Hartz IV und Corona-Pandemie.
Harte Zeiten für Obdachlose.

Kein Dach über dem Leben.
Biographie eines Obdachlosen.
2017 Rowohlt-Verlag. 272 Seiten.
Mit einem Vorwort von Günter Wallraff.
  • Kein Dach über dem Leben.
    Biographie eines Obdachlosen.
    2017 Rowohlt-Verlag. 272 Seiten.
    Mit einem Vorwort von Günter Wallraff.
  • Foto: Richard Brox
  • hochgeladen von Helmut Brox

Richard Brox

Der Winter von 2020 auf 2021 enthüllte Schonungslos die Schwachpunkte in der deutschen Sozialpolitik im Umgang mit den Ärmsten der Armen.

Aus dem Leben von Obdachlosen Menschen in einem reichen Land.

Kein Dach über dem Leben mehr und jetzt auch noch die Corona-Pandemie. Ausschnitt aus dem Leben von Obdachlosen in Deutschland.

Der Winter von 2020 auf 2021 in Deutschland wird uns noch lange beschäftigen. Er war hart und streng. Härter und strenger als die vielen Jahre und Jahrzehnte davor.

Schockgefroren und doch noch überlebt? Dieser Winter - ein Alptraum für Obdachlose!

Ein Winter, der uns noch lange in Erinnerung bleibt. Denn zu Kälte, Frost, Schnee und Eis kommt die Corona-Pandemie hinzu, mit den uns allen hinlänglich bekannten negativen Begleiterscheinungen. Mensch und Tier leiden unter den aktuellen Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie, insbesondere die Alten, die Kranken und Menschen mit Behinderungen.

Doch das meiste Leid in diesen Tagen tragen die Obdachlosen. Menschen in sozial sehr schwierigen und prekären Lebenslagen, von denen sich schätzungsweise 40 bis 60 Menschen ohne ein Dach über dem Kopf in Mannheim aufhalten und ein paar Hundert im gesamten Rhein-Neckar-Raum. Menschen die bei Wind und Wetter permanent draußen sind und dort irgendwo im Freien ungeschützt Platte machen, und als mittellose Pendler ohne Obdach auf der Suche nach einer geschützten Bleibe umherziehen.

Menschen unterschiedlicher Herkunft. Darunter viele Osteuropäer und Geflüchtete, die ebenfalls unsere Hilfe, Schutz und Sicherheit brauchen und verdienen.

Menschen die von Sorgen und Nöten geprägt und gepeinigt sind, und die von dieser Art zu leben gerade jetzt in dieser Jahreszeit ausgelaugt und geschädigt sind. Neben Alkohol- und Drogenerkrankungen sind es vielfach die psychischen Erkrankungen oder Schicksalsschläge wie Scheidung oder Tod einer geliebten Person, die sie in die Obdachlosigkeit getrieben haben. Heimatlos zu sein und draußen zu leben ohne ein Dach über dem Kopf, ohne eigene Wände um sich herum, bedeutet schon immer ein Leben ohne Schutz, Recht und Würde. Es gibt hier keine Wärme von Aussen, die trocknet und gesund hält. Oft fehlt auch die Wärme von Innen.

Aber in der Pandemie werden Wohnsitzlose durch die Gesetzesänderungen besonders scharf getroffen: Sie müssen ohne die bislang möglichen Orte des Rückzugs auskommen, ohne regelmäßige Versorgung mit Lebensmitteln, Getränken, Bekleidung, ohne finanzielle Zuwendungen wie Bettelgeld oder das Sammeln von Leergut. Den Ärmsten der Armen fehlen zudem die Tagesaufenthalte zum Aufwärmen, Wärmestuben mit Duschen und Waschmaschinen zum Wäsche waschen. Auch die Versorgung mit Grundnahrungsmittel durch die Tafel ist nicht mehr regelmäßig gewährleistet.

Die Stadt Mannheim musste zum Beispiel wegen den dringend gebotenen Covid-19 Maßnahmen die Aufnahmekapazitäten in der für gewohnt sehr guten Notübernachtung in der Bonadiestrasse reduzieren. Das hat zur Folge gehabt, daß die Zahl der Obdachlosen in der Quadratestadt sich steigerte. Viele Obdachlose meiden allerdings Unterkünfte, haben sie doch Angst davor, in Notschlafstellen von anderen Bewohnern belästigt, bestohlen oder bedroht zu werden.

Desweiteren sind Anlauf- und Beratungsstellen für Wohnsitzlose, so im Amtsdeutsch, teilweise zu oder nur vermindert erreichbar. Das Jobcenter am Nationaltheater oder das Sozialamt an der Kurpfalzbrücke sind wie viele andere Behörden im Homeoffice und nicht mehr unmittelbar persönlich erreichbar. In Essensausgabestellen sieht es ähnlich aus: die einen sind geschlossen, oder nur eingeschränkt geöffnet, die anderen überfüllt und deshalb "nicht erreichbar".

In der Innenstadt von Mannheim fehlen die Fußgänger, die hin und wieder den Obdachlosen ein paar Euros gaben. Auch die geregelte Auszahlung von Tagessätzen ist nicht mehr reibungslos machbar. Keine Tagessätze zu bekommen bedeutet aber kein Hartz IV und keine Krankenversicherung. Ein Leben ohne Almosen, ohne Tagessatz - wie viel Würde und soziale Teilhabe ist dann noch möglich?

Nicht nur für Obdachlose ist es der vielleicht schlimmste Winter der Nachkriegsgeschichte und der Winter ist noch lange nicht vorbei. Dabei wäre Abhilfe möglich: Zum Beispiel durch die Öffnung von leerstehenden Hotels, Pensionen und Gästehäusern in direkter Zusammenarbeit mit der solide funktionierenden Facheinrichtung der Wohnungslosenhilfe in der Holzstrasse. In den bereits vorhandenen Wohnheimen der Stadt und in den Beherbergungsbetrieben könnten die Obdachlose dann sozial und medizinisch betreut und begleitet werden. Eine Vorstufe zu Resozialisierung, Reintegration, Rehabilitation und gleichfalls auch ein lohnender Versuch der Sesshaftmachung. Mit Sicherheit aber die beste Lösung zur Gefahrenabwehr, damit niemand draußen bei Nacht und Kälte dem Erfrierungstod zum Opfer zu fällt.

Gäbe es die Corona-Pandemie nicht, hätte und hat meine Heimatstadt durch aus bessere Angebote für Hilfesuchende, als es noch zu meiner Zeit noch war. Als ich 1986 obdachlos wurde hat sich die Stadt Hilfebedürftigten, wie ich einer wurde, eher wie ein tiefschwarzer Rabe in der finsteren Nacht verhalten. Da haben heute die Obdachlosen und ihre Unterstützer durch ständige Aufklärung und praktische Arbeit zumindest teilweise ein erfreuliches Umdenken erreicht.

Menschen, die in Armut leben, haben es verdient, mit Anstand und Würde behandelt zu werden. Ihnen darf die Hoffnung nicht genommen werden! Obwohl es mittlerweile also in Ansätzen wertvolle Hilfe für die Not der Ärmsten der Armen gibt, fehlt doch noch der Wille und die Einigkeit zur flächendeckenden Unterstützung. Sowohl für Obdachlose als auch für mittellose Geflüchtete. Würden alle Verantwortlichen in Amt und Würden an einem Strang ziehen, wäre dieser Ausnahmewinter für Obdachlose zu ertragen, ohne dass sie zukünftig Angst haben müssten frühzeitig zu sterben.

30 Jahre habe ich deutschlandweit ohne festen Wohnsitz gelebt. Spuren, die sich tief in mir eingruben, meine Lebensweise veränderterten und mich zu einem Eremit und Vagabunden machten. Heute hier, morgen dort. Aber immerhin: Aus einem Heimkind wurde ein Wandersmann. Aus einem Bettler wurde ein Autor, sogar ein Bestsellerautor und jetzt auch noch ein Literaturpreisträger, wenn auch im fernen Taiwan.

Was ich erfahren und erlebt habe, schrieb ich in meiner Biografie "Kein Dach über dem Leben" nieder und öffnete damit auch anderen Autoren mit ihren Biografien die Tür nach Außen. Alles ohne einen Schulabschluss, ohne Berufsausbildung und ohne eine Familie, die mich hätte stützen können. Heute resilient zu sein, für Menschen dazusein, denen es schlechter geht als mir - damit möchte ich zurückgeben, was mir auch durch die Hilfe anderer gelungen ist.

Wer kein Dach mehr über dem eigenem Leben hat, hat alles verloren, hat nichts mehr zu verlieren, kann nur noch geben.
Wer nichts mehr hat, ist stets und fürwahr der Ärmste von allen und hat unsere Loyalität und Hilfe in jeder Hinsicht verdient.

Autor Richard Brox

Literaturpreisträger,
Bestsellerautor,
Blogger,
Speaker für Obdachlose in Deutschland.

Ein Leben ohne Schutz - ohne Rechte und ohne Würde!
Wie viel wert ist dann noch ein Menschenleben?

Das Leid der Elenden ist nicht nur im Winter Qual und Pein für die Ärmsten der Armen. Das Leid der Obdachlosen ist Zeit- und Grenzenlos überall und immer da. Nichts ist härter und schlimmer als kein Dach mehr über dem eigenem Leben zu haben. Niemand ist freiwillig Obdachlos. Obdachlosigkeit ist nur der letzte Schrei nach Hilfe.

Wie viel wert ist dann noch ein Menschenleben - unbezahlbar wertvoll.

Autor:

Helmut Brox aus Mannheim

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