Flugzeugabsturz Limburgerhof: Flieger zerbrach wohl in geringer Flughöhe

Kollisionsspuren weisen darauf hin, dass die Trümmerteile nicht aus großer Höhe fielen, vor allem bei Bug und ganzem Flügelteil ist dies unwahrscheinlich. | Foto: Julia Glöckner
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Limburgerhof. Der Flugzeugexperte Siegfried Glöckner hält es für immer plausibler, dass die Zerstörung des Flugzeugs erst kurz über dem Boden stattfand.

Von Julia Glöckner

„Jedenfalls sprechen einige Fakten dafür: Weil alle Hauptkomponenten der N728NA auf kleiner Fläche eng beieinander liegen, hat die Zerstörung des Flugzeugs erst in Bodennähe stattgefunden oder geringer Flughöhe, je nachdem von welchem Szenario man ausgeht“, erklärt Flugzeughistoriker Glöckner. „Eine Landung war vorgesehen, das Fahrwerk war ausgefahren, die geeignete Landebahn noch nicht erreicht. Die T-28 kommt mit Start- und Landebahnen als Rasenfläche zurecht, das habe ich live im Kunstflug schon gesehen. Die Frage bleibt: Warum wurde der Flug nach Oberpfaffenhofen abgebrochen?“

Langgezogenes Trümmerfeld

Die Hauptkomponenten fanden sich in einem langgezogenen Trümmerfeld in einer Straße in Limburgerhof, der Max-Planck-Straße, auf 200 mal 400 Meter verteilt.

Die Polizei geht mittlerweile nicht mehr von einer Explosion, sondern von dem Zerbrechen des Flugzeugs in der Luft in viele Teile aus, einem sogenannten Inflight Breakup. Dabei bricht meist erst der Flügel oder Leitwerk ab, weil das Flugzeug starken aerodynmischen Kräften ausgesetzt ist, die in entgegengesetzte und widersprüchliche Richtungen wirken. In Millisekunden brechen dann immer weitere Teile ab, weil die Kräfte weiterwirken. Dies ist nicht zu verwechseln mit einer Explosion, bei der sich Benzin im Tank durch Entflammung stark ausdehnt und der Tank berstet, wodurch das Flugzeug in Einzelteile fliegt. 

Verteilung im  Trümmerfelds und Flughöhe

Bei einem Inflight Breakup liegen große Teile, Rumpf, Flügelteile und Bug in einem recht geordneten langgezogenen Trümmerfeld entlang der Flugbahn, das sich manchmal fächerförmig aufteilt. Die großen Teile fliegen zunächst entlang der Flugrichtung weiter, beeinflusst durch Kräfte des Zerbrechens, bevor sie runter fallen, allerdings oft kilometerweit zerstreut. Nur in Ausnahmefällen – bei kleineren Flugzeugen in geringer Flughöhe – kann es vorkommen, dass sich das langgezogene Trümmerfeld nur über mehrere hundert Meter erstreckt.

Die Maschine zerbrach demnach in geringer Höhe – oder es kam zu mehreren Kollisionen mit Dächern und Bäumen, wodurch sie in Hauptsegmente und kleinere Teile zerriss, bei der sich ein ähnliches langgezogenes Trümmerfeld gefunden hätte.

Das rechte Hauptfahrwerk wurde vom Flügel abgerissen. Das veranlasste Glöckner zur der These, dass es möglicherweise durch Kontakt mit den Dächern abriss und es den Flieger daraufhin zerriss.  | Foto: Julia Glöckner
  • Das rechte Hauptfahrwerk wurde vom Flügel abgerissen. Das veranlasste Glöckner zur der These, dass es möglicherweise durch Kontakt mit den Dächern abriss und es den Flieger daraufhin zerriss.
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Selbst Zerstörung in 500 Metern Flughöhe unplausibel

Die Kollisionsspuren weisen darauf hin, dass die Teile durch Kollisionen in Bodennähe gebremst wurden oder aus sehr geringer Höhe fielen. Denn außer dem Motor gruben sich die Haupttrümmerteile nicht in den Boden ein.

Der Flugtank der T28B umfasst 473 bis 632 Liter, je nach Zusatztanks. Wäre er noch halb voll gewesen und käme ein Gewicht der Blech-Flügels von 150 bis 200 Kilo hinzu, wären rund 500 Kilo nach einem Inflight Breakup im freien Fall gewesen.

Angenommen, der Flügel, der mit Tank gefunden wurde, wäre nur aus 500 Metern gefallen, hätte er eine enorme Aufprallkraft entwickelt: von 5 Millionen Newton auf Rasen und 50 Millionen Newton auf Beton. Geteilt durch 2, denn der Restsprit verteilt sich auf 2 Flügel, entspricht dies ungefähr der Bewegungsenergie eines Kleinwagens, der mit rund 180 km/h gegen ein Gebäude fährt. Der Einschlag könnte massive Betonstrukturen beschädigen, Dächer durchbrechen oder eine Wohnhausecke abreißen.

Die Kollisionsspuren weisen eher darauf hin, dass das Flugzeug in geringerer Höhe als 500 Meter Zerstörung erfuhr. Aus Medienberichten ging bislang hervor, dass nur ein Dach durchbrochen wurde. Die meisten Dächer hielten stand. Auch Rasen oder weiches Erdreich wäre beim Fall des Flügels im Untergrund deutlich eingedrückt worden. Das Flügelteil hätte sich wahrscheinlich mehrere Zentimeter bis teilweise über einen Meter tief in den Boden eingegraben – abhängig von Feuchtigkeit, Bodendichte und Aufschlagwinkel, wie der Motor, das schwerste Teil, es tat. Davon ist auch beim Rumpf auszugehen, der durch Äste gebremst wurde. 

Viele der gefundenen Flugzeugteile hätten bei einem Inflight Breakup in großer Höhe weitaus größere Zerstörungen hinterlassen.

Ob das Flugzeug tatsächlich durch Kollisionen mit Dächern oder Bäumen zerriss oder doch in geringer Höhe über der Siedlung aufgrund aerodynamischer Kräfte zerbarst, wird Gegenstand polizeilicher Ermittlungen sein. Eine Augenzeugin aus Ludwigshafen teilte gestern Abend auf Facebook ihre Erfahrung. Sie habe den Inflight Breakup beobachtet und es noch geschafft, die fallenden Flugteile zu fotografieren. Für die großen Teile hätte sie im Flug nach Berechnungen 5 bis 6 Sekunden Zeit gehabt, für kleinere 10 Sekunden und mehr, angenommen das Flugzeug wäre in 200 Meter Höhe zerbrochen.

Flugzeughistoriker Glöckner will die Ermittlungsergebnisse wahrscheinlich nun erst mal abwarten. jg

Foto: Siegfried Glöckner
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Zur Person

Siegfried Glöckner ist Sohn eines Kfz-Mechanikers und studierte vier Semester Flug- und Raumfahrttechnik, bevor er zum Maschinenbau wechselte. Die Welt der Fliegerei blieb Hobby und Leben des Ingenieurs. Seit dem Alter von 19 Jahren konstruiert und baut er Modellflieger. Er gewann viele Jahre erste Preise beim europaweiten Euro-Star-Cup in Flemalle/Belgien. 5 Jahre lang vertrieb er selbstständig Baukästen für Modellflugzeuge, die er selbst anhand von Bauplänen historischer Flugzeuge rekonstruierte und fertigen ließ. Bei einer Zulieferfirma von Airbus optimierte er zuletzt einen Flügel aerodynamisch für die Jets. Seit 55 Jahren ist außerdem Flugzeuggeschichte seine Leidenschaft.

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Foto: Siegfried Glöckner
Autor:

Julia Glöckner aus Ludwigshafen

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