Zukunftsforum Wald und Natur
Unser Wald braucht Hilfe

Wolfgang Schuh: „Der Wald verbessert das Klima. Über 2.000 Mio t CO2 speichert der deutsche Wald. Durch eine nachhaltige Waldwirtschaft nimmt der CO2-Speicher jährlich um 50 Mio t zu“. V.l.n.r.: Werner Kempf, Ulrich Matthes, Wolfgang Schuh, Christine Schneider, Christian Burkhart.
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  • Wolfgang Schuh: „Der Wald verbessert das Klima. Über 2.000 Mio t CO2 speichert der deutsche Wald. Durch eine nachhaltige Waldwirtschaft nimmt der CO2-Speicher jährlich um 50 Mio t zu“. V.l.n.r.: Werner Kempf, Ulrich Matthes, Wolfgang Schuh, Christine Schneider, Christian Burkhart.
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  • hochgeladen von Günter Hirschmann

Annweiler. Das Interesse war groß. Rund 130 Zuhörer waren am Donnerstag dieser Woche in den Hohenstaufensaal zum Zukunftsforum Wald und Natur gekommen, um von hochkarätigen Experten aus Wissenschaft und Politik zu hören, wie sich der heute schon messbare Klimawandel auf die Zukunft des Waldes auswirkt. Dazu eingeladen hatte der CDU Gemeindeverband Annweiler unter der Leitung von Werner Kempf. Die Moderation der Veranstaltung übernahm Bürgermeister Christian Burkhart.

Ein überwiegend fachkundiges Publikum nahm die Gelegenheit wahr, sich über die aktuellen Forschungsergebnisse zu informieren und Fragen zu stellen: Wie weit ist der Klimawandel bereits Realität geworden für die forstwirtschaftlichen Belange. Und was ist von der klimapolitischen Seite auf europäischer Ebene für die Bewältigung der gewaltigen Herausforderungen zu erwarten, vor denen die kommunalen und privaten Waldbesitzer stehen.

Wälder erhalten, stärken und auf die Zukunft vorbereiten
Der Klimawandel macht das Waldökosystem anfälliger für Schäden. Stürme, Hitze und Trockenheit begünstigen Schädlinge wie den Borkenkäfer (Foto). Das stellt Waldbesitzer, Naturschützer und Wissenschaftler vor große Aufgaben.
„Unser Wald ist Lebensraum, Holzlieferant, Erholungsort und Klimaschützer. Es muss daher unser Ziel sein, klimastabile Wälder aufzubauen. Und zwar weltweit, in der EU und in der Pfalz“, umriss die Europaabgeordnete Christine Schneider (EVP) die Strategie, die mit dem EU Green Deal  verbunden ist. Denn die Wälder seien wichtiger Bestandteil des New Green Deal: „Unser Wald braucht Hilfe – weltweit“.
Dazu müsse Bürokratie abgebaut, die Bio-Ökonomie gestärkt und die Wiederaufforstung vorangetrieben werden. Eine finanzielle Unterstützung für die kommunalen und privaten Waldbesitzer sei unabdingbar. Dafür müssten auch Mittel aus der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) bereit gestellt werden.
Die EU könne nur koordinieren, die Kompetenzen liegen bei den Mitgliedstaaten, betonte die Europapolitikerin Schneider, denn: „Die Herausforderungen und Bedürfnisse unserer Wälder in Europa sind unterschiedlich“. Daher bedürfe es individueller Regelungen zur Förderung auf Bundesebene für:
• naturnahe Waldbewirtschaftung
• forstwirtschaftliche Infrastruktur
• forstwirtschaftliche Zusammenschlüsse
• Erstaufforstung
• Vertragsnaturschutz im Wald
• Maßnahmen zur Bewältigung der durch Extremwettereignisse verursachten Folgen im Wald.

Gemeinsame Forschung intensivieren
Christine Schneider: „Ich setze mich für eine qualifizierte, ganzheitliche und eigenständige EU-Forststrategie für die Zeit nach 2020 mit dem Schwerpunkt nachhaltiges Forstmanagement ein. Die Waldgebiete in der EU müssen sowohl qualitäts- als auch flächenmäßig verbessert werden, damit die EU ihre Klimaziele erreichen, die Biodiversität schützen und eine gesunde Umwelt schaffen kann.“ Europaweit müsse die gemeinsame Klimawandelforschung intensiviert werden.

Der Klimawandel ist längst im Gange. Er ist messbar. Auch in SÜW.
Das zeigte der Leiter des Rheinland-Pfalz Kompetenzzentrums für Klimafolgen, Ulrich Mathes, anhand zahlreicher Forschungsergebnisse der jüngsten Zeit in großer Eindringlichkeit auf. Waldökologie und Forstwirtschaft stehen vor gewaltigen Herausforderungen. Es müsse alles Menschenmögliche getan werden, um den absehbar weiteren Temperaturanstieg zu begrenzen. Für die Wälder der Südpfalz ist der Klimawandel bereits heute besonders deutlich spürbar (Grafik unten).

Es werde künftig weniger Bodenwasser für Waldbäume geben wegen des tendenziell abnehmenden Niederschlags in der Vegetationszeit bei gleichzeitig mehr Verdunstung durch höhere Temperaturen.Die Niederschläge werden zunehmend häufiger als sogenannte Starkregen fallen. Bodenerosion, Humusverlust und Wegeschäden sind die Folge. Und die Winter werden milder und feuchter werden.Matthes: „Der menschengemachte Klimawandel erhöht die Wahrscheinlichkeit von Extremen. Die Häufung und Intensität der Ereignisse ist ohne den menschlichen Einfluss nicht mehr erklärbar.“

Was können wir tun?
Ziel muss sein, so Matthes, die Widerstandsfähigkeit und Selbstregulation zur Erhaltung grundlegender Funktionen und Leistungen zu fördern (Resilienz). Die Wiederbewaldung muss unter Berücksichtigung der natürlichen Waldgesellschaft und nach räumlichen Prioritäten erfolgen: „Eine ‚Wunderbaumart‘ ist nicht in Sicht, aber das Anpassungsvermögen heimischer Baumarten darf nicht unterschätzt werden“.

Baumarten, die sich optimal an den Klimawandel anpassen sind: Traubeneiche, Feldahorn, Linden, Elsbeere, Mehlbeere, Robinie, Eibe. Einbringungswürdig sind Buche, Hainbuche, Spitzahorn, Esche, Vogelbeere, Haumhasel, Edelkastanie, Roteiche, Kiefer, Korsische Schwarzkiefer. Hierzu bestehe allerdings noch ein erheblicher Forschungsbedarf.

Die Wildfrage sei in diesem Zusammenhang wichtiger denn je. Wenn der Wildverbiss zu hoch ist, wird der für klimastabile Wälder notwendige Verjüngungs- und Anpassungsprozess der Wälder beeinträchtigt. Für waldangepasste Wildbestände werde man über neue Standards im Jagdrecht nachdenken müssen.

Matthes: „Wir können den Wald nicht anpassen. Aber wir können den Wald in seiner Anfassungsfähigkeit stärken und unterstützen“.

Forderung der Waldbesitzer: Eine Waldklimaprämie
„Die Extremwetterlagen häufen sich. Das bringt erhöhte Verkehrssicherungspflichten mit sich. Dürre und Borkenkäfer setzen dem Wald zu. In den letzten beiden Jahren sind die Käferholzmengen von unter 200.000 Festmeter (fm) auf über 600.000 fm in 2018 und im vergangenen Jahr auf fast 2 Mio fm gestiegen“, erläuterte Wolfgang Schuh, Geschäftsführer des Waldbesitzerverbandes RLP.

Dadurch sei bundesweit ein Schaden von 3 Mrd Euro zu beklagen. Die Folgen für die Forstbetriebe in Rheinland-Pfalz seien gravierend. Die Waldflächen müssen wieder aufgeforstet werden. Das stelle private und kommunale Waldbesitzer vor erhebliche finanzielle Probleme. Denn die notwendigen Einnahmen hierfür fehlen wegen der stark gesunkenen Holzpreise: „Der Holzmarkt ist jetzt schon überfüllt. Während bislang für Fichtenholz 90 Euro erlöst wurden, sind es derzeit nur noch 30-40 Euro pro Festmeter“. Das sei kaum kostendeckend für die Wiederaufforstung.

Es drohen wirtschaftlichen Schieflagen der Forsthaushalte, warnte Schuh. Hilfen für die akute Schadensbewältigung seien daher unerlässlich: "Wir brauchen ein Sofortprogramm Borkenkäfer und Dürreschäden“.

Wolfgang Schuh: „Eine nachhaltige Forstwirtschaft dient dreifach dem Klimaschutz. Die Wälder nehmen CO2 auf und speichern es. Im Holzbau wird CO2 langfristig gespeichert. Außerdem ersetzt Holz CO2-intensive Rohstoffe, wie Stahl, Beton“. Daher fordere der Waldbesitzerverband den Gesetzgeber auf, eine Waldklimaprämie zu beschließen.

Forstwirtschaft ist in Kommunalpolitik eingebunden
Zahlreiche Annweiler Kommunalpolitiker und Forstverantwortliche haben am Zukunftsforum Wald und Natur teilgenommen. Man konnte in viele nachdenkliche Gesichter schauen.

Danach gefragt, was er aus dem Zukunftsforum Wald und Natur mitgenommen habe, meinte Stadtförster und Geschäftsführer der Annweiler Trifels Natur GmbH, Harald Düx: „Mein Kompliment an die Veranstalter, dass sie dem Wald eine Stimme gegeben haben.

In der Diskussion ist die Diskrepanz zwischen den hehren klimapolitischen Zielen und einer katastrophalen Verhinderungs- und Verschleppungs-Bürokratie deutlich geworden. Die Notwendigkeit einer Förderung der kommunalen und privaten Waldbesitzer ist längst erkannt. Dringend notwendige Waldflurbereinigungen kommen über Jahre nicht voran. Es scheitert nicht am Geld, sondern das Geld kommt durch bürokratische Hürden nicht an. Innovation wird ausgebremst.“

Darunter leide auch das sich hinziehende Bauvorhaben Forsthof Annweiler, dessen Holztragwerk weltweit einzigartig sei, und das mit seinem innovativen und nachhaltigen Konzept einen wesentlichen Beitrag zur Entstehung eines funktionierenden Holzclusters in der Großregion leiste.

„Durch unsere Trifels Natur GmbH haben wir in Annweiler den Entscheidungsspielraum und das finanzielle Polster, um kreativ tätig zu sein“, so Düx weiter. Daher sei es auch möglich, mit neuen Baumarten experimentieren zu können.

Für Stadträtin Elisabeth Freudenmacher (Grüne) haben sich aus den Vorträgen keine neuen Erkenntnisse ergeben: „Das was der Wald an Ökosystemleistung bringt, muss bei allen forstlichen Überlegungen die wichtigste Rolle spielen. Dahinter müssen wirtschaftliche Überlegungen, die meist nur einen viel zu kurzen Zeitraum betrachten, zurückgestellt werden“.

Und für die privaten Waldbesitzer bedürfe es einer guten Beratung durch den zuständigen Förster: „Er wird auch helfen müssen, für seine Klienten die Förderanträge zu stellen. Es ist schwierig abzuwägen, ob es im Einzelfall sinnvoller ist, neue Wege zu bauen oder die bis jetzt unerschlossenen Waldteile sich natürlich entwickeln zu lassen und den Eigentümern dafür einen Ausgleich zu zahlen“.

„Die Informationen und Diskussionsbeiträge haben mir deutlich gemacht, wie wichtig es ist, dass auch im Stadtrat und seinen Ausschüssen die komplexen Zusammenhänge verstanden werden, die mit einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung verbunden sind“, zog Stadträtin Carmen Winter (CDU) ihr persönliches Fazit. Immerhin sei die Stadt Annweiler mit ihrem 2.200 ha großen Bürgerwald siebtgrößter kommunaler Waldeigentümer in RLP. Und damit besonders von den Herausforderungen, die der Klimawandel für den Bürgerwald mit sich bringe, betroffen: „Dass unser Stadtbürgermeister, Benjamin Seyfried, eine Tageswanderung mit der Ortsgruppe Annweiler des Pfälzerwald-Vereins im Annweiler Forst anführt, ist dafür eine wichtige öffentliche Botschaft“. |hi 

Autor:

Günter Hirschmann aus Annweiler

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