Interessantes von und mit Volker Schläfer
1951 im Mutterstadter Gemeinderat: Wichtiges, Interessantes, Kurioses

Foto: Gemeinde Mutterstadt

1951, sechs Jahre nach Kriegsende, befasste sich der Mutterstadter Gemeinderat mit Angelegenheiten, die heute 75 Jahre später ganz interessant sind und über den seinerzeitigen Zeitgeist Aufschluss geben. Ortschronist Volker Schläfer hat sich dafür im Gemeindearchiv in die Akten eingelesen. Die wichtigste Entscheidung des Jahres war unzweifelhaft der Beschluss, dass Mutterstadt einen hauptamtlichen Bürgermeister erhält. Gewählt wurde im März 1951 unter 45 Bewerbern (nur Männer) der damals beim Landratsamt Ludwigshafen beschäftige 56-jährige Dipl. Landwirt Otto Reber. Gegen die Entscheidung, dass Mutterstadt von einem hauptamtlichen Bürgermeister geleitet werden sollte, gab es 235 Einsprüche /Beschwerden von Bürgern, insbesondere wegen der Personalkosten für eine solche Stelle. Die Einsprüche wurden von der CDU-Fraktion und der Wählergruppe wohl unterstützt, aber von SPD- und KPD-Fraktion zurückgewiesen, und so blieb es bei der Entscheidung für Otto Reber.

Am 4. Wochenende im August feiert Mutterstadt seine Kerwe. Das hätte sich ändern sollen, wenn es nach einem Antrag der Ortsgruppe Mutterstadt des Gaststätten- und Beherbergungsgewerbes vom März 1951 gegangen wäre. Die Interessenvertretung beantragte nämlich bei der Gemeinde, den Termin des alljährlich stattfindenden Spätjahresmarktes (Kerwe) auf den 1. Sonntag im September zu verlegen. Interessant für heutiger Verhältnisse die Begründung dafür: Der Termin der Kirchweihe liege sehr ungünstig, weil der größte Teil der Bevölkerung das Geld ausgangs des Monats verausgabt habe, da die meisten Lohnempfänger, Pensionisten und Rentner am 15. bzw. am 30. des Monats ihre Bezüge erhalten würden. Der Landesverband des ambulanten Gewerbes sprach sich gegen eine Verlegung aus, da an dem Termin 1. Sonntag im September ungefähr 30 Kirchweihen in der Pfalz stattfinden würden, u.a. in Oggersheim und Schifferstadt. Einstimmiger Beschluss des Gemeinderates: Es bleibt beim 4. Sonntag im August für die Kerwe in Mutterstadt.

Die Ratsmitglieder nehmen mit Bedauern zur Kenntnis, dass am Ostermarkt 1951 kein historischer Festzug stattfindet, so wie er vom Gewerbeverein ein Jahr vorher organisiert wurde.

Zur Behebung der Wohnungsnot kaufte die Gemeinde entlang der Johann-Sefrit-Straße zwanzig Bauplätze und im Bereich der Bohlig-/Heinrich-Lützel-Straße sechs Bauplätze und stellte sie der prot. und kath. Siedlungsgesellschaft zum Bau von Wohnungen kostenlos zur Verfügung.

Das Forstamt Eppstein hat mitgeteilt, dass der Gemeinde 350 Ster Brennholz zugewiesen wurden zum Preis von 23 DM pro Ster. Die Gemeinde gibt das Brennholz für 2,50 DM pro Zentner an die Bevölkerung ab. Die Verwaltung informiert, dass das Volksbad in er Pestalozzischule dann wieder eröffnet werden kann, wenn auch die Schule mit genügend Koks versorgt werden kann.

Mit dem Beschluss, auf der Nordseite an der Friedhofstraße eine Leichenhalle zu bauen, ergab sich ein ganz neues Problem, nämlich in der Friedhofsatzung auch einen Benutzungszwang für die Leichenhalle, spätestens 24 Std. nach dem Tod, einzuführen. Gegen diese Neuerung hatten 40 Bürger Einspruch eingelegt. Bisher war es in Mutterstadt ja üblich gewesen, dass die Beerdigungen vom Trauerhaus aus erfolgten (Leichenzug durch den Ort), was auf Grund der Verkehrslage oft auch eine polizeiliche Begleitung notwendig machte. In der Diskussion darüber gibt es unterschiedliche Meinungen wie, was ist pietätvoller, eine Aufbewahrung drei Tage in einer Wohnung, auf dem Gang oder im Schlafzimmer und hygienische Grundsätze, insbesondere im Sommer. Die Gegenseite plädiert dafür, jeweils die Angehörigen entscheiden zu lassen, die an der Tradition der Aufbahrung zu Hause und von dort zur Beerdigung auf den Friedhof, festhalten möchten. Ein Ratsmitglied dazu: „Den Leichenhauszwang einzuführen, grenzt schon sehr an Radikalismus“. Nach Abschluss der ausführlichen Debatte beschließt der Gemeinderat mit Mehrheit, der vom Landratsamt vorgeschlagenen Satzung über die Benutzung der Leichenhalle (mit Leichenhallenzwang) zuzustimmen.

Die Gemeinde fasst den Grundsatzbeschluss, dass der (offene) Dorfgraben vom Bürgerbräu (ehemalige Malzfabrik in der Ruchheimer Straße) bis zur Ludwigshafener Straße (durch Friedhof- und Friedrich-Ebert-Straße) kanalisiert wird. Planer ist das Ing. Büro Kittelberger (Ludwigshafen) und bauausführende Firma die ortsansässige Firma Adam Rief für 35.102,00 DM.

Im Vergleich zu heute war der Straßenverkehr auf den ehemaligen Durchgangsstraßen B 9 und B 38 sicherlich unbedeutend. Trotzdem beantragte der Gemeinderat schon 1951 beim Landratsamt, in der Oggersheimer, Ludwigshafener, Speyerer und Neustadter Straße eine Höchstgeschwindigkeit von 30 km/Stunde für Kraftfahrzeuge festzusetzen. Zustimmung gibt es für die Neuanlage und Bepflanzung entlang der Friedhofsmauer in der Ludwigshafener Straße mit dem Wunsch, dort auch einen Radweg anzulegen.

Der Antrag eines Interessenten, für den Neubau eines Kinos in Ortsmitte ein gemeindeeigenes Grundstück in der Oggersheimer Straße zu kaufen, wird vom Gemeinderat abgelehnt; auch im Hinblick auf die Entwicklung hinsichtlich der Lokalbahn. Der Schlossermeister Wilhelm Langenwalter erhält in Erbbaurecht ein Grundstück an der Ecke Oggersheimer/Ruchheimer Straße zur Errichtung einer Tankstelle. Auf Antrag des Betreibers einen Mietwagenverkehrs wird darüber diskutiert, ob Mutterstadt mit seinen 7.000 Einwohnern einen zweiten Mietwagen (Taxi) benötigt. Beschluss: ein weiterer Mietwagenbetrieb mit PKW wird befürwortet.

Im Mai 1951 wird der Aktiengesellschaft für Licht und Kraft in München der Auftrag erteilt, die Gasversorgung im Ort zu übernehmen. Die Gemeinde kann das selbst nicht übernehmen, da die hierfür notwendigen Investitionen von zirka 750.000 DM derzeit nicht zu finanzieren sind. Im August wird dafür ein Konzessionsvertrag abgeschlossen mit der Zusage, dass 1952 mit der Verlegung des Gasnetzes begonnen wird. Im November beschließt der Gemeinderat die Satzung über den Anschluss- und Benutzungszwang für die öffentliche Entwässerungsanlage (Kanalisation).

In einer Sitzung beraten die Ratsmitglieder die Situation des Mutterstadter Notariats, das aufgehoben wurde und derzeit nur mit Sprechstunden zweimal wöchentlich von Ludwigshafener Notaren besetzt ist. Der Gemeinderat bedauert die Schließung des Notariats, das seit 1806 in Mutterstadt bestand und früher zu den best Frequentiertesten der Pfalz gehörte.

Der Gemeinderat nimmt zur Kenntnis, dass das Gaststätten- und Beherbergungsgewerbe in Mutterstadt sich dafür ausspricht, dass künftig keine Neukonzessionen für Flaschenbier- und Weinhandlungen mehr ausgegeben werden sollten, da die Flaschenbierhandlungen den Wirten die Kundschaft wegnehme würde. Die Genehmigung für eine Flaschenbierhandlung in der Gutenbergstraße wird deshalb abgelehnt, u.a. weil sich in der Nähe zwei Schankwirtschaften befinden. Das Gesuch eines Metzgers aus Leistadt zur Führung der Schankwirtschaft „Zum Deutschen Reich“ in der Oggersheimer Straße 1 wird befürwortet. Dem Händler Georg Schulz wird die Erlaubnis erteilt, in den Sommermonaten in seinem Ladenraum in der Oggersheimer Straße 2 eine Eisdiele einzurichten, da in dieser Zeit kein Verkauf von Gemüse, Obst und Fisch erfolgt.

Kurt Rosche erhält für seinen Kiosk am Röntgenplatz die Genehmigung, künftig auch Flaschenbier zu verkaufen. Zustimmung gibt es für die Erweiterung der Wirtschaftskonzession für den Wirt August Salm in der Gaststätte der TSG Mutterstadt; im November geht diese Konzession auf den neuen Wirt Ludwig Ledig über. Irmgard Holzschuh erhält die Erlaubnis zum Betrieb der Gaststätte „Zum Ritter“ in der Speyerer Straße 56 und Adam Föhr die Konzession für die Schankwirtschaft „Zum Adler“ in der Neustadter Straße 1.
Auch damit befasste sich der Gemeinderat 1951: Die Gemeinde übernimmt die Kosten für eine neue Schreibmaschine für die Polizeidienststelle in der Jahnstraße, da die anfallenden schriftlichen Arbeiten mit der vorhandenen Kofferschreibmaschine nicht mehr bewältigt werden können.

Für die Benutzung ihrer eigenen Fahrräder im Dienst erhalten die Polizeibeamten und die Feldhüter ab 1951 eine jährliche Entschädigung von 30 DM und der Amtsbote erhält ein Dienstfahrrad.

Die Anschaffung einer öffentlichen Viehwaage für bis zu 1.200 kg; Standort in der Luitpoldstraße hinter dem Rathaus, wird befürwortet.

Um den Ankauf von Damenschlüpfern gab es eine Diskussion im Gemeinderat. Auf Anfrage erläuterte der geschäftsführende Bürgermeister, Richard Magin, dass er von den karitativen Ortsverbänden und den beiden Pfarrern gebeten worden sei, Unterwäsche für die ärmere Bevölkerung und Flüchtlinge zu kaufen. Daraufhin habe er von einem Händler 300 Damenschlüpfer zum Preis von je 3,50 DM, gekauft. Wörtlicher Auszug aus dem damaligen Gemeinderatsprotokoll: … „Pfarrer Bähr und Frau Jöhl von der Arbeiterwohlfahrt haben die Ware besichtigt, sich begeistert ausgesprochen und erklärt, dass sie billig sei. Die Gemeindevertreterin Anna Schalk hat wörtlich gesagt: „Richard, da hast Du Dich nicht verkauft“. Pfarrer Urschel hat sofort 100 Damenschlüpfer gekauft und wird weitere 50 Stück dazukaufen. Auch Pfarrer Bähr will Damenschlüpfer erwerben. Falls bei seinem (Magins) Abgang als stellvertr. Bürgermeister noch Damenschlüpfer vorhanden sind, wird er sie selbst aufkaufen“. Stellungnahme eines Ratsmitgliedes dazu: es sei unklug gewesen, Damenschlüpfer zu kaufen; in Zukunft sollten derartige Ankäufe den caritativen Verbänden überlassen werden.
Auch das Grasen (Futterbeschaffung) der Hasenzüchter nach Feierabend ist Thema im Gemeinderat. Der Kaninchenzuchtverein möchte die Erlaubnis erhalten, dass seine Mitglieder zum Grasen auch nach 17 Uhr ins Feld dürfen. Nach den Vorschriften ist das Grasen nur von 7 bis 11 und von 13 bis 17 Uhr erlaubt. Wegen der Folgen für die Feldhut-Aufsicht wird der Antrag abgelehnt, aber das Grasen bis 18 Uhr stillschweigend geduldet werden.

Die Ratsmitglieder werden aufgefordert, dass die Verordnung zur Feststellung/Beseitigung von verunstaltenden Plakaten/Reklame im Ort eingehalten wird.

Text: Volker Schläfer

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Autor:

Michael Hemberger aus Mutterstadt

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