Seit 29 Jahren geeintes Deutschland
Wielange noch "die da drüben im Osten"?

Als ich 1952 in Magdeburg geboren wurde, war die ehemalige DDR gerademal 3 Jahre alt. Meine Eltern waren zu diesem Zeitpunkt 22 und 20 Jahre jung, ihre Jugend- und Halbstarkenzeit erlebten sie also im "anderen" Nachkriegs-Deutschland. Folgerichtig wollten sie als junge Eltern "da raus": 1955 flohen sie nach West-Berlin (das ging damals noch per S-Bahn in Berlin), danach waren sie als Republikflüchtlinge verfolgt und höchst gefährdet. Erst 1972 erlangten sie durch den Grundlagenvertrag einen geschützten Berlin-Status. Kaum im Westen, mußte meine Familie hinnehmen, wie 1961 die Berliner Mauer entstand - wir waren zu diesem Zeitpunkt in den Ferien im Harz und wußten 2 Tage lang nicht, ob wir nun durch die Mauer im Westen oder Osten der Stadt zuhause sind.

Das in aller Kürze als Intro - und so ist es wohl völlig normal und nachvollziehbar, daß ich im Laufe der Zeit eine sehr politisch und klare freiheitliche Erziehung bekam, die ich bis in mein jetziges Alter verinnerlicht habe.

Umso unglaublich erfreut und zufrieden war ich, als 1989 die Mauer fiel und 1990 die (staatliche) Einheit vollzogen wurde. Berlin hatten wir inzwischen längst aus priv. Gründen verlassen in Richtung Mannheim. Ich habe mit meinen Eltern gefeiert, wir haben unsere (inzwischen auch älter gewordenen) Verwandten aus der Ex-DDR eingeladen, sie später in Magdeburg besucht - und festgestellt, daß wir alle uns doch mit der Zeit auch entfremdet hatten.
Ich bin heute noch der Meinung, daß das damalige Volk der DDR unbedingt den Friedensnobelpreis verdient hat - nicht die anschließend vollziehenden Politiker (das war deren Pflicht), sondern die mutigen und gewaltlosen Bürger der damaligen DDR. Warum das bisher nicht geklappt hat - und man heutzutage diesen Preis schon bekommt wenn man "Frieden" fehlerfrei buchstabieren kann - verstehe ich wohl nicht mehr. Mehr wie mutige, friedliche und gewaltlose Demo-Revolution geht doch nicht!

Und dann kommt da ein Bundeskanzler Kohl daher, verspricht "blühende Landschaften". Willy Brandt verkündet, daß "jetzt zusammenwächst was zusammen gehört". Im Einigungsvertrag ist zu 99% alles geregelt nach Vorstellung der westlichen Regierung, die Positionen der Ostdeutschen sind untergegangen und kaum zu finden (doch: das grüne Ampel-Abbiege-Männchen).
Die Betriebe wurden plattgemacht, die Arbeitslosigkeit im Osten explodiert, über die Befindlichkeiten und individuellen Probleme der Ex-DDR-Bevölkerung wird gelächelt, gebesserwißt, abgewunken und westlich dominiert, gesagt wo es langgeht.
Immerhin: in der BRD wird ein (angeblich befristetes) Gesetz zur Solidarität beschlossen: der Soli, Finanzhilfen für den Osten (der jetzt Neue Bundesländer heißt). Niemand konnte damals wissen oder ahnen, wielange der nötig sein wird - er wird jetzt noch bezahlt, im 30.Jahr der Einheit!

Und heute - 2019 - beklagen wir, daß im Osten "falsch" gewählt wird, daß man dort noch immer jammert, daß die DDR-Nostalgie wieder auflebt, daß man sich dort abgehängt fühlt ... usw. Man beschimpft wieder die unverständlichen Ossies, man weiß wiedermal alles besser - welche Parteien gehen und welche nicht. Nicht etwa die Wessies sind schuld und verantwortlich für die Diskrepanzen zwischen den "Zusammen-wachsenden" - sondern natürlich die Ossies.

Ja, wann und wo haben sich die im Westen eigentlich mal mit dieser für "die Leute drüben" demütigenden Situation auseinander gesetzt? Ich möchte an dieser Stelle mal ein paar konkrete Vorschläge machen, wie wir - ganz einfach! - mehr Solidarität, Empathie und Lebenshilfe im Alltag leisten könnten - jeder von uns:

1. Hören wir endlich auf, von den "Neuen" Bundesländern zu sprechen - wir sind ein Staat mit 16 BL - fertig. Solange wir weiter von "neuen" und "alten" BL sprechen, trennen wir und rechnen auf. Das behindert das Zusammenkommen. Warum begreifen das Politiker und Journalisten nicht?
2. Schaffen wir den Soli ab: zu 100%, und nicht wieder gestaffelt. Solange "wir" zahlen, sind wir "oben": wer zahlt schafft an! Das ist anfangs ganz nett und auch dankenswert, aber irgendwann auch demütigend und verletzend.
3. Reden wir nicht über "die im Osten", das klingt diskriminierend. Wir reden ja auch nicht von "denen" im Norden, Süden oder Westen, höchstens beim Wetter oder in der Kriminalitätsstatistik. Der "Osten" ist eine Himmelsrichtung, keine Wertigkeit!
4. Noch unmöglicher: Ossies oder Wessies ... was zunächst flapsig gemeint war, ist inzwischen eine herablassende Beleidigung.
5. Die pinkelartige Angleichung von Löhnen und Renten ist wie ein Gängelband: hören wir auf damit und schaffen wir endlich Gleichheit. Warum müssen wir im Centbereich die Unterschiede manifestieren - lasst doch den Kräften des individuellen Wollens, Könnens, Engagierens und Machens ihren Lauf! Ein Tapezierer aus THÜ klebt auch von oben nach unten - wie einer aus BAY.
6. Hören wir auf mit "West-Exporten" von Politikern, Managern, Beamten u.a. Besserwissern: lassen wir doch die Leute in ... THÜ, SA, SAN, MVP, BR ihre eigenen Erfahrungen machen und durch Erleben lernen. Wenn sie Hilfe wollen, herzlich gerne - dann sollen sie es erfragen. Warum drängen wir immer ihnen unser Besserwissen auf?

Im Okt nächsten Jahres sind wir 30 Jahre zusammen: viele Ehen schaffen das nicht, und unsere Kinder haben wir in diesem Alter längst in die Freiheit und ins pralle Leben entlassen (evtl. sogar rausgemobbt). Jetzt noch Übereltern spielen zu wollen geht regelmäßig daneben - dann sollten wir das doch auch für unsere Mitmenschen "drüben" endlich auch so machen und das respektieren.

Ich weiß, mit diesem Essay werde ich eine Flut von Gegenmeinungen generieren - vielleicht aber auch Gleichdenkende antreffen. Das wäre mir recht und wichtig. Hey ihr im Westen: kommt mal runter!

Autor:

Wolfgang Pieper aus Maxdorf

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