Rauschendes Fest: Der 124. Herrenweinabend der Liedertafel Neustadt steht ganz im Zeichen der deutsch-französischen Freundschaft.
Lieder aus 1000 Kehlen – Riesling für die durst’gen Seelen

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Schnell die Leberwurst auf den Tisch. Baguette. Schwarzbrot. Schinken. Käsewürfel. Camembert. Trauben. Schneidbrett. Messer. Bereit! Das routinierte Ritual, das sich am frühen Abend nahezu synchron an Dutzenden Tischen im Saalbau vollzieht, ist essenzieller Bestandteil der Vorbereitung auf ein traditionsreiches gesellschaftliches Großereignis: Schon mehr als eine halbe Stunde vor dem Beginn des 124. Herrenweinabends der Liedertafel Neustadt strömen Herren in feinem Zwirn zielstrebig zu Ihren Plätzen, einen Stoffbeutel mit Proviant über der Schulter oder einen Korb mit allerhand Köstlichkeiten unter dem Arm. Wenige Minuten später sitzen mehr als 1000 Männer im Saal und erwarten sehnsüchtig wie durstig den offiziellen Auftakt des rauschenden Festes. Nach der obligatorischen Feier des ersten Schlucks erfüllt ein erleichtert-entspanntes „Aaah“ aus ebenso vielen Kehlen den Raum. Ohne Zweifel: Der diesjährige Herrenwein – ein 2018er Riesling trocken aus dem Diedesfelder Wein- und Sektgut Corbet – mundet.

Den „Friedenswein“ und die Geschichte der Familie Corbet greift auch der Ehrengast Dr. Volker Wissing in seiner Festrede zum 124. Herrenweinabend auf, der unter dem Motto „Mer zelebrier’n die Jumelage mit Riesling fer die ganz Bagage“ steht. Der rheinland-pfälzische Landesminister für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau sowie stellvertretender Ministerpräsident verweist auf die französischen Wurzeln der Familie, deren Vorfahren Ende des 17. Jahrhunderts aus Frankreich eingewandert waren. Die seit 1956 bestehende Städtepartnerschaft zwischen Neustadt und Mâcon, die erste Partnerschaft einer rheinland-pfälzischen Stadt mit einer französischen Gemeinde, sei „gelebte deutsch-französische Freundschaft“, betont Wissing, der die Herren im Saal – unter Ihnen auch Gäste aus Frankreich – in akzentfreiem Französisch begrüßt. So gut wie sich die Menschen in Burgund und in der Pfalz seit mehr als 50 Jahren verstünden, erschienen die von Vorurteilen und Feindseligkeiten zwischen Franzosen und Deutschen geprägten Jahrhunderte davor wie ein einziges großes Missverständnis, das mehr und mehr in Vergessenheit gerate. „Vive l’amitié franco-allemande!“, ruft Wissing der Festgemeinde zu. Der ganze Saal applaudiert.

Unter den Anwesenden ist auch Bernard André. Der Vizepräsident des Partnerschaftskomitees bedankt sich für die Einladung und zeigt sich überwältigt: „Es ist eine besondere Ehre, diesen Riesling der Familie Corbet mit mehr als 1000 Männern kosten zu dürfen“, sagt André auf Deutsch. „Dieses Erlebnis werde ich lange in Erinnerung behalten. Zum Wohl die Pfalz!“ In seiner kurzen Ansprache würdigt er zudem die Verdienste des im Juni 2018 verstorbenen Karlheinz Nestle um die Partnerschaft zwischen Mâcon und Neustadt. Wie zuvor Liedertafel-Präsident Prof. Dr. Frank Sobirey ausgeführt hat, knüpfte Nestle 1956 erste Kontakte unter anderem zu Louis Escande, damals Bürgermeister von Mâcon, und zu Lehrer Bernard Humblot. Mit seinen Freunden Georges Weirich und Jean Claude Amiot hob der damalige Liedertafel-Vorsitzende Nestle 1970 eine Partnerschaft zwischen dem Chor und der Cantoria Mâcon aus der Taufe, die nun ihr 50-Jähriges Bestehen und am 31. Mai das 55. gemeinsame Konzert feiert.

Die Städtepartnerschaft ist ebenfalls Thema der Verse, die Paul Tremmel an die Herren im Saal richtet. An diesem Abend nimmt der bekannte Mundart-Dichter, die Ehrung für den ältesten Herrenweinabend-Besucher entgegen. Was sich der 90-Jährige wünscht? „Drum trinke fescht die ganz Bagage uff unser schänie Jumelage!“

Den artistischen Kontrapunkt zu den Redebeiträgen setzen Dominik und Jessy Weisheit vom gleichnamigen Zirkus. Wie Moderator Norbert schied berichtet, trainieren die Brüder seit ihrem sechsten Lebensjahr an den Ringen. Für ihre Auftritte an dem anspruchsvollen Gerät sowie später mit kaum minder herausfordernden Balance- und Hebefiguren ernten die Akrobaten tosenden Beifall.

Mundart-Maestro "Chako" Habekost lässt die Menge verstummen
Zum Abschluss der ersten Herrenweinabend-Hälfte wird es plötzlich still: Wie gebannt lauschen die mehr als 1000 Herren der Wortakrobatik und dem Sprachrhythmus von Christian „Chako“ Habekost. Der Comedian, Kabarettist und Musiker ist bereits zum dritten Mal bei dieser traditionsreichen Veranstaltung dabei, die Faszination des Publikums für seine Performance ungebrochen. „Mei Schbrooch is Schbrengschdoff uff de Zung“, rappt „Chako“, ehe auch der die Beziehung der Pfälzer zu den Franzosen thematisiert. Als „späte Rache“ für den von Ludwig XIV. provozierten Pfälzischen Erbfolgekrieg, scherzt Habekost, gäben viele Pfälzer ihren Kindern französische Namen – nur um sie dann so auszusprechen, wie sie es wollen: „Scha-neddää, Fa-bi-ennää, kummen roi! Un bringen die Bubbeschees mit!“ Sein liebster französischer Vorname sei jedoch „Schallodde“, gesteht der Comedian. „Do deed mer se besser glei ,Frühlingszwiebel‘ hääße.“ Nirgends kommt man auch sprachlich näher an Frankreich heran als in der Pfalz. Davon ist der Kabarettist überzeugt.

Ein weiteres Thema, das „Chako“ beschäftigt, ist der Verkehr. Vor allem wenn er nicht fließt. Nach den großen Erfolgen von „Die Wanderhure“, „Der Wanderprediger“ oder „Ein Fisch namens Wanda“, prognostiziert Habekost, erscheine sicher bald „Die Wanderbaustelle“ – „en Horrorsriller“. Doch die Pfälzer denken positiv und versuchen, aus allem das Beste zu machen. „Vielleicht hat Gott den Stau erschaffen, damit du wieder mehr Zeit mit dir selbst verbringst?“, stellt der Comedian eine Frage in den Raum. Noch dazu hat er einen Praxistipp parat: immer ein paar gut gekühlte Flaschen Riesling im Handschuhfach deponieren und ein paar Dubbeschobbe auf der Rückbank parken. Wenn dann der Stau kommt, kann man sich entspannt zurücklehnen und sich einen „magischen Moment“ verschaffen. Da erblasst sogar der PS-Protz auf der Nebenspur vor Neid, der sich gerade mit der gleichen Höchstgeschwindigkeit vorwärtsbewegt. „Jesus hat aus dem Wasser Wein gemacht – und du aus dem Stau ein Weinfest“, unterstreicht „Chako“. Bei zunehmendem Durst und schwindendem Weinvorrat funktioniere ausnahmsweise sogar die Rettungsgasse: für den Lastwagen der Winzergenossenschaft. Am Ende seiner Zugabe macht der Mundart-Maestro den Herren im Saal ein besonderes Kompliment: „Selten hab isch misch unner so viel Männer so wohl g’fiehlt!“

Im zweiten Teil der Kult-Veranstaltung steht die Musik im Vordergrund. Zunächst übernimmt die Freddy Wonder Combo die Regie. Schon vor der Pause haben die Herrenweinabend-erprobten Musiker den Männern mit Beatles-Hits wie „All you need is love“ samt „Marseillaise“-Intro und „Hey Jude“ kräftig eingeheizt, doch spätestens jetzt stehen und feiern die meisten der Gäste auf ihren Stühlen. Gleich mehrfach erklingt neben Chansons sowie Meilensteinen des Rock und Rock ’n’ Roll ein Herrenweinabend-Klassiker, den einst der im Dezember 2015 verstorbene frühere Moderator Hans-Dieter Willisch eingeführt hat: „Ich brauch Riesling, ich brauch Riesling, ich brauch Riesling fer mein Hals! Ich brauch Riesling, ich brauch Riesling, ich brauch Riesling aus de Palz!“, schallt es zur Melodie von „Sailing“ aus mehr als 1000 Kehlen durch den Saal.

"Rieslingprinzen" und "Lewwerworschd"
Frenetisch feiern die Männer auch die große Mitsing-Runde der „Rieslingprinzen“. Begleitet von der Freddy Wonder Combo und von Ede Eber-Huber präsentieren die zehn aktiven Sänger der Liedertafel Songs mit Suchtfaktor, darunter „Auf uns“, „Aux Champs-Élysées“, „Tage wie diese“ und „Palzlied“. Und schließlich kommt der Höhepunkt, auf den viele Herrenweinabend-Besucher gewartet haben. „Könnt ihr sie schon riechen?“, fragt Moderator Schied das Publikum. „O du schänie, o du schänie, o du schänie Lewwerworschd“, donnert es aus dem Saal zurück. In diesem Jahr greift die Scharade, die einst Karlheinz Nestle eingeführt hatte, wieder heikle Themen aus Politik und Gesellschaft in Neustadt und der Welt auf. „Is des net ganz iwwerzwersch? Gell, so geht's net uff de Bersch“, lautet beispielsweise das Statement zu einem ambitionierten touristischen Infrastrukturkonzept.

Am Ende des Abends versammeln sich die Ehrengäste auf der Bühne. Dort stimmen sie gemeinsam mit den übrigen Herren im Saal den „Bacchus-Schluss-Choral“ an und geloben feierlich: „Beim Fest im nächsten Jahr, wenn Wein lacht hell und klar, dann, das versprechen wir, sind wir wieder hier!“

Autor:

Dennis Christmann aus Neustadt/Weinstraße

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