Interessantes von und mit Volker Schläfer
Zwei Mutterstadter Athleten bei der 1. Arbeiter-Olympiade 1925 in Frankfurt dabei
- Foto: Gemeinde Mutterstadt
- hochgeladen von Michael Hemberger
Mutterstadt. An der ersten Arbeiterolympiade vor 100 Jahren, die im Juli 1925 in Frankfurt am Main stattfand, nahmen auch zwei Schwerathleten aus Mutterstadt teil, nämlich der Gewichtheber Ludwig Reimer und der Ringer Fritz Klein. Beide gehörten seinerzeit dem 1892 gegründeten Athleten-Klub an, der wiederum Teil der Mutterstadter Arbeitersport- und Kulturvereine war, die 1933 verboten und aufgelöst wurden.
Dieses Ortskartell für Vereinssport, insbesondere für Turner, Schwerathleten und Radfahrer, aber auch für Kulturpflege wie Gesang, Bildung, Theater und Musik, stand auf dem Boden der sozialistischen Arbeiterbewegung. In Mutterstadt bestand diese stark ausgeprägte Arbeitervereinskultur seit Ende des 19. Jahrhunderts. Im Sport waren das der 1892 gegründete Athleten-Klub, später Vereinigter Freier Athleten-Klub. In der Satzung war der Zweck des Vereins wie folgt festgelegt: “Durch geregelter und naturgemäßer Übungen den Körper zu kräftigen und ausdauernd zu machen“. Der Athletenklub, dem auch ein Spielmannszug angegliedert war, hatte damals fast 300 Mitglieder. Auf dem heutigen Messplatz stand eine Vereinshalle mit Saal, Bühne, Schankraum und Wohnung. In und vor der Halle fanden die Veranstaltungen der Arbeitervereine statt: Konzerte des Gesangvereins, Sportveranstaltungen mit Gewichtheben, Ringen, Radball, Kunstradfahren, Turnen, Theateraufführungen, Konzerte, Tanzveranstaltungen, Ehrungsabende, Mitgliederversammlungen und politische Veranstaltungen.
Die Gründe für das Entstehen und diese Vielfältigkeit der damaligen Arbeitervereine lagen einmal in der Ende des 19. Jahrhunderts vorhandenen Ausgrenzung der Arbeiter durch die bürgerliche Gesellschaft und zum anderen boten insbesondere die Arbeiterkulturvereine, neben der Geselligkeit auch die Möglichkeit der politischen Information und der Weiterbildung für diese damals noch weitestgehend „bildungsfernen“ Bevölkerungsschichten.
3.000 Sportler:innen aus zwölf europäischen Ländern nahmen damals im neuerbauten Frankfurter Waldstation an dieser ersten Arbeiterolympiade teil. Organisiert wurde diese Veranstaltung von der „Sozialistische Arbeiter-Sport-Internationale (SASI), vor Ort unterstützt vom Arbeiter-Rad-Fahrer-Bund „Solidarität“, der auch als politische Gruppierung, die sogenannte „rote Kavallerie“, für die Verteilung von Flugblättern in Wahlkämpfen eingesetzt wurde.
Grund für die Ausrufung dieser Arbeiterolympiade war insbesondere der Ausschluss Deutschlands von den Olympischen Sommerspielen 1924 in Paris; die Arbeiterolympiade sollte nicht nur sportlichen Interessen gelten, sondern auch als Zeichen der Protesthaltung gegenüber diesem Ausschluss und darüber hinaus die geistig-körperliche Erneuerung der Arbeiterschaft demonstrieren. Neben dem Wettkampfsport standen deshalb auch Solidarität, Teilhabe und ein alternatives Verhältnis zu Körper, Gesundheit und Bewegung im Mittelpunkt und es gab ein umfangreiches Kulturprogramm und Massenfreiübungen, an denen sich insgesamt 100.000 Teilnehmer:innen beteiligten.
Ludwig Reimer (*1893 +1974) war in den 1920er Jahren ein erfolgreicher Gewichtheber mit vielen Siegen. Am 28. Juli 1925 belegte der Mittelgewichtler in seinem Olympia-Wettkampf einen 4. Platz im Dreikampf (Reißen, Drücken, Stoßen). Der gelernte Maurer
war, neben seinem Sport, für die SPD Mutterstadt auch politisch aktiv und wurde 1933 nach dem Parteiverbot, aktives Mitglied einer Widerstandsgruppe namens „Sozialistische Aktion“, die u.a. illegale Schriften und Flugblätter verteilten. 1934 deswegen verhaftet, kam er nach fünf Monaten Gefängnis wieder frei. 2024 wurde im Gedenken für Ludwig Reimer, als vom NS-Regime politisch Verfolgtem, , in der Karl-Marx-Straße ein Stolperstein verlegt.
Der Sportler Reimer lebte Zeit seines Lebens für die Schwerathletik, unterstützte nach dem Krieg die Gewichtheber in der Turn- und Sportgemeinde Mutterstadt und dann den wiedergegründeten Athleten-Club Mutterstadt. Zu Norbert Fehr, mehrmaliger Deutscher Meister und Olympia-Teilnehmer sowie zu dem Gewichtheber-Talent Rainer Dörrzapf, später Deutscher Meister, Junioren-Weltmeister und Olympia-Teilnehmer, hatte er bis zu seinem Tod engen persönlichen Kontakt.
Der zweite Mutterstadter Teilnehmer 1925 war der Ringer Fritz Klein (*1903 +1991), der einen hervorragenden 3. Platz in seiner Gewichtsklasse belegte. Der Schwerathletik verbunden waren auch sein Sohn Edgar und sein Enkelsohn Michael, aber nicht als Ringer, sondern als Gewichtheber und Mitglieder der Meistermannschaften des TSG Mutterstadt bez. des AC Mutterstadt.
Text: Volker Schläfer
Autor:Michael Hemberger aus Mutterstadt |
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