Gebärdensprache verändert die visuelle Wahrnehmung radikal
Bewegender Kurs an der vhs

Gebärdensprache ist „cool“, findet Klaus Scheu.
  • Gebärdensprache ist „cool“, findet Klaus Scheu.
  • Foto: B.Bender
  • hochgeladen von Britta Bender

Bad Bergzabern. Am Samstag, 28. September, startet der neue Kurs „Deutsche Gebärdensprache“ an der vhs Bad Bergzabern.
An diesem Kurs teilzunehmen bietet sich an für Menschen, die zukünftig gehörlosen Angehörigen, Freunden oder Bekannten sprachlich näher kommen möchten. Auch wer beruflich mit Schwerhörigkeit in Kontakt kommt, zum Beispiel als Hörakustiker oder in pflegenden Berufen, bekommt durch die Teilnahme am Kurs die Möglichkeit, sich besser verständigen zu können.
Klaus Scheu ist zertifizierter Gebärdensprachlehrer und hatte eigentlich keinen Grund, diese Sprache zu lernen. Er wusste lediglich intuitiv, dass er irgendetwas Neues lernen und erleben wollte, ohne zu wissen, was.
Ein Termin in einer Massagepraxis öffnete ihm die Tür für seine neue bisher unbekannte Herausforderung; eine der Mitarbeiterinnen ist gehörlos.
In diesem Moment war er sich sicher, genau das gefunden zu haben, was ihn ein Stück über seine eigenen Grenzen bringen könnte. Was ja sein eigentlicher Impuls war.
Scheu meldete sich an der Gebärdensprachschule in Heidelberg an und absolvierte eine dreijährige, berufsbegleitende Ausbildung.
„Die visuelle Wahrnehmung verändert sich durch das erlernen von Gebärdensprache radikal“, betont Scheu. Es handle sich hierbei nicht „nur“ um das erlernen einer bisher unbekannten Sprache. „Es macht was mit einem, man erspürt seine Umwelt und Mitmenschen mehr als bisher, lernt ’besser’ zu sehen“, erklärt er.
Beruflich ist er als freischaffender Künstler tätig, ist Maler, Musiker und gibt Gitarrenunterricht. Er hat seine Leidenschaften zum Beruf gemacht.
Gerne gibt er seine Erfahrungen als Lehrer, seine Begeisterung an der Gebärdensprache und sein erlerntes Wissen weiter. Seit 2018 unterrichtet er an der vhs in Neustadt und ab 28. September nun auch in Bad Bergzabern. Der Kurs findet an drei Samstagen statt, von 9 bis 16 Uhr, inklusive einer Stunde Mittagspause. Die weiteren Termine sind der 26. Oktober und der 30. November.
Nach der Begrüßung und Vorstellungsrunde wird es eine lautsprachliche Einführung geben. Alphabet und Zahlen sind die ersten Grundlagen, die vermittelt werden.
Ein Grundwortschatz, der eine einfache Kommunikation ermöglicht, wird anschließend erlernt.
Die Freude und der Spaß an dieser Verständigungsmöglichkeit sind quasi Begleiterscheinungen bei der Teilnahme am Kurs. Ein wesentlicher Aspekt ist, dass das Zuhören hochkonzentrierte Aufmerksamkeit erfordert. Diese Art der Kommunikation befördert einen automatisch ins Hier und Jetzt, denn man muss das ganzes Bild sehen, nicht nur die Hände.
Mimik und Körperhaltung machen die Bedeutung der Worte lebendig, helfen Dinge darzustellen, Gefühle auszudrücken, Geschichten zu erzählen und Stimmungen zu transportieren.
Rollen werden beim Erzählen übernommen, wenn „ich zum Beispiel von einem Treffen mit meinem freundlichen Nachbarn und seinem kläffenden Hund berichte.“
Gebärendesprache ist bewegend und identitätsstiftend.
Sie ist nicht international, wie man meinen könnte. Sie hat als Grundlage zwar eine einheitliche Grammatik, jedes Land hat jedoch seine eigene Gebärdensprache mit den jeweils regionalen Dialekten. Mundart live sozusagen.
Eine hochdeutsche beziehungsweise schriftdeutsche Gebärdensprache gibt es somit nicht. Ein wesentlicher Unterschied zur deutschen Sprache ist die Anordnung von Subjekt Verb Objekt, in der Gebärdensprache kommt das Verb nämlich am Ende eines Satzes.
Während des Unterrichts wird sich nur mit Gebärden verständigt, wie in jedem Fremdsprachkurs lediglich mit der zu erlernenden Sprache kommuniziert wird. Lautsprachlich werden Fragen nach dem Unterricht beantwortet.
Aber keine Sorge: „Jeder kann Gebärdensprache“, weiß Scheu. Denn auch in unserer „normalen“ Kommunikation verwenden und kennen wir Gebärden. Erstaunlich, wenn man sich dies vor Augen führt und aufmerksamer beobachtet.
Die Idee, den Kurs anzubieten, hatte vhs-Mitarbeiterin Angelika Burkhard im Frühjahr, als sie nach neuen Ideen für das Herbstprogramm gesucht hat.
Die Volkshochschule versucht stets, neue innovative Kurse oder Workshops anzubieten.
„Unsere Aufgabe ist die gesamtgesellschaftliche Weiterbildung und daher wollen wir auch immer mal wieder versuchen, nicht ganz so alltägliche Kursangebote - wie z.B. Englisch, Französisch, Yoga etc.- anzubieten, sondern den Bürgern die Möglichkeit zu geben, über den Tellerrand hinauszuschauen und den Horizont zu erweitern,“ informiert die Leiterin der vhs Nadine Burckgard-Bohrer.
Dieser Workshop wäre die Gelegenheit, um eine Sprache kennenzulernen, die in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern kaum wahrgenommen wird.
Circa 80.000 bis 90.000 Gehörlose gibt es in Deutschland, circa 20.000 bis 30.000 hörende Menschen beherrschen ebenfalls die Gebärdensprache.
Kinder lernen automatisch, daher sollten Eltern und Familien mit gehörlosem Kind ganz schnell und intensiv die Gebärdensprache erlernen. Ohne Sprache keine Identität. Es ist von elementarer Bedeutung, dass Eltern und Kind(er) eine gemeinsame Sprache haben.
Bei den Feierlichkeiten zu 100 Jahre vhs wird auch Klaus Scheu vor Ort sein, um einen kleinen Einblick in die Welt der Gebärdensprache zu gewähren und mit Interessenten ins Gespräch zu kommen.
„Seit dem Erlernen der Gebärdensprache und der damit verbundenen verschärften Aufmerksamkeit durfte ich schon viele intensive und beglückende Momente erleben“, freut sich Scheu. beb

Weitere Informationen
www.vhs-bergzabern.de
Telefon 06343 6194011

Autor:

Britta Bender aus Bad Bergzabern

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