Sag Ja zum Leben!
"Wir dachten, das seien Launen"

Theresa (links) und Yvonne Schmitt aus Karlsdorf gründen gerade eine neue Selbsthilfegruppe.
  • Theresa (links) und Yvonne Schmitt aus Karlsdorf gründen gerade eine neue Selbsthilfegruppe.
  • Foto: privat
  • hochgeladen von Cornelia Bauer

Karlsdorf / Eggenstein. Heute Abend trifft sich um 19 Uhr eine neue Selbsthilfegruppe in der Eggensteiner Synapsenschmiede. Die Gruppe richtet sich an Menschen, die trotz Depression, Essstörung, Angstzuständen, Zwängen, Burnout oder Lebenskrise weiterkämpfen wollen und ist mit "Sag Ja zum Leben!" überschrieben.

Initiatorinnen sind Yvonne und Theresa Schmitt aus Karlsdorf. Tochter Theresa kämpft mit der Depression seit sie 14 ist. 2016 gibt sie der Depression mit einer radikalen Abmagerung von 100 auf 35 Kilo eine Stimme. Für die Familie beginnt mit der Suche nach dem richtigen Behandlungskonzept, der richtigen Klinik und geeigneter Therapie eine wahre Odyssee. Dass man auf einen Termin beim Therapeuten monatelang warten muss und spezialisierte Kliniken Wartelisten führen, war wenig hilfreich. "Wir wollen andere Betroffene mit unseren Erfahrungen unterstützen", erklären Mutter und Tochter einmütig.

Theresa Schmitt ist 20, als ihre Depression erkannt wird. "Wir haben das vorher nicht als Krankheit wahrgenommen, sondern dachten, das seien Launen", erinnert sich Mutter Yvonne. Doch erst als die Depression Theresa in eine schwere Essstörung treibt und sie nur noch Haut und Knochen ist, kommt auch bei ihr die Erkenntnis: "Ich muss irgendwohin, wo man mir hilft." Aber wohin? In Heidelberg wird sie weggeschickt, sie soll nach Wiesloch. Doch dort ist man nicht eingestellt auf Patienten, deren BMI so niedrig ist. Die psychosomatische Klinik in Bad Staffelstein führt eine Warteliste.  Theresa muss einen Lebenslauf einreichen und sich um einen Platz bewerben. Inzwischen verschlechtert sich ihr Gesundheitszustand und sie wird mit einem Lungenödem ins Bruchsaler Krankenhaus eingewiesen.

"Mir geht es gut", antwortet Theresa auch dann noch auf die Frage der Ärzte, als es ihr offensichtlich schon lange alles andere als gut geht. Mit jeder Zurückweisung durch die Kliniken sieht sie sich darin bestärkt: alles gar nicht so schlimm. "Ich wollte unauffällig sein und keine Last für die Familie", erinnert sich Theresa. Doch längst leidet die ganze Familie, hat Angst, dass Theresa stirbt, wenn sie nicht isst. Das geht so weit, dass Mutter Yvonne ihre Zweitälteste füttert.

Als Theresa zum ersten Mal in die Klinik nach Bad Staffelstein kommt, kann die Familie durchschnaufen. Vorerst. "Essen war für die ganze Familie zur Qual geworden", erinnert sich Yvonne Schmitt. Derweil wird Theresa - wie sie es empfindet - "gemästet". Heute weiß sie: "Das hat mir vermutlich das Leben gerettet." Das Ende der Essstörung ist das noch lange nicht: Sie kehrt nach Hause zurück und nimmt in vier Wochen das ab, was sie zuvor in Monaten in der Klinik zugelegt hatte. 

Therapeutische Arbeit ist zunächst gar nicht möglich: "Man braucht einen bestimmten BMI, um vom Kopf her aufmerksam mitarbeiten zu können", weiß Theresa inzwischen. Erst später findet sie einen Therapeuten in Heidelberg. Zwischendurch zweifelt sie am Bad Staffelsteiner Intervallkonzept, startet einen neuen Versuch in der Heidelberger Klinik, fühlt sich dort aber "aufs Medizinische reduziert". Kaum wird das Gewicht stabiler, ist die Depression wieder da.

Theresa äußert Suizidabsichten und kommt nach Wiesloch. Dort wird zwar auf ihre Depression eingegangen, doch die Begleitung beim Essen fehlt. Es folgt ein weiterer Aufenthalt in Bad Staffelstein. "Von diesem letzten Aufenthalt habe ich am meisten mitnehmen können", sagt Theresa Schmitt heute.

Inzwischen arbeitet sie in der Karlsdorfer Bibliothek und im Jugendzentrum, hat eine Aufgabe gefunden. "Im Moment habe ich das Gefühl, dass ich es ganz gut alleine schaffen kann", sagt sie. Von der Therapie macht sie gerade eine Pause, freut sich aber sehr auf die Arbeit in der Selbsthilfegruppe. Für Mutter und Tochter ist klar: Bei diesem Krankheitsbild leidet die Familie genauso wie die Betroffenen. Hilfe brauchen daher Angehörige und Betroffene.

Weitere Informationen

Die Selbsthilfegruppe "Sag Ja zum Leben!" trifft sich 14-tägig donnerstags (in den geraden Wochen) von 19 bis 20.30 Uhr in der Synapsenschmiede in der Industriestraße 16 in Eggenstein. Wer Fragen hat, kann sich gerne unter 0176 41938601 oder via E-Mail an sagjazumleben@gmx.de an Yvonne und Theresa Schmitt wenden.

Autor:

Cornelia Bauer aus Bruchsal

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