Triage
Gesellschaftlich medizinisch aussortiert

Wir erleben gerade erneut eine Zeit, in der Menschen mit Beeinträchtigung sich unfreiwillig in einer Situation befinden, die eigentlich seit achtzig Jahren für beendet zu sein schien. Die Rede ist von Triage.
Das Wort Triage kommt aus dem Französischen und bedeutet übersetzt „Auswahl“ oder auch „Auslese“. In der Praxis geht es darum, dass im Notfall bei der Rettung von mehreren Menschen darüber entschieden wird, welcher Mensch die lebensnotwendigen Unterstützungen erhält und wer nicht. Im schlimmsten Fall bedeutet dies für die Personen ohne Unterstützung den Tod.
Diese Form des Umgangs mit Menschen ist in keinem Gesetz erwähnt. Im Gegenteil. In Artikel Drei des deutschen Grundgesetzes heißt es „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“.
Doch genau dies findet momentan aufgrund von Corona in vielen Krankenhäusern in Europa statt. Auch in Deutschland. Ärzte und Pfleger wissen sich aufgrund der enormen Zahl der Corona-Erkrankten in der Intensivstation nicht mehr zu helfen und entscheiden innerhalb von wenigen Momenten, wem sie entsprechende Hilfen geben. Die Entscheidung fällt in diesem Zusammenhang gegen den Menschen mit Beeinträchtigung. Der angegebene Grund: Dieser Mensch hätte höchstwahrscheinlich ohnehin keine ohne wenig Überlebenschance bzw. würde im Falle des Überlebens größere Schäden davontragen. Dabei haben die Ärzte eine interne Liste, womit sie entscheiden, bei welchen bereits vorliegenden Erkrankungen von schwerbehinderten Menschen, die nun auch an Corona erkrankt sind und sich nun auf der Intensivstation befinden, Triage anwenden. Diese Liste betrifft so gut wie alle Menschen mit Beeinträchtigung.
Dieses Beispiel zeigt, dass sich das Bild gegenüber Menschen mit Beeinträchtigung seit jeher nicht geändert hat. Weder beim Krankenhauspersonal noch bei der Bevölkerung, die durch eigene falsche Verhalten schwächere Mitmenschen durch Ansteckung erkranken lies. Die wenigsten Menschen mit Beeinträchtigung tragen ein eigenes Verschulden, erkrankt zu sein, denn entweder sind sie von Pflegern abhängig, um auch von Corona geschützt zu bleiben oder sie befinden sich in Situationen, wo sie auf Mitmenschen treffen, die sich weigern, die Schutzmaßnahmen einzuhalten.
Dazu kommt die Vermutung aus Kreisen der Behindertenarbeit, dass Bewohner aus Pflegeheimen und besonderen Wohnformen bei Erkrankung erst gar nicht in ein Krankenhaus gebracht werden und zu Hause sterben müssen.
Da der Vorgang der Triage der weiten Bevölkerung noch unbekannt ist und die Mediziner ihr Tun nicht als Diskriminierung, sondern als Notwehr erachten, wird Triage stillschweigend weiter betrieben. Mediziner wehren sich strikt gegen das Vorurteil, dass es sich bei Triage um Diskriminierung handelt. Sie begründen es damit, dass es sich bei dem schwächeren Patienten, der wahrscheinlich die Krankheit nicht überleben könnte, nicht zwangsweise um einen Menschen mit Beeinträchtigung oder einem alten Menschen handeln muss.
Auch wenn die Corona-Situation relativ plötzlich kam, muss die Politik im Rahmen eines Gesetzes einlenken – so aus Kreisen der Behindertenarbeit. Denn auch die Mediziner sind in dieser Situation die Opfer. Wenn nur eine bestimmte Menge an Intensivbetten mit Medikamenten und weiterer Ausrüstung vorhanden ist, sollte das Gesetz insoweit geändert werden und der Gesetzgeber insoweit in der Verantwortung stehen, dass in Krisensituationen die Mediziner gewappnet sind und erst gar nicht in die Situation kommen, Entscheidungen wie bei Triage treffen zu müssen. Zudem sollte auch in diesem Punkt – wie auch in anderen Lebenssituationen - klar sein, dass körperlich schwächere Menschen grundsätzlich stärker geschützt werden als andere – und nicht umgekehrt, wie es bei Triage der Fall ist.
Bisher wurden jedoch sämtliche Organisationen von Menschen mit Behinderungen aus politischen Fachgesprächen zur Triage ausgeschlossen – auch wenn viele Aktivisten und Aktivistinnen sich umgehend an die Arbeit gemacht haben, um diesen Miss-stand bekannt zu machen, indem z.B. Klagen eingereicht wurden. Dazu kommen seit Monaten zahlreiche Presseberichte aus Behindertenkreisen dazu.
Auch wir, als Verein Mein Seelentröpfchen, haben vor allem durch unsere Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (kurz EUTB®) die Aufgabe über eine solche Lage und allgemein über Corona aufzuklären, im Rahmen der Hilfe zur Selbsthilfe.
Ratsuchende und Angehörige, die Fragen haben zur Triage, zu Corona oder zu anderen Alltagsthemen in Verbindung mit Beeinträchtigung, können sich gerne werktags von 10 Uhr bis 16 Uhr unter der Telefonnummer 0631 36139439 melden oder unter eutb@mein-seelentroepfchen.de.

Die EUTB® Seelentröpfchen e.V. befindet sich in der Mainzer Str. 54 67657 Kaiserslautern.

Gelesene Literatur:
1.https://abilitywatch.de/2020/07/21/verfassungsbeschwerde-gegen-triage-verfahren/
2.https://kobinet-nachrichten.org/2020/12/18/triage-gesetzgeber-muss-diskriminierungsfreie-entscheidung-sicherstellen/
3.https://www.swr.de/swraktuell/rheinland-pfalz/trier/verfassungsbeschwerde-gegen-triage-leitlinien-100.html?fbclid=IwAR0LicHMWq9pbmLHpFM4SvCGBXD_hSKZ7m6mcSmu9h7HLUBrHH7ORKx81Tw
4.https://kobinet-nachrichten.org/2021/01/24/massenhaft-versteckte-triage/

Verfasst von:
Irene Alberti, Teilhabe-Beraterin bei
Mein Seelentröpfchen e.V. - Zentrum der Seele
Mainzer Str. 54, 67657 Kaiserslautern
Tel.: 0631 36 139 439
Fax: 0631 41 405 619
E-Mail: irene.alberti@mein-seelentroepfchen.de
www.mein-seelentroepfchen.de

Autor:

Mein Seelentröpfchen e. V. - Zentrum der Seele aus Kaiserslautern

Webseite von Mein Seelentröpfchen e. V. - Zentrum der Seele
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