„Explosion unwahrscheinlich“: Setzte Flugzeug über Limburgerhof zur Notlandung an?
- Propeller mitsamt Motor und der meisten Flugzeugtechnik, das schwerste Teil des 10 Meter langen Flugzeugs mit insgesamt 12 Metern Flügelspannweite, grub sich in den Boden ein.
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Limburgerhof. Eine Explosion als Unglücksursache hält der Ingenieur und Hobby-Flugzeughistoriker Siegfried Glöckner für unwahrscheinlich. Übermittelte Daten aus dem Cockpit des abgestürzten Flugzeugs weisen auf starken Höhenverlust über Limburgerhof hin sowie einen plötzlichen Kurswechsel Richtung Segelflugplatz Dannstadt.
Von Julia Glöckner
Explosionen von Flugzeugen in der Luft sind absolute Ausnahmeereignisse. „Nur der Flugzeugtank kann explodieren. Dies wiederum nur, wenn der Flieger aus irgendeinem Grund Feuer fängt, etwa nach Beschuss“, erklärt der Flugzeughistoriker Siegfried Glöckner. „Der Tank liegt bei der T28 Trojan B unterm Flügel. Funken durch ein defekte Technik um den Motor, der bei diesem Flugzeugtyp direkt hinter dem Propeller liegt, können es also nicht gewesen sein.“ Nach einer Explosion des Tanks rieche es außerdem nach Sprit durch Benzinreste und verbrannt. „Die Polizei schloss eine Gefährdung der Bevölkerung durch weitere Explosionen allerdings aus“, stellt Glöckner fest.
Laut dem Expertenforum "Aviation" können sich Flugzeugteile nach Explosionen in der Luft extrem weit verteilen. Das Trümmerfeld erstreckt sich oft über einen Radius von mehreren Kilometern bis in den zweistelligen Bereich hinein. Wrackteile fand man am Samstag auf Grundstücken entlang der Max-Planck-Straße und auf einem Spielplatz, auf einem Areal von 300 mal 700 Metern. Gestern war die Albert-Einstein-Allee gesperrt, westlich der Bushaltestelle. Die Polizei suchte auf Grundstücken nach weiteren Trümmern.
Flieger könnte es in Luft zerrissen haben
Viele Details fallen dem Flugzeugkenner auf: Ein Foto zeigt längs über ein Dach verlaufende Kollisionsspuren. Laut einer Bildunterschrift der Bild soll die Maschine das Dach gestreift haben. „In der Regel erfolgt die erste Berührung mit einem Baum, Hausdach oder Strommast oder eben mit dem Boden. Dabei reist meist ein Flügel ab. Das führt dazu, dass das Flugzeug sich um die Achse dreht. Es kommt zur nächsten Berührung, bei der weitere Teile abreißen.“ Gleichzeitig wirken starke Kräfte in der Luft auf das Flugzeug: Schleuder- und Verzögerungskräfte sowie die Schwerkraft „Dadurch zerlegt sich das Flugzeug in der Luft komplett in Einzelteile. Den Flieger zerfetzte es, Trümmerteile flogen schleudernd durch die Luft und dann zu Boden. Piloten können sich unter solchen Bedingungen oft leider nicht mehr mit dem Schleudersitz befreien, um den Fallschirm zu öffnen“, erklärt Glöckner. Selbst bei Autokollisionen kommt es äußert selten zu Explosionen.
Daten aus Cockpit weisen auf Notlandungsversuch hin
Flightradar 24 weist für die T28 verfügbaren Daten aus dem Cockpit aus: Die T28 Trojan startete in Aachen. Sie flog mit relativ konstanter Geschwindigkeit um 190 Knoten schwankend, also 350 kmh, immer in südöstliche Richtung. Ziel war Oberpfaffenhofen. Über Mutterstadt wurde die Maschine langsamer und flog mit 330 kmh, also 180 Knoten, weiter. „Die Flughöhe von 9000 Fuß, also etwa 2,7 km bleibt auf der gesamten Strecke gleich. Der Pilot wollte offensichtlich über den Wolken fliegen. Erst über Limburgerhof beginnt das Flugzeug zu sinken, auf 6200 Fuß, was 1,69 km Flughöhe entspricht“, erklärt Glöckner. Dann, nach dem Sinkflug, bricht die Datenübermittelung ab. Oder Flightradar weist diese nicht mehr aus.
- Flightradar weist aus, dass die T28 Trojan mit relativ konstanter Geschwindigkeit bis Mutterstadt flog und sie dort um 20 kmh drosselte. Über Limburgerhof sank der Flieger fast um 1000 Meter, bevor die Datenübertragung abbricht.
- Foto: Julia Glöckner/Flightradar Screenshot
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Eine Zeugin berichtete über ein pfeifendes Geräusch: „Ein klarer Hinweis, dass das Flugzeug nach dem Sinkflug zuletzt mit hoher Geschwindigkeit runterkam“, stellt Glöckner fest. Er glaubt, dass der Pilot merkte, dass etwas nicht stimmte, der Motor möglicherweise nachließ. „Über Limburgerhof erfolgt ein plötzlicher Richtungswechsel, wie Flightradar 24 ausweist. Der Pilot änderte den Kurs um etwas mehr als 90 Grad, Richtung Segelflugplatz Dannstadt, wo er hätte landen dürfen. Er muss gemerkt haben, dass es ein Ernstfall ist und setzte zur Notlandung an“, sagt Glöckner.
Weitere Details fallen dem Flugzeugkenner auf: Eine aufgefaltete große Landkarte auf einem Hausdach. Pilot und Begleiter haben also navigiert, kurz bevor der Flieger abstürzte.
"Eine alte Fliegerweisheit besagt außerdem: „Vom Hoch ins Tief geht’s schief“. Will sagen: Viele Maschinen verunglückten, weil sie von einem Hochdruckgebiet in ein Tiefdruckgebiet flogen. Über Limburgerhof regnete es um 11.30 Uhr stark. Bei Starkregen haben Piloten sehr schlechte Sicht. Die Höhenmesser dieser alten Maschinen weisen dann zudem oft falsche Daten aus", erzählt er.
Oldtimer an Hobbypiloten veräußert
Es handelte sich um einen Privatflug, die ein 60-Jähriger aus dem Kreis Ebersberg und ein 66-Jähriger aus Starnberg am Morgen antraten „Viele dieser Oldtimer T28, die die Navy bis in die späten 50er produzierte und bis in die 80er nutzte, wurden inzwischen an Privatleute veräußert.“ Auf Flugshows, von denen der Flugzeugliebhaber viele besuchte, sah er öfter Zivilleute Kunstflug damit machen. Oldtimer werden regelmäßig gewartet, auch für sie gibt es so etwas wie einen TÜV. Dennoch sind Abstürze mit alten Maschinen statistisch gesehen häufiger als mit modernen Flugzeugen.
In Actionfilmen sieht man Autos explodieren und in Kriegsdramen. Vielen ruft ein Knallgeräusch daher eine Explosion vor das geistige Auge. Laut dem Flugzeughistoriker gibt es auch "einen riesigen Knall, wenn ein 3000 Kilo schweres Flugzeug Berührung mit dem Boden oder einem Hausdach hat". Auf der Straße war zu dieser Zeit niemand. Augenzeugenberichte für die Luft- Explosion gibt es demnach wahrscheinlich nicht. Ein solches Ereignis vollzieht sich in Sekunden. Bis man das Handy in der Hand hat, ist es zu spät.
Was sich wirklich am Samstagvormittag über Limburgerhof anspielte, wird sich der Rekonstruktion von Polizei und Sachverständigen zeigen. Den Ermittlern liegen viel mehr Anhaltspunkte vor als bislang den Medien.
Spuren erinnern an Sturzflug von Howard Hughes
„Die Kollisionsspuren sind vergleichbar mit denen, die der berühmte Flugzeugunternehmer Howard Hughes hinterließ, als er mit seinem Privatflugzeug auf einem Golfplatz notlanden wollte und vorher verunglückte. Alles weist auf eine misslungene Notlandung hin", sagt Glöckner. "Auch beim Unfall des berühmten Rennfahrers Bernd Rosemeyer fand man Teile der Karosserie weit verteilt. Das Auto war mit 429 kmh auf der Autobahn Frankfurt-Darmstadt unterwegs und bekam Auftrieb aufgrund der hohen Geschwindigkeit. Es wurde durch die Luft gewirbelt und zerfetzt. Die Trümmerverteile wurden weit durch das Areal um die Autobahn geschleudert."
Zur Person
Siegfried Glöckner ist Sohn eines Kfz-Mechanikers und studierte vier Semester Flug- und Raumfahrttechnik, bevor er zum Maschinenbau wechselte. Die Welt der Fliegerei blieb Hobby und Leben des Ingenieurs. Seit dem Alter von 19 Jahren konstruiert und baut er Modellflieger. Er gewann viele Jahre erste Preise beim europaweiten Euro-Star-Cup in Flemalle/Belgien. 5 Jahre lang vertrieb er selbstständig Baukästen für Modellflugzeuge, die er selbst anhand von Bauplänen historischer Flugzeuge rekonstruierte und fertigen ließ. Bei einer Zulieferfirma von Airbus optimierte er zuletzt einen Flügel aerodynamisch für die Jets. Seit 55 Jahren ist außerdem Flugzeuggeschichte seine Leidenschaft.
Autor:Julia Glöckner aus Ludwigshafen |
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