Internationaler Holocaust-Gedenktag
Tausende Zeugen Jehovas unter den Millionen Opfern des Nationalsozialismus

Ein Häftlingsanzug eines Zeugen Jehovas mit einem lila Winkel
  • Ein Häftlingsanzug eines Zeugen Jehovas mit einem lila Winkel
  • Foto: www.jw.org
  • hochgeladen von Tabitha Hombach

Berlin, 27.01.2022 – Der 27. Januar markiert weltweit den Internationalen Holocaust-Gedenktag, ein symbolisches Datum zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Der mörderische NS-Terror richtete sich aus Gründen der Genetik, Rasse, Nationalität oder politischen Ideologie gegen Millionen Menschen. Doch was nur wenige wissen: Zu den Opfern des brutalen Regimes gehörten Tausende von Zeugen Jehovas, die für ihren christlichen Glauben leiden mussten.
Jehovas Zeugen, damals auch als Bibelforscher bekannt, waren „die Einzigen, die im Dritten Reich allein wegen ihres Glaubens ins Visier der Häscher gerieten“, sagt Professor Robert Gerwarth. Das NS-Regime brandmarkte die Zeugen gemäß der Historikerin Christine King als „Staatsfeinde“ wegen „ihrer in aller Öffentlichkeit vertretenen Haltung und Weigerung, auch nur die geringsten Bestandteile des Nationalsozialismus, die mit ihrem Glauben unvereinbar waren, zu akzeptieren“.
Aus religiösen Gründen weigerte sich die politisch neutrale Opfergruppe, den Hitlergruß zu entbieten, sich an rassistischen und gewalttätigen Handlungen zu beteiligen oder der deutschen Wehrmacht beizutreten. Darüber hinaus „identifizierten sie in ihrer Literatur öffentlich die Übel des Regimes, einschließlich dessen, was mit den Juden geschah“, erklärt King.
Jehovas Zeugen gehörten zu den ersten Häftlingen der Konzentrationslager, wo sie ein eigenes Häftlingssymbol trugen – den lila Winkel. Von den etwa 35 000 Zeugen Jehovas im von den Nationalsozialisten besetzten Europa litt mehr als ein Drittel unter direkter Verfolgung. Die meisten wurden festgenommen und inhaftiert. Hunderte ihrer Kinder wurden in nationalsozialistische Heime oder Erziehungsanstalten gebracht. Ungefähr 4 200 waren in Konzentrationslagern inhaftiert. Der Historiker und ehemalige Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme Prof. Dr. Detlef Garbe schrieb: „Es war das erklärte Ziel der nationalsozialistischen Machthaber, das Bibelforschertum aus dem deutschen Volksleben radikal ‚auszumerzen‘.“ Rund 1 600 Zeugen starben, 370 durch Hinrichtung.
Die Nationalsozialisten versuchten, die religiöse Überzeugung der Zeugen zu brechen, indem sie ihnen Freiheit im Austausch für ein Gehorsamsversprechen anboten. Die Standard-Erklärung forderte ab 1938 den Unterzeichner auf, seinem Glauben abzuschwören, andere Zeugen bei der Polizei anzuzeigen, sich voll und ganz dem NS-Regime zu unterwerfen und das „Vaterland“ mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Gefängnis- und Lagerbeamte wandten oft Folter und grausame Repressalien an, um einen Zeugen zum Unterschreiben zu bewegen. Laut Garbe schwor nur eine „sehr niedrige Zahl“ ihrem Glauben ab.
Geneviève de Gaulle, eine Nichte des ehemaligen französischen Präsidenten Charles de Gaulle und Mitglied der französischen Résistance, sagte über weibliche Gefangene der Zeugen Jehovas im Konzentrationslager Ravensbrück: „Ich hatte große Achtung vor ihnen, denn sie hätten ja von heute auf morgen freikommen können, wenn sie durch eine Unterschrift ihrem Glauben abgeschworen hätten. ... Im Grunde waren diese Frauen, die so schwach und ausgemergelt aussahen, stärker als die SS, die die Macht auf ihrer Seite hatte und alle Mittel aufbieten konnte. Sie hatten Kraft, Willenskraft, und die konnte niemand beugen.“
An Jehovas Zeugen scheiterte die NS-Zwangsideologie. Der gewaltlose Widerstand von einfachen Menschen gegen Rassismus, extremen Nationalismus und Brutalität steht im Gegensatz zu einer weit verbreiteten gesellschaftlichen Anpassung an die Ziele der NS vor und während des Holocausts. Jehovas Zeugen verdienen es, als Opfergruppe beachtet zu werden. Der 27. Januar bietet als internationaler Gedenktag eine Gelegenheit, genau das zu tun.

Autor:

Tabitha Hombach aus Ludwigshafen

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