Raiffeisen Alsenz schließt zum 30. November 2025
Landwirte sehr verärgert
- Im Hintergrund das Raiffeisen-Lagerhaus, vorne gelbes Gebäude das in die Jahre gekommene Verwaltungsgebäude
- Foto: Arno Mohr
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Alsenz. Die Gemeinde Alsenz und die Region freuen sich über das Kommen von Edeka und Rossmann sowie eine neue Volksbank, die auf einer Fläche oberhalb der Firma Gampper rechts der B 420 im kommenden Jahr errichtet werden sollen. Das Raiffeisen (RWZ)-Lagerhaus, das es seit rund 125 Jahren in Alsenz in der Industriestraße gibt, schließt dagegen völlig überraschend kurzfristig zum 30. November 2025. Ein herber Schlag für die Gemeinde und die Region und die aktiven Landwirte und Kunden.
Mit einem Schreiben vom 9. September der zuständigen Vertriebsstelle Raiffeisen Agrarhandel Rhein-Main-Mosel-Saar mit Sitz in Andernach wird die Kundschaft darüber informiert.
Landwirte sauer
Die örtlichen Landwirte sind richtig sauer über die Entscheidung, die sie vor enorme Probleme stellt. Man hat zum einen überhaupt kein Verständnis für die Aufgabe eines aus ihrer Sicht gut laufenden RWZ-Standortes in unmittelbarer Betriebsnähe und zum anderen vor allem auch wegen der Kurzfristigkeit der Ankündigung.
Begründung RWZ
In dem RWZ-Schreiben wird die Entscheidung mit einem rasanten Wandel in der Landwirtschaft, der gepaart mit einem anhaltend schwierigen Marktumfeld sei, begründet. Dies zwinge RWZ zu strukturellen Anpassungen, um durch eine schlankere Aufstellung die eigene Zukunftsfähigkeit abzusichern. Nur so könne RWZ ein starker und verlässlicher Partner bleiben. Bewusst sei auch, dass diese "Strukturmaßnahmen" den Landwirten zunächst einmal Unannehmlichkeiten beschere. Andererseits mache RWZ sich solche Entscheidungen nicht leicht. Wichtig sei aus RWZ-Sicht, dass sie in der Fläche präsent blieben. Es wird seitens RWZ bedauert, dass der Standort Alsenz nach reiflicher Überlegung zum 30. November 2025 geschlossen werden müsse. Notwendige Ersatzinvestitionen und die damit verbundenen Kosten seien in keiner ökonomischen tragfähigen Relation mehr zu den erzielten Erträgen wirtschaftlich zu rechtfertigen, zumal RWZ in Rockenhausen und Meisenheim/Glan ziemlich nahe weiter für die Landwirtschaft und die Kunden da seien. Der Bezug der Betriebsmittel wie Dünger, Saatgut und Pflanzenschutz könne künftig über diese Standorte erfolgen. Dort werde auch das gesamte Sortiment um das Thema Agrar weiterhin vorgehalten. Die persönlichen Fachberater blieben ansprechbar, um eventuelle logistische Probleme künftig gemeinsam zu lösen. Eine wachsende Kompetenz verfüge RWZ inzwischen auch in digitalen Angeboten, wie der Bestell-App, dem Agrarbüro oder der digitalen Bestellplattform, auf die die Landwirte ebenfalls zurückgreifen könnten. RWZ bittet abschließend um Verständnis, die bisherige Treue und hat großen Respekt vor der persönlichen unternehmerischen Leistung der Landwirte, die sich ebenfalls in schwerem Fahrwasser befänden, so das Ende des Informationsbriefes.
Landwirte nehmen Stellung - Kurzfristigkeit wird kritisiert - Gut laufendes RWZ wird ohne vorherige Gespräche einfach geschlossen
Unsiso loben die örtlichen Landwirte Sebastian und Walter Mündel sowie Bernd Spieß aus Niedermoschel das bisherige Alsenzer Lagerhaus, die gerade in der Erntezeit so richtig "gut auf Zack" seien. Schnelles Abladen des Getreides sei hier kein Fremdwort, sondern gelebte Praxis, das gerade in einer Druckzeit wie der Getreideernte enorm wichtig sei. Jede Minute weniger sei da von großer Bedeutung. Auch Bauernpräsident Eberhart Hartelt von der Füllenweide/Göllheim kennt dies aus seinen Gesprächen mit den Berufskollegen. Deshalb sei Alsenz auch von vielen Landwirten auch aus dem Bad Kreuznacher Raum, wie Hallgarten, Feilbingert, Hochstätten und weiteren Orten, so auch aus dem oberen Moscheltal angefahren worden. "Jede solcher Schließungen sind nicht im Interesse meiner Berufskollegen, sie bedeuten zunächst einmal wieder höhere Kosten für die Landwirte", so Hartelt.
Schließung bedeutet höhere Kosten für Landwirte Kurzfristigkeit nicht zu verstehen - keine Gespräche mit langjährigen Kunden und Vertragspartnern seitens RWZ
Bernd Spieß aus Niedermoschel, aktiver Landwirt mit eigenen und weiteren Pachtflächen in mehreren Gemeinden beklagt vor allem die Kurzfristigkeit, mit der RWZ das nun angekündigt hat. "Das ist einfach nicht zu verstehen, wir können doch so schnell gar nicht reagieren und werden voll vollendete Tatsachen gestellt", so Spieß. Beide genannten RWZ-Standorte Rockenhausen und Meisenheim bedeuten viel längere Fahrzeiten bei der Getreideernte. "Gerade in dieser Zeit bräuchte ich einen weiteren Fahrer", so die erste Einschätzung des Niedermoscheler Landwirts. Die größeren Fahrstrecken kosten mich Zeit und Geld, nennt er weitere Gründe. Wenn das von RWZ mit Alsenz vollzogen wird, muss er sich Gedanken um eine andere Getreidelagerung für seinen Betrieb vor Ort machen. Er geht davon aus, dass auch andere Landwirte nicht zu den genannten RWZ-Standorten in Meisenheim und Rockenhausen gerade für das Getreide fahren werden. Seiner Einschätzung nach verliert RZW circa 60 Prozent seiner Kunden. So gibt es in Fürfeld wie auch in Kriegsfeld mit den Unternehmen Stumpf und Lied private Landhändler, die wohl von der Alsenzer Schließung ebenfalls profitieren werden. Sebastian und Walter Mündel haben an RWZ geschrieben und noch keine Antwort erhalten. Beide Mündels beklagen, warum RWZ mit der oft langjährigen Kundschaft nicht vorher gemeinsam über die Schließung eines logistisch perfekt laufenden Standortes gesprochen habe. In Zeiten von Nachhaltigkeit, Regionalität und Klimaschutz sei es nicht zu verstehen, warum der Standort nicht erhalten werden könne. Kritisiert wird, dass die Kunden innerhalb von acht Wochen vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Die Landwirtschaft, die auf Verlässlichkeit und Langfristigkeit ausgelegt sei, könne nur noch mit dem Kopf schütteln. Die zusätzlichen entstehenden Kosten werden auf die Landwirte als Erzeuger wieder mal "abgedrückt" und jeder Betrieb sei jetzt kurzfristig vor Investitionen gestellt, die finanziell zu bewältigen seien.
Nicht nur Kritik, sondern auch Vorschläge für Zukunftsfähigkeit -RWZ soll vor Ort mit Landwirten sprechen
Mündels kritisieren nicht nur, sondern machen auch Vorschläge, dass das RWZ-Lager in Alsenz wenigstens zwei Monate im Frühjahr für die Düngerbeschaffung und zwei Monate im Sommer für die Getreideernte geöffnet bleiben könnte. Auch konnte bislang RWZ auf Anfrage keine logistische Lösung für das kommende Jahr aufzeigen. Über eine Rückmeldung seitens RWZ und gemeinsam geführte Gespräche und erarbeitete Lösungsmöglichkeiten würden sich nicht nur die genannten Landwirte freuen. Die Pressestelle von RWZ gab auch auf Nachfrage an, dass in Alsenz vor allem Düngemittel, Getreide und Ölsaaten gehandelt wurden. Die Kundschaft bestehe überwiegend aus Landwirten und Winzern, in geringerem Umfang aus Haus- und Hobbygärtnern. Bei der angekündigten Schließung spiele die dort vorhandene teilweise Wohnbebauung keine Rolle, so RWZ.
Drei Mitarbeiter beschäftigt
Aktuell seien drei Mitarbeiter in Alsenz beschäftigt, die alle weiterhin bei RWZ bleiben könnten. Laut Angaben von RWZ kann in Rockenhausen und Meisenheim gerade in der Getreideernte die bislang in Alsenz gelagerten Mengen noch untergebracht werden, es würden keine Engpässe entstehen. Von RWZ wird auch bestätigt, dass der vorhandene Bahnanschluß an die Alsenzbahn bereits Ende der 1990er Jahre stillgelegt worden sei. Die Logistik laufe seitdem ausschließlich über LKW. Die Anschlußverwendung des Gebäudes befindet sich derzeit in Klärung. Nach Informationen soll es einen Verkauf an einen privaten Landhändler oder einen aktiven Landwirt seitens RWZ nicht geben. Es bleibt abzuwarten, ob RWZ zu dem gewünschten Gespräch mit der örtlichen Landwirtschaft bereit ist. Eigentlich müsste das eine Selbstverständlichkeit auf Grund der langjährigen gemeinsamen Verbundenheit sein. Während laut Angaben aus der Landwirtschaft noch im letzten Jahr in die Annahmetechnik von RWZ investiert worden sei, wurde das Büro im Gebäude nebenan schon Jahre bewußt oder unbewußt von RWZ vernachlässigt. Es versprüht den Charme der 1960er Jahre außen wie innen.
Historie:
1874 wurde laut den Angaben in der Ortschronik der Gemeinde der "Landwirtschaftliche Konsumverein" für die Alsenzgegend" mit dem Sitz in Schmalfelderhof gegründet. Das Alsenzer Raiffeisenlagerhaus wurde dann um die Jahrhundertwende (1900) gegründet. Beim Einmarsch der Amerikaner 1945 brannte das Lagerhaus bis auf die Grundmauern nieder. 1948 wurde es wieder aufgebaut. Eine Erweiterung gab es dann im Jahre 1960 mit 25 Silozellen. und modernen Annahme- und Verladeeinrichtungen für Getreide.1984 gab es einen größeren Schwelbrand im Düngemittellager von Raiffeisen Alsenz. Früher wurden vom Lagerhaus nur Genossenschaften und deren Mitglieder beliefert. Heute ist Raiffeisen jedermann zugänglich. Am Ortseingang gab es auch eine Raiffeisen-Werkstatt. Das Alsenzer Lagerhaus hatte zu "Hoch-Zeiten" sieben Nebenläger in Becherbach, Gerbach, Meisenheim, Odenbach, Odernheim, Roth und Schiersfeld (oft mit den damaligen Raiffeisenkassen oder -genossenschaften vor Ort verbunden) und betreute neun örtliche landwirtschaftliche Genossenschaften. Alsenz hatte früher auch einen eigenen Geschäftsführer vor Ort. Letzter war Rudolf Dautermann aus Medard. Die Gemeinde Alsenz besitzt eine große landwirtschaftliche Schultradition: Neben der Königlichen Landwirtschaftsschule (Winterschule), die 1908 errichtet wurde- heute VG-Verwaltung-, gab es auch eine Beratungsstelle für die Winzer wie auch in der Schulstraße lange die DEULA, die heute in Bad Kreuznach angesiedelt ist .
Autor:Arno Mohr aus Alsenz-Obermoschel |
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