Speyer war geistiges Zentrum der Juden
Wiege des Judentums

In der Reichsprogromnacht stand die Speyerer Synagoge in Flammen
  • In der Reichsprogromnacht stand die Speyerer Synagoge in Flammen
  • Foto: Athur Barth/Kulturelles Erbe-Stadtarchiv Speyer
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Speyer. Nach der Privilegierung der Juden 1084 kommen viele Juden nach Speyer und die Stadt wird geistiger Mittelpunkt des jüdischen Glaubens. Seit dem 14. Jahrhundert werden die Juden verfolgt und auch aus Speyer vertrieben.

Es war das Zentrum des europäischen Judentums. Das 12. Und 13. Jahrhundert war das goldene Zeitalter des Judentums in Speyer. Bereits im Jahr 1084 hatte Bischof Rüdiger Huzmanns die Juden in Speyer mit verschiedenen Privilegien ausgestattet, so kamen auch verfolgte Juden aus Mainz nach Speyer, so dass die jüdische Gemeinde in der goldenen Zeit rund 300 bis 400 Frauen und Männer jüdischen Glaubens in der Stadt lebten – immerhin zehn Prozent der damaligen Bevölkerung, so die Leiterin des Stadtarchivs Speyer Christiane Pfanz-Sponagel. 1104 errichteten sie ihre Synagoge. Der Baustil deutet darauf hin, dass sie durch die Handwerker errichtet wurde, die auch am Speyerer Dom arbeiteten.

"Weisen von Speyer"

Während die Speyerer Juden zunächst in der Vorstadt gesiedelt hatten, bildete sich nach dem Bau der Synagoge um sie herum ein jüdisches Viertel, so die Historikerin Pfanz-Sponagel. Der Judenhof ist ein Zeugnis dieser Zeit. Dort waren ein Versammlungs- und Tanzhaus, eine Herberge, ein Warmwasserbad, eine koschere Metzgerei und andere Einrichtungen. Am wichtigsten war wohl die jüdische Hochschule, die Speyer zu einem, wenn nicht dem Zentrum der jüdischen Gelehrsamkeit machte. Mit Worms und Mainz bildet Speyer in dieser Zeit den Verbund der SchUM-Städte: die SchUM-Städte prägen die Architektur, Kultur, Religion und Rechtsprechung der mittel- und osteuropäischen Juden teilweise bis heute. So stamme das orthodoxe jüdische Eherecht beispielsweise aus den Speyerer Lehrstuben, sagte Pfanz-Sponagel. Als die „Weisen von Speyer“ werden zehn berühmte Gelehrte der Talmudschule der Speyerer Gemeinde bezeichnet. Bis heute gilt SchUM als Wiege, Zentrum und Blütezeit des aschkenasischen Judentums.

Progrome und Vertreibung

Da Juden andere Tätigkeiten verboten waren, wurden sie zum Geldverleih gedrängt. Sie durften Zinsen für ihren Dienst verlangen, was Christen verwehrt war. Die Zinsen fielen dabei recht hoch aus. Der Grund dafür war jedoch ein hohes Ausfallrisiko. Besonders wenn sich Fürsten und adelige Geld bei Juden ausliehen, war das Risiko, dass diese ihre Schulden nicht zurückzahlten recht hoch. Das brachte ihnen den Ruf der Wucherer ein. Wenn der Fürst seine Schulden nicht zurückzahlen konnte oder wollte, wurden die Juden vertrieben. So ging es ab dem 14. Jahrhundert auch den Speyerer Juden. Im Jahr 1349 kam es in ganz Deutschland wegen der Pest zu Progromen an den Juden. So erlosch Anfang des 16. Jahrhunderts das jüdische leben in Speyer schließlich dauerhaft und der Judenhof fiel an die Stadt. Erhalten sind Reste der Männer- und Frauensynagoge und die Mikwe – das rituelle bad der Juden. Die Mikwe in Speyer ist das älteste erhaltene rituelle Bad nördlich der Alpen, so Pfanz-Sponagel. Erst im 17. Jahrhundert gibt es wieder zeitweise eine jüdische Gemeinde – wohl weil die Stadt Geld brauchte.
Mit Napoleon wurde die Pfalz und damit auch Speyer französisch. Seit der französischen Revolution genießen die Juden dort die vollen Menschen- und Bürgerrechte. So lassen sich wieder Juden in Speyer nieder, gründen eine Gemeinde, errichten 1837 eine Synagoge, betreiben eine Volksschule und eine Gemeindebibliothek. 1880 leben in der 15.000-Einwohner-Stadt Speyer 539 Juden – nie zuvor oder danach wohnten mehr Menschen jüdischen Glaubens in der Stadt. Die jüdischen Bürger waren akkulturiert bis assimiliert, die Gemeinde liberal – darauf deutet unter anderem die Orgel hin, die 1850 in die Synagoge eingebaut wurde, viele waren Kaufleute und Händler. Beispielsweise war der besitzer der Schuhfabrik Roos Jude.

Synagoge in Flammen

Seit 1933 wurde das Leben der damals 269 Speyerer Juden durch den Nationalsozialismus systematisch etwa durch den Boykott jüdischer Geschäfte bekämpft. Wer die Möglichkeit hatte, floh ins Ausland. In der Reichsprogromnacht ging die Synagoge in Flammen auf, Geschäfte wurden zerstört, der jüdische Friedhof geschändet und jüdische Männer ins Konzentrationslager (KZ) Dachau deportiert. Von den 60 Juden, die 1940 noch in Speyer lebten, wurden 51 nach Gurs, viele später ins KZ Ausschwitz deportiert. Die wenigsten überlebten. Trotzdem wurde bereits 1945 eine neue jüdische Gemeinde in der Rheinpfalz gegründet. In den 60er Jahren werden bei archäologischen Ausgrabungen die Reste des Judenhofs geborgen. Seit dem Stadtjubiläum 1990 betreut der Verkehrsverein der Stadt den Judenhof. Die jüdische Gemeinde errichtet 2011 eine neue Synagoge und ist Sitz der Rheinpfalz-Gemeinde. Über 130 Juden leben heute wieder in Speyer. rk

Autor:

Dehäm Magazin aus Ludwigshafen

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