Höhepunkt in der alten Kirche
Besonders bemerkenswert ist der Ort des Geschehens. Die Rottmanner-Messe erklang in der alten Dudenhofener Pfarrkirche, die der Gemeinde bereits zu klein geworden war. Nur wenige Monate später wurde das Gebäude - bis auf den Turm und Teile der Westmauer - abgebrochen.
Das zelebrierte Hochamt vom 17. September 1876 gehörte damit zweifelsohne zu den letzten großen Höhepunkten in einem Kirchenbau, dessen Weihe exakt 106 Jahre zuvor am 16. September 1770 erfolgt war. Der Besuch des Kölner Weihbischofs wurde damit zugleich zu einem der letzten bedeutenden Ereignisse in der Geschichte dieser alten Kirche.
Warum aber interessierte sich Baudri überhaupt für Dudenhofen?
Eine mögliche Erklärung führt über den früheren Speyerer Bischof und späteren Kölner Erzbischof Johannes von Geissel. Baudri gehörte zu dessen engsten Vertrauten und begleitete ihn bereits 1844 auf einer Reise durch dessen pfälzische Heimat. Jahrzehnte später schilderte er in seiner 1881 verfassten Geissel-Biographie äußerst emphatisch, wie sehr dessen (Geissels) Herz an der Rheinpfalz hing.
Als Generalvikar und späterer Weihbischof von Köln pflegte Baudri enge Beziehungen zu Geissels früheren Weggefährten. Zu diesem Kreis gehörte unter anderem auch Nikolaus von Weiss, der einst als Pfarrer in Dudenhofen gewirkt hatte und später Geissels Nachfolger als Bischof von Speyer wurde.
Geissel und Weiss – beide Jahrgang 1796 - zählten zu den prägenden Gestalten des erst 1817 neu errichteten Bistums Speyer. Beide wurden 1822 nahezu gleichzeitig Domkapitulare, arbeiteten eng zusammen und bestimmten über Jahrzehnte die Entwicklung der Diözese. Durch diese persönlichen Verbindungen bestand zwischen Köln, Speyer und wohl auch Dudenhofen ein Netzwerk, das weit über formale Amtsbeziehungen hinausging.
Vor diesem Hintergrund erscheint es durchaus plausibel, dass Baudris Besuch nicht allein der Pfarrgemeinde aus einer längeren, freundschaftlichen Verbundenheit zum Dudenhofener Pfarrer galt, sondern mitunter dem Gedenken an die beiden Bischöfe von Geissel (+ 1864) und von Weiss (+1869) gegolten haben, die das katholische Leben der Pfalz im 19. Jahrhundert so nachhaltig geprägt hatten.
Eine historische Momentaufnahme
Der konkrete Anlass für den Besuch Baudris in Dudenhofen ließ sich bislang noch nicht eindeutig rekonstruieren; Quellen aus den Archiven von Köln und Speyer sind hierzu noch nicht ausgewertet und Unterlagen des örtlichen Kirchenchores / (Cäcilien-) Gesangs-Vereins für die Jahre vor 1877 sind nicht mehr vorhanden.
Dennoch zeichnen die vorhandenen Hinweise ein bemerkenswertes Bild:
In der Hochphase des Kulturkampfes besucht ein Kölner Weihbischof, nur wenige Wochen nach der Schließung seines Generalvikariats durch die preußischen Behörden, das pfälzische Dudenhofen. Am Kirchweihsonntag erklingt dort noch in der alten Kirche eine Messe Eduard Rottmanners, wenige Monate bevor diese Kirche abgebrochen wird. Zugleich treten im Hintergrund die vielfältigen Verbindungen zu von Geissel, von Weiss, zum Dudenhofener Dorfpfarrer und zur Cäcilienbewegung, als Teil einer umfassenden kirchenmusikalische Erneuerungsbewegung hervor.
Große Geschichte im Kleinen
Gerade diese Zusammenhänge machen den Besuch Baudris in Dudenhofen heute so interessant. Für einen Tag rückte Dudenhofen durch eine kurze Meldung in der „Pfälzer Zeitung“ in das Blickfeld einer Bewegung, die den deutschen Katholizismus nachhaltig geprägt hat. Der Besuch des Weihbischofs und die Aufführung der Rottmanner-Messe zeigen, dass selbst ein kleines Dorf Teil eines weit verzweigten kirchlichen und kulturellen Netzwerks sein konnte. Die Verbindungen reichten von Dudenhofen über Speyer bis nach Köln. Was auf den ersten Blick wie eine gewöhnliche Visitation erscheint, erweist sich bei näherem Hinsehen womöglich als ein kleines aufschlussreiches Kapitel großer Kirchen-, Musik- und Kulturgeschichte.
Autor:Clemens Keller aus Römerberg-Dudenhofen |
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